Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1884)
- Date
- 1884-08-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449467--20638-2510177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1061 eilenden Augenblick nicht gering; in ihm allein vermagst Dn zu wirken und zu schaffen, Dein zeitliches und ewiges Glück zu begründen. (Fortsetzung folgt). Eine späte Wrenrctlnng. In diesem Monate sind cs zweihundert und achtnndzwangzig Jahre, daß in der portugiesischen Synagoge zu Amsterdam der Bann über Spinoza ausgesprochen wurde. Am 6. Ab 5416 a. m., der damals auf einen Donnerstag fiel, wurden, nach bcm Verlesen aus der Thora, die Lichter in der Synagoge ausgclöscht und unter größter Feierlichkeit jener Bannspruch gegen Baruch de Espinoza ausgesprochen „wegen der entsetzlichen Ketzereien, die er übte und lehrte, und wegen der ungeheuerlichen Handlungen, die er “beging und welche in seiner Gegenwart durch glaubwürdige Zeugen ausgesagt wurden." Der Bann wurde von den Herren des Maamod, den Vorstehern, mir Zustimmung der Chachamim verhängt. Letztere waren R. Saul Morteira und R. Isaak Aboab und wahrscheinlich noch ein dritter, Unbekannter. Manaffe ben Israel, das dritte Mitglied des Amsterdamer Rabbinatskollegiums in damaliger Zeit, war gerade damals in London, um bei dem Lordprotektor Cromwelt und beim englischen Parlament für die Aufnahme der Juden zu wirken. In allen Darstellungen des Lebensganges Spinozas, in allen Compcndicn der Geschichte der Philosophie werden die Rabbiner Amsterdams, die seiner Zeit bei der Verhängung des Bannes mitgcwirkt haben, als Fanatiker und Obskuranten hingestellt, die den großen Mann unschuldiger Weise verfolgt haben. Und nicht genug an der historisch beglaubigten Thatsache des Bannes, werden noch die Erdichtungen späterer Biographen aufgcftthrt, wonach die Rabbiner einen Banditen gedungen hätten, der den Mordstahl nach der Brust des Philosophen zucken sollte, dem er nur durch ein Wunder entgangen sein soll. Die letztere Thatsache verweist bereits Lewes, in seiner Geschichte der Philosophie, in das Reich der Mythe. Aber wenn auch die Thatsache beglaubigt wäre, so könnte sie nur als Ausfluß der fanatischen Gesinnung eines Einzelnen betrachtet werden, nichts beweist, daß derselbe im Aufträge der Rabbinen gehandelt hat. Aber der Baun, der doch historisch beglaubigt ist und dessen Wortlaut van Vlooten vor einigen Jahren veröffentlicht hat, legt dieser nicht Zengniß ab, für die fanatische Gesinnung der damaligen Machthaber unter den Juden? Da wird denn überall der Mund voll genommen und mit dem Pathos sittlicher Entrüstung gegen die Rabbinen losgedouncrt, die sich unterstanden haben einen Spinoza in den Bann zu thun. Run ist cs gewiß mißlich, heute die Vertheidigung der Handlungsweise jener Rabbinen zu übernehmen, wo Spinoza wie ein Heiliger verehrt wird und nicht nur sein Geist, sondern auch seine sittliche Größe und seine Eharaktcreigenschaftcn als bewunderungswürdig gepriesen werden. Ohne diese panegyrischen' Schilderungen irgendwie bemängeln zu wollen, wird doch der vorurthcilslose Forscher zugeben, daß Spinoza trotz seines unbestechlichen Charakters und seines Wahlsprnches, daß man die menschlichen Handlungen weder belachen noch beweinen noch betrauern, sondern nur begreifen muß, von einer gewissen Voreingenommenheit gegen das Jndenthum nicht freizusprcchen ist. Daß diese Erkenntnis; selbst bei denen znm Durchbruche kommt, die früher nicht genug Worte finden konnten, um das Verfahren des Amsterdamer RabbinatS zn verdammen, ist eine erfreuliche Thatsache und ein Zeichen, daß die vorurthcilsfreic Betrachtung am Ende doch die Oberhand gewinnt. So schreibt B. Auerbach in seinen jüngst erschienenen Briefen . an Dr. Jakob Auerbach: *) „Ich finde, daß Spinoza darin unfrei war, daß er sich von einer persönlich gereizten Erbitterung gegen das Judenthnni nicht losmachcn konnte." 1l. B. S. 202.' Aber noch mehr, Spinoza war ein Denker ersten Ranges und hat ein philosophisches Dcnkgcbäude aufgeführt, das die Bewunderung der Nachwelt erregt. Tics ist heute allgemein anerkannt, wenn mun sich auf den Standpunkt des Philosophen stellt, der keine andere Quellen der Erkenntnis; anerkennt als Diejenigen, die im Geiste des Menschen gegeben sind und jede andere Grundlage, die ihre Berechtigung von der Ofsenbarnng herleitet, verwirft. Aber ebenso allgemein zngestanden wird, daß sein System jeder positiven Religion feindlich gegcnüberstcht und geradezu die Vernichtung derselben anstrcbt. Von diesem Standpnnkte betrachtet, muß das Verfahren der Rabbinen gerechtfertigt erscheinen; denn sie haben das ihnen anvertrante Gut, welches sie mit ihrem Herzblute errungen und wofür Tausende ihr Leben ans den Scheiterhaufen der spanischen Inquisition' freudig geopfert haben, gegen den Feind, der ihnen und ihren .Bindern dieses *) Berihold Auerbach. Briefe an seine» freund ^atob Auerbach. I5in biograpkiischcs Tcufinal. 2 Bände, granljurt a. M. Literarische Anstalt. Rütte» n. Voeniug. lüS4.