Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1884)
- Date
- 1884-08-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1068 Auch diese Frage lege sich jeder denkende Mensch vor und suche sich eine präcise, klare Antwort darauf zu geben. Also wenn wir einen Ausgang für unsere Forschung finden wollen, so kommen wir dahin, zuerst etwas zu glauben. Unsere Vernunft selbst führt uns zum Glauben. Dagegen sich sträuben wollen, wäre Unvernunft. Und wie schon erwähnt, ist es eine falsche Meinung, wir dürften nichts glauben, wir müßten als erste und oberste Grundlage unseres Denkens einen klaren Begriff haben. In diesem Sinne gibt's solch einen klaren Begriff nicht. Es ist eine zu hohe Meinung von der menschlichen Bernunft, wenn wir keine Grenze für sie anerkennen. Wir können bekanntlich nur innerhalb eines Raumes denken. Etwas, was nicht räumlich, ist unfaßbar für uns, so daß wir das, was all die Weltkörper einschließt, nur als einen Weltraum uns erklären, obwohl wir auch nicht den geringsten Anhalt dafiir haben. Und was sollte es denn sein? Wie stellt man sich die den Weltraum umfassende Materie vor? Und was schließt sie ein und aus? So unmöglich diese Vorstellungen sind, ebenso beschränkt ist unser ganzes Denken, unser Wissen und Können. Der Stolz der Gelehrten und deren Nachbeter auf ihre Vernunft ist also gar nicht so sehr berechtigt, keinesfalls berechtigt, so wegwerfend von dem Glauben an Gott zu urtheilen, da dieser Glaube theils ein Resultat des in der Menschenbrust vorhandenen unbewußten Gefühles einer höheren Macht, nach der obersten Wahrheit, theils aber das Resultat der Vernunft ist, wie ja die Wahrheit der Anerkennung und Erkenntniß des Einen Gottes, wie sie Abraham uns und der Nachwelt übermittelt, nicht anders, als das Produkt der reinen Vernunft aufzufaffen ist. Sicherlich ist der Glaube an Gott zum »lindesten ebcilso vernünftig, als die Hypothese von der Natur als oberste Kraft. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oesterr.-Uugar. Monarchie. Wien. Der Schächter Jakob Rebensaft wurde jüngst vom Bezirksgericht der Wiener Vorstadt „Alsergrund" zu 48 Stunden Arrest verurtheilt. Genannter Herr ist nämlich nicht nur Schächter, sondern auch Beschneider, d. h. er nimmt schon seit dem Jahre 1866 Bcschncidungen vor. Als er neulich die Beschneidung an dem 3 Wochen alten Söhnchen des Kanzlisten Fik vollzog, brachte er dem Kinde eine Verletzung bei. Es wurde der Arzt Dr. Tobias Guttmann gerufen, welcher dem Kinde einen Verband anleKe, worauf die Wunde nach 4 Tagen gehellt war. Bei seiner Vernehmung gab Rebensaft an, Mar weder medicknifch noch chirurgisch geblldet zu fein, aber kn feiner Heimath bei eineur erprobten Beschneider gelernt zu haben. Auch legte er eine Bescheinigung vom Gemeinderath seines Heimathsortes Grodisko in Galizien vor, worin bescheinigt wird, daß er schon seit dem Jahre 1866 Beschneidungen vornehme und solches auch weiter Lhun möge. Der Staatsanwalt hob hervor, daß, wenn Eltern die Vornahme dieses rituellen Actes wünschten, die Heranziehung eines Arztes zur Ueberwachung geboten erscheine und beantragte die Bestraftmg des Jakob Rebensaft. Der Strafrichter erkannte aus eine Haststrafe von 48 Stunden gegeit welches Nrthell der Vertheidiger sofort die Beruftmg anmeldete. (Diese Verhandlung gibt uns Alckaß zu bemerken , daß ein cmcr nicht gleichzeitig *?rm sein soll. — Die Red.) A Prag, 4. Aug. Heute trat die nach dem neuen Modus gewählte Handelskammer zur Constituirung zusammen. Es erschienen nur die cchechischen Mitglieder, da sich die deutsche Minorität bei den Wahlen der Funktionäre nicht betheilkgen wollte. Bei der Wahl des Präsidenten entfielen von 31 abgegebenen Stimmen 30 aus den kaiserlichen Rath Gottlieb Bondy, welcher somit mit allen, gegen seine eigene Stimme zu diesem wichtigen, einflußreichen Ehrenamte gewähltwurde. Gottlieb Bondy ist Jude. Frankreich. Paris. Herr Barthelemy von Saint-Hilaire, einstiger Minister des Auswärtigen der französischen Republik, schrieb an Herrn Singer, den Verfasser der Broschüre: „Sollen die Juden Christen werden?" folgenden behelligenden Brief: „Ich zögere nicht. Ihnen zu antworten: Nein, nie sollen die Juden Christen werden! Ich würde diese Bekehrung als ein unermeßliches mü» kaum gut zu machendes Unglück für die Menschheit betrachten. Es gibt kein Volk in der Welt, welches ein so überraschendes Beispiel von Ausdauer und Glauben gegeben hätte; es gibt keines, das einen solchen religiösen Einfluß ausgeübt hätte; ihre Bibel mit der Genesis und den Psalmen ist bei Weitem das größte Werk unter den helligen Büchem der Nationen und sie ist es.