Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-08-07 · Heft 63 (7.8.1884) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 63 (7.8.1884)
Date
1884-08-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449466--20613-2510151
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Xxv. Jahrgang. KeUagr zu Nr. 63 des Israelit. Leite n v e r Artikel. Aever Hickigion und rekigiösenSinu der Menzett. Von D r. H. S L n g e r. Es ist ein gewagtes Unterfangen einen Leserkreis unserer Tage mit einem rcligiöfeu Thema unterhalten zu wollen. Nicht nur, daß vor einem großen Theil der modernen Juden von Religion, als einem nicht salonfähigen Thema, überhaupt nicht gesprochen werden darf, ein anderer Theil jeder Religion abhold ist und sie für überflüssig hält, weil er vermöge der Resultate der Naturwillenschaft einen Gott nach religiöser Ausfall ung für gebildete Menschen als kindlich oder gar kindisch erklärt; betrachtet ein dritternicht minder großer Theil die religiöse Anschauung und das religiöse Leben als eine Privat- und Herzenssache, um die sich Niestrand zu kümmern habe. Und doch weiß ich nicht recht, ob in Wirklichkeit das Interesse für die Religion in unserer Zeit so ganz und gar geschwunden ist; ich weiß nicht recht, ob nicht diese verschiedenen Auffassungen gerade ein ziemliches Interesse für dieses Gebiet bekunden und nur der GährungS- und Hlärungsprozcß scheint sich noch nicht vollzogen zu haben. Wenn man die Religion nach äußern Merkmalen beurtheilen dürfte, so könnte man eigentlich unsere Zeit als eine sehr religiöse bezeichnen. In den lebten 50 Jahren sind die herrlichsten, prachtvollsten Gotteshäuser überall erstanden, und damit diese Gotteshäuser auch fleißig und zahlreich besucht, die Andacht und religiöse Stimmung bei den Betern geweckt und gehoben würden, wurde ein geläuteter, den modernen Anschauungen angepaßter (?!) Gottesdienst eingeführt und recht prunk- und weihevoll zu gestalten gesucht. Ob diese Mittel nicht die richtigen, oder der richtige Ernst, das religiöse Gefühl 1111b Bedürfnis; nicht in vollem Maße vorhanden waren, wir wollen das nicht näher untersuchen; aber gewiß ist, daß durch all diese Mittel unser heutiges Geschlecht nicht religiöser, nicht einmal religiös geworden, die Religion keineswegs gefördert, der religiöse Sinn nicht geweckt, die Andacht der Beter um nichts gehoben, die Anziehungskraft der Gotteshäuser ganz und gar nicht gesteigert wurde. Niemand wird ernstlich behaupten wollen, daß der Jude von heute stolzer geworden ans seine Religion, daß er ein begeisterter Bekenner derselben ist, daß er ihr überhaupt näher getreten, sie besser hak kennen lernen wollen. Fast ist man zu der Auffüllung versucht, dieses ganze Bestreben des modernen Jndenthums nur als ein Scheinbestrebcn hinznstctten, als wollte dasselbe nur den Schein erwecken, als wäre es von wahrhaft religiösem Sinne durchdrungen. Denn die große Welt — nach welcher man sich mit gebundenem Urtheil ruf)* tet — hat bei allem Fortschritt, bei aller Ansklärung und bei allen Resultaten der modernen Wissenschaft, sich keineswegs von der Gotteserkenntniß und der überlieferten Religion losgesagt und wird sich, nach Erfahrungen niemals davon auf längere Zeit und in großen! Maßstabe lossagen. Man könnte, wie gesagt, leicht zu der Behauptung kommen, daß man der aufgeklärten Zeit zu lieb sich von aller Religion l o s g e s a g t und d o ch wiederum den Menschen zu lieb Religion heuchelt. .Doch lväre es zu leicht und auch zu schlecht über das heutige jüdische Geschlecht gcnrtheilt, wenn wir die Schuld der heute herrrschenden zerfahrenen religiösen Anschauungen, die voller Widersprüche sind, dein böse» Willen zuschreiben wollten. Wie alle großen Zcitepoche» mit den neuen kühnen Ideen große Fehler und Jrrthümer im Gefolge haben, so erging es auch unserem Jahrhundert, das bei seinem Beginne mit den alten herrschenden Anschauungen gebrochen und so gerne alles Alte in Bann und Acht that. Und Jeder verspürte in sich ein Stück jenes Helden, der der ganzen Welt den Fehdehandschuh hinwarf, Jeder hielt sich für berechtigt, niedcrzurcißen, fühlte sich stark, etwas Neues und Großes dafür anfbanen zu können. Dieser Rausch ist heute ziemlich verflogen, ja es zeigt sich offenbar eine große Leere ans dem Gebiete der Religion, und die letzten Decennicn lassen eine merkliche Abschwächung für religiöse Reformen coustatkrcn. So ziemlich hat sich eine Entfremdung gegenüber der jüdischen Religion gezeigt, im praktischen Leben steht man außerhalb des jüdischen Gesetzes, ist mit einem Worte ganz gleichgiltig, ob es eine jüdische Religion gibt, oder nicht. Daß diese Gleichgiltigkeit gegenüber der Religion, die unstreitig einer der Hauptsactoren der Enltur ist, nicht andauern kann, darf mit Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.