Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-08-11 · Heft 64 (11.8.1884) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 64 (11.8.1884)
Date
1884-08-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449467--20643-2510182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

n 1066 Gefaßter und ruhiger trat sie wieder an's Fenster. Da sah sie den kleinen Simon unten sich wie toll gebährden. „Tante Nahe!! Tante Nahel!" — schrie der Knabe und schluchzte laut — „Tante .Nahel, komme doch rasch, das Hans stürzt bald ein!" — Plötzlich fühlte sie sich von zwei Armen umschlungen. Sie stieß einen schwachen Schrei aus, dann lehnte sie ohnmächtig ihren Kopf an die Brust ihres Retters. Amtsrichter Stein, der, wie wir gesehen, ebenfalls zu der Brandstätte geeilt war, kam dort in dem Augenblick an, wo Nahel sich zum Fenster Hinausschwingen wollte.. Gr übersah die Gefahr. Es gab nur ein. einziger Weg zur Rettung, und dieser war, über das Dach des Nachbarhauses in's brennende Haus zu dringen. Wohl wußte er, daß dieser Weg ebenso gewagt, wie gefährlich sek, aber Rahe! schwebte in Lebensgefahr und er sollte etwas zu ihrer Rettung unversucht lassen? Rasch entschlossen trat er den gefährlichen Weg an. Athemlos und gespannt gaffte die Menge den Manna«, der über das Dach des Nachbarhauses geklettert war und jetzt in die Tachlncke des brennenden Hauses kroch. Kein Laut war zu vernehmen, als das Knistern und Knacken der Flammen. „Das Haus wankt" — schrie die Menge entsetzt. — „Gr und das Mädchen sind rettungslos verloren." Fast in demselben Augenblick erschien der Mann an dem Dachfenster und schwang sich mit seiner Last behutsam ans das Dach des Nachbarhauses. Langsam und sicher trat er seine schwindliche Bahn an und glücklich schwang er sich durch die Dachlücke. „Hurrah, Hurra!" — ertönte der hundertstimmige Ruf der Menge, welche ihre freudige Bewunderung dadurch kundgab; in demselben Augenblick war ein lautes Krachen zu vernehmen, das Unterstockwcrk war ganz verkohlt zusammengestürzt und Helle Flammen schlugen über das zusammenstürzende Haus und schlängelten, sich in das Zimmer, in welchem vor wenigen Minuten noch Nahel mit ihrem Netter geweilt. Hunderte von Menschen, darunter auch Nebb Schmelke und Nebb Susmann versammelten sich vor dem Nachbarhaus, um die Geretteten zu empfaugen. . „Na, ich Hab' es noch stets gesagt" — murmelte Nebb Schmelke vor sich hm. — „Die Nachkommenschaft eines Zaddik *), kann nie ganz verdorben sein. Wer hätte dem Mcschnmed^ zugetraut, sein Leben für ein jüdisches .Kind zu wagen? Nun freue Dich, Rabbi Joseph Lob Stein! Dein Sohn hat die Schuld gegen Dich gesühnt, und wenn er mit ganzem Herzen zu Gott znrückkehrt, dann wird er ihm auch seine Aweraus^) mochel4) sein!" „Hn! hu!" brummte Rebb Susmann, der sein Quantum Branntwein schon in die Kehle hinuntergeschüttet und durch den Feuerlärm wieder zn seiner Nüchternheit zurückgebracht worden. — „Hu! hu! Hab ich es nicht gesagt, daß er meschugge^) ist? Nur ein Meschuggeuer kann aus den Einfallkommen, in ein brennendes Haus zu gehen! —" „Der verfügt über übernatürliche Kräfte!" — raunte der Portier des Hotels, in welchem der Amtsrichter Stein wohnte, dem Oberkellner, der neben ihm stand, in's Ohr. — „Ja, ja, das habe ich gleich am ersten Abend seiner Ankunft herausgesunden. Jetzt, wo ich weiß, daß er Jude ist, ist mir zur Gewißheit geworden, daß er mit dem Teufel in Verbindung stehe! Meinen Sie nicht auch so?" „Bleiben Sie mir mit Ihrem dummen Geschwätz vom Halse!" — erwiederte der Oberkellner. — „Er ist ein prächtiger Mensch, dieser Amtsrichter! Unser einer würde kaum sein Leben für ein fremdes gewagt haben!" Ein bewunderndes „AZ" entrang sich jetzt aus der Brust der Menge. Der Amtsrichter erschien auf der Straße mit seiner theuern Last. Sein Gesicht war voll Rallch geschwärzt, seine Kleider wareil von den Flammen versengt. Man sah es ihm an, daß er mit Mühe sich aufrecht hielt. Ans seillen Armen ruhte Nahel mit marmorbleichem Gesicht und fest geschloffenen Augenlidern. Ihr wunderschönes Haar war aufgelöst und stoß wie schimmerndes Gold über den Arm des Amtsrichters. Jetzt wankte der Amtsrichter. Man nahm ihm iilitlcidig seiile Bürde ab, und er sank ohnmächtig zusammen. Er hatte den ganzen Tag nichts genossen und die letzte Anstrengung hatteseine ganze Manneskrast erfordert. (Fortsetzung folgt.) l) frommer. 2) Apostat. 3) Sunden. 4) verzeihen. 5») wahnsinnig. Hierzu zwei Beilage». Verantwortliche Redaction: 0r. Lehmann in Mainz. — (Expedition große Bleiche Nr. 4L. . Drnck nnd Verlag von Oscar Lehmann in Mainz.!» K j i? I i p jj is H ä

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.