Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1884)
- Date
- 1884-08-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXV. Jahrgang. Berlage;u Ur. 64 -es Israelit. Leitender Artikel. Weber Weligion und religiösen Sinn der Hlenzett. Von D r. H. S ä n g e r. m. Die Grundlage der Religion ist der Glaube an Gott und diese ist wohl auch die richtigste. Denn wir finden, daß die Menschheit von Anbeginn an, je nach Verständniß und Erkenntniß an eine höhere, überirdische Macht geglaubt hat und auch heute noch von dieser Grundlage ausgeht, die unsere ganze Bildung, unser ganzes Leben beeinflußt, ja ordnet und regelt und ihm seine Richtung vorschreibt.. Wenn also die Gesammtmenschheit einen solchen Glauben hat, so muß wohl im Menschen das instinctive Gefühl von dem Dasein einer höheren Macht vorhanden sein, lind keine Vernünftelei, keine noch so gelehrten Deduktionen werden der Menschheit diesen Glauben nehmen können; ist es ja bis heute nicht gelungen. Es wäre gewiß eine mehr als gewagte Behauptung, wenn man heute, wenn einzelne Gelehrte sagen wollten, daß gerade in Bezug auf den Glauben an Gott, der für die Menschheit von höchster Bedeutung ist, der jedes Individuum so nahe berührt, wozu jeder Einzelne angeregt wird, die ganze Menschheit von Anbeginn an auf falsche Bahnen gerathen und nur Einzelne die Wahrheit erkannt haben, die aber niemals Gemeingut der Menschheit geworden, wieder der Vergessenheit anheimsiel, während wir doch sehen, daß wirkliche Wahrheiten, die von Einzelnen gesunden, sehr leicht durchgedrnngen und Eigenthum der Menschheit geworden sind. Was heute Vielen in unserer Gottcsanschauung nicht paßt, das ist, daß sie glauben sollen. Mit diesem Worte wird aber eine falsche Auffassung verbunden. Man meint, der Glaube schließe das Erk e ii li e lt der Wahrheit aus. Diese irrige Anschauung entsteht hauptsächlich bei oenen, die eben gleichgiltig sind in Bezug auf die Religion und deshalb vermeinen eine sehr leichte Waffe in Händen zu haben. Man dürfe, so glauben sie, nur mit der Forderung der menschlichen Vernunft dagegen auftreten, mit dem angeborenen Recht, selbst zu prüfen und zu urthcilen, dann ergibt sich dem blödesten Auge sofort die ganz unberechtigte Forderung der Religion, zu glauben. Es gibt ja heute Männer der Wissenschaft sogar, die diese Waffe so leichthin handhaben, ohne diese Forderung der Religion zu prüfen, ohne auch nur die Eonseqnenzen zu ziehen und diese Waffe, wie es ernste Männer der Wissenschaft doch ziemte, überall zu gebrauchen, auch gegen sich selbst, wenn sie in den Jrrthnm des „Glaubens" verfallen. Es ist also nicht zu verwundern, wenn eine nicht so gebildete und nicht so wissenschaftliche Menge diese bequeme Waffe für sich auszunntzen sucht und cs sich ungemein leicht macht mit der schwersten und wichtigsten Aufgabe des Menschen. Es gibt sür alles menschliche Denken und für die menschliche Vernunft eine Grenze, über die sie nicht hinauskann. Wenn einige Gelehrten von heute die Natur als oberste Macht ansehen und ihr die Entwickelung der Welt zuschreiben, so erklären sie damit noch keineswegs das Dasein, die Entstehung dieser Welt. Sie müssen auch an Etwas glauben, das sic nicht verstehen, an den v o rhandenen Stoff, oder an die vorhandene Welt, ohne sich eine befriedigende Erklärung geben zu können. Sie müssen aber mit der gegebenen Thatsache rechnen, sie müssen an das Unbegreifliche glauben, das noch um so unbegreiflicher wird, wenn man nur an eine Natur glaubt, die ja nur innerhalb des gegebenen Stoffes erklärt werden kann. Es wird auch nicht um ein Jota begreiflicher, wenn wir nns mit der Thatsache zufrieden geben. Die Welt und wir selbst sind nns ein Räthscl. Die Vernunft kann uns keine Aufklärung darüber geben. Mache nur ein Jeder einmal den Versuch und denke diesen Gedanken durch, ob er damit zu einem Resultat gelangt, ob er nicht schließlich seine Vernunft bei Seite legt und sagt, ich muß an die Welt'glauben, ohne sie zu begreifen. Man darf also getrost die Frage anfwerfen: Ist es nicht vernünftiger au eine höhere Macht, an einen Schöpfer zu glauben, auf den die große Ordnung, die großen Wertgesetze, die Weisheit im Gesammtorganismus der Welt Hinweisen, als an die Natur, die als etwas wesenloses, nicht denkendes und doch nach Gesetzen wirkendes die im Weltganzen liegenden Kräfte wirken lassen soll?