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Der Israelit · 1884-08-14 · Heft 65 (14.8.1884) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 65 (14.8.1884)
Date
1884-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1078 Störungen und Abirrungen und alle Gewaltsamkeiten verzeihen. Diese Männer, die Alles opferten in der Vergangenheit und die nach den Protokollbüchcrn am Tage arbeiteten und in der Nacht wachten zum Heile ihrer Religion und deren Mitbekenner, die konnten es nicht gelassen hingehen lassen, daß ein Mann durch philosophische Untersuchungen alle ihre Hingebungen als Vergeudungen an ein Phantom darstellte, sie mußten den Ketzer verfolgen. Ich habe die beiden Blätter in der Hand gehabt, die zusammengeklebt sind, und auf der einen Seite steht in portugiesischer Sprache der Beschluß des jüdischen Gemeinderaths mit den Unterschriften, daß diese Blätter auf ewig verklebt sein sollen. Sie enthalten den Bann und wahrscheinlich auch das Verfahren gegen Spinoza. Ich ließ die Sonne hindnrchscheincn, man konnte Einiges unterscheiden, namentlich alle Unterschriften, ähnlich.dem Protokoll, weiter nichts. Ich will dir aber wieder ordentlich erzählen. Ich ging mit Michel Mendes nach der portugiesischen Synagoge. Wir kamen nach dem Gemeindehaus. Da hängen sehr charakteristische Bilder von einem hochbedeutenden jüdischen Maler Brandom. Eines, „Die Predigt des Rabbinatsbeisitzers Cardoso": der Rabbiner, einen Vortrag haltend, und in der Synagoge wunderbare Gruppen; ein anderes, „Die Prüfung", wo die Knaben herankoinmen und geprüft werden. Im Sitzungssaale der Parnasim sVorsteherj ist mehrfach das Wappen der jüdischen Gemeinde angebracht, als Holzschnitzerei auf den Stühlen rc., ein Pelikan, der sich die Brust aufreist und 3 Junge nährt. Ein anderes Bild stellt die Einweihung der jetzigen Synagoge vor 200 Jahren dar, die Rabbiner tragen Kerzen. Der Küster schloß mir die Synagoge auf, an der „heiligen Lade" ist an einer der Holzfäulen ein Maser, der ganz deutlich das Bild eines Papageien hat, das sich von selbst herausschnitt. Der Küster hat nur Weniges in seinem Verschluß: ein Waschbecken für die Priester- Rachkonnncn, von Abraham und Sara Cohen de Hereira gespendet, in schöner getriebener Arbeit, dann schöne, getriebene Schalen, die an den Fasttagen je zu drei von den Vorstehern umhergetragen werden (in die eine wird für die Annen, in die andere für Palästina, in die dritte für jüdische Gefangene gesammelt). Ich war dann bei dem Küster in seiner Wohnung, die holländisch säuberlich ist. Endlich war der Sekretär der Gemeinde in sein Bureau gekommen. Auch ein Vorsteher war da, und als ich von der Bedeutung Spinozas sprach, sagte der kleine Mann mit feurigen braunen Augen in heftigem Tone: „Er war ein Feind der Inden." Ich kann dem angesehenen Manne, der seine besten Tagesstunden für Gemeindeangelegenheiten hingibt, wohl nachfühlen, daß er nicht human gegen den Zerstörer sein kann. Endlich brachte ich den Sekretär dazu, daß er mir aus dem Archiv zwei große, in Schweinsleder gebundenen Folianten herbeibrachte, und noch ein drittes Buch, worin aus dem vorigen Jahrhundert im portugiesischen Manuskript die Geschichte der Gemeinde geschrieben ist. Das Protokollbuch war mir natürlich das Wichtigste, und darin ist das verklebte Blatt, das andere aber ist noch viel merkwürdiger. Ich schlage auf, was sehe ich? einen vortrefflichen Kupferstich, ein Bild Menaffe ben Israels, mit vollem, über die Stirne gesäuseltem Haare, auf dem Scheitel sitzt ein schwarzes Käppchen, Gesicht und Haltung die eines Mannes, der eben den Harnisch ausgezogen; eine wahrhaft rttterliche Gestalt mit Schnurrbart und Spitzbart, wie Gustav Adolph, ltnb diesem Manne hat Victor Hugo in seinem Drama: Cromwell die Rolle gegeben, die der Mohr Mulley Hassan kn Schillers Fiesco hat. Auch die Bilder anderer Männer' find da, ich weiß sie leider nicht mehr. Am meisten ergriff 'mich aber ein Kupferstich mit hebräischer Umschrift, der eine kmponirende Frauengestalt, gewaltig und schmerzvoll wie eine neue Niobe darstellt. Es ist die Frau, die drei ihrer Söhne von der Inquisition "verbrennen "'sah' und deren Geschichte hier erzählt ist, die ich leider nicht lesen konnte. Mein Gedanke war sofort: ich muß die Erlaubniß haben, eine Abschrift zu bekommen. Man sagte mir aber, die würde mir schwerlich gewährt. Jndeß könne mir Herr D. Mendes, der Mitglied des Consistoriums ist, vielleicht die Erlaubniß verschaffen. Endlich fanden fich auch, auf einen Bogen anfgeklebt, 4 Abbildungen von verschiedenen Seiten der Synagoge, die zu Spinozas Zetten vorhanden war. Der Sekretär war so fteundlich, mir Einiges aus dem Portugiesischen ins Französische zu übersetzen. Und um mir zu zeigen, daß man mich hier kenne, brachte er mir die holländische Uebersetzung meines Romans Spinoza, die auch im jüdischen Archiv aufbewahrt ist. Ich fragte, ob ich diese Akten abschreiben lassen dürfe, und er fügte, er selber könne nichts zugeben rc., und Mes, was er sagte, war mit einem theüs lauernden, thetts schüchternen Blicke aus dem wunderbar braunen Auge. Ich habe noch bei allen Portugiesen, die mir begegneten, diese wunderbaren, glühend dunkeln Auge» gefunden. . Der Sekretär las mir immer Wetter und immer mehr, und gab er zuerst die Dokumente mir in die Hand, wie eirr Priester eine Reliquie von. einem

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