Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1884)
- Date
- 1884-08-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1065 Fenstern auf die Straße schauen. Der Klang dieser entsetzenerregenden Glocke hat sie aus km ersten Schlafe geweckt, zum Tode erschreckt , springen sie von ihrem Lager auf und eilen zum Fenster. Rasselnd fahren die Wagen und Spritzen der Feuerwehrmannschaft über das Pflaster. Militärische Signale erklingen und in Ordnung eilen einzelne Truppenabtheilungen der Brandstätte zu. Ihnen schließt sich die große Menge an. — (5s ist ein gräßliches Schauspiel, das sich dem durch den Schein der Fackeln, mit welchen die Feuerwehrmannschaften ihren Weg erleuchtet, geblendeten Auge darbietet. „Wo brennt cs?" — frug ein Mann im Lederschurz, in dem wir den Schuhmacher erkennen. „In der Königsstraße" — lautete die Antwort eines Dienstmannes. „Und welche Nummer?" — frug der Erstere weiter. „Nummer 12" — lautete die Antwort des Andern. „So!" —mengte sich ein Maurer in's Gespräch — „Ist das Haus nicht (5'igcnthum Rosenfeld's?" „Ja" — antwortete ein Tischler statt des Dienstmannes — „der arme Mann ist vor 3 Wochen gestorben. Wenn nur den armen Kindern kein Leid geschieht! Sie sind Vater- und mutterlos, ganz verwaist!" — „Ach was, Judenbrut!" — sagte ein wohlgenährter Schweinemetzger mit wegwerfender Gebährde — „(5s schadet nicht, wenn sie ein bischen braten!" „Oh, oh Meister Tobias!" schrie der Dicnstmann — „Juden sind auch Menschen und bezahlen geleistete Dienste prompter als Christen!" .„Laß ihn!" — sagte der Schreiner lachend — „Er hat von dem Inden Samson den Credit gekündigt bekommen und seit der Zeit findet er die Juden unausstehlich!" „Schweigen Sie!" — schrie ihn der Metzger an. — „Meinen Sie, ich stehe ebenfalls im Judensold, wie Sie?!" „Nein, im Judensold stehen Sie ebensowenig, wie ich!" — lachte der Schreiner — „aber in Judenschuld stehen Sie mehr als ich!" „Halten Sie Ihre Speiseanstalt!" — schrie der wüthendc Metzger — „Oder sie soll durch meine Faust geschloffen werden!" — „Laßt das Streiten jetzt, liebe Leute!" — ermahnte ein Schutzmann — „sucht lieber Unglückliche zu retten!" „Ach, was ist das?" Der ganze Menschenknäul wälzte sich auf einen Punkt. Es war in der That ein jammervoller Anblick. Die Feuerwehrmänner trugen auf einer Bahre den Leichnam eines Mannes, dessen Brust von einer Kugel durchschossen; auf einer zweiten Bahre eine noch lebende Frau, deren schönes Gesicht von schmerzhaften Brandwunden, ganz entstellt ist. Sie ächzt und stöhnt und wirft zuweilen einen haßerfüllten Blick auf den Leichnam. Es war Martha Stein, geborene von Köhler. Ihr Kleid hatte Feuer gefangen und ihr mehrere Brandwunden beigebracht; jedoch nicht lebensgefährlich. Ihr stummer Begleiter ist Herr von Burow, der sich in dem Augenblick erschoß, als das Feuer ausbrach. Laß uns, lieber Leser, nun ebenfalls die Brandstätte aufsuchen und sehen, was aus Nahe! und den Kindern geworden. Die arme Rahe! mag wohl mehrere Minuten in ihrer Betäubung zugebracht haben, als sie sich wieder aufraffte und anfsprang. Das ganze Zimmer war mit dichtem Ranch und Qualm erfüllt. „Mein Gott, die Kinder!" - schrie sie entsetzt auf und eilte in das anstoßende Zimmer. Auch aus diesem strömte ihr Ranch und Dampf entgegen. Sie rüttelte die Kinder aus ihrem Schlafe und befahl ihnen sich rasch anznkleidcn; dann eilte sie dem Ansgange zu. Helle Flammen schlugen ihr entgegen. Die Treppe war schon ein Ranb der Flammen geworden. Was thnn? — Sie vernahm, wie die Fcucrwchrmannschaften, welche mit dem Aufgebot aller ihrer Kräfte gegen das Feuer anznkämpfcn sich anstrengten, ihr Borhaben in das Gebäude zu dringen als lebensgefährlich aufgaben. Ihr lautes Geschrei und das Wagengerassel vermengte sich mit dem Knistern und Prasseln des im untern Stockwerke brennenden Holzes. Rasch entschlossen schlug sie ein Fenster auf, dichter Rauch und lichtlohe Flammen schlugen zu ihr empor. Sic schrie laut um Hilfe, sie wurde bemerkt. Ein Feuerwehrmann eilte mit seiner Leiter herbei und trat seinen kühnen Gang über die Flammen an. Rahel reichte ihm ein Kind nach dem andern; als das letzte unten glücklich angelangt war, wollte sie sich ebenfalls zum Fenster hinausschwingen, da wurde die Leiter plötzlich von der Flamme erfaßt.. Sie fühlte den Boden unter ihren Füßen wanken und machte sich schon mit der Idee ihres baldigen Todes vertraut. Sie schloß ihre Augen und betete leise das Schemagebet. „Auf Deine Hilfe vertrau''ich, o Herr, o Herr auf Deine Hilfe vertraue ich! Der Herr ist der wahrhafte Gott, der Herr ist der wahrhafte Gott."