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Der Israelit · 1884-08-07 · Heft 63 (7.8.1884) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 63 (7.8.1884)
Date
1884-08-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1052 ftimmtheit vorausgesetzt werden. Denn auch bei anderen Völkern der Neuzeit, die eine ähnliche Erschütterung durchgemacht haben, und selbst in Gelehrtcnkreiscn, wo die schärfsten Gegner der Religion erwachsen waren, zeigt sich von Tag zu Tag mehr, daß man wieder cinlenkt und die Religion als einen unentbehrlichen Faktor für die gesunde, moralische Entwickelung der Menschheit anerkennt. Und wir Juden, die wir mit Recht als das Volk der Religion bezeichnet werden, können unmöglich mit einer mehr als 3000jährigen Vergangenheit brechen, können nicht der Religion feindlich gegenübcrstehcn. Die Zeit ist wohl nicht mehr so fern, wo man die heute an den Tag gelegte, ostentativ zur Schau getragene Gleichgiltigkeit gegen die Religion fahren läßt, fahren lassen muß, wenn man nicht Zurückbleiben, wenn man mit den Völkern weiter schreiten will, und darum ist es wohl an der Zeit der vielfachen Voreingenommenheit, der falschen Auffassung, dem irrigen Urtheilc in Bezug auf unsere Religion in unserer eigenen Mitte entgegenzntretcn, das religiöse Gefühl wieder zu stärken, im Juden den Stolz des Juden wieder zu wecken und.zu beleben. IL Kein Gebiet des menschlichen Wissens, kein Moment der menschlichen Thätigkeit, das sich nicht nach Gesetzen zu richten, das nicht gesetzliche Bahnen einznhalten hätte. Willkühr, Laune, persönliche Neigung und persönliches Wollen müssen znrücktrcten, wenn der Mensch auf irgend einein Gebiete leistungsfähig, wenn er mit und unter den Menschen sich eine Stellung erobern will. Auf Menschen und Rücksicht hat er Rücksicht zu nehmen. Greifen wir hineiir in's Menschenleben, um uns das klar zu machen. Nichts ist der Natur des Menschen mehr zuwider, als in ihrer Freiheit beschränkt und gehindert zu sein. Dem Linde, das in zartem Alter in die Schule geschickt wird und dort 4 Stunden und oft noch mehr auf der Schulbank sitzen muß, erscheint das mit Recht als ein unerhörter Zwang. Während es auf sein A B E.- Buch verwiesen wird und die sonderbaren Figuren sich enlprägcn soll, ist es mit seinen Gedanken ans dem Spielplatz, ist betrübt, wenn frohe Linderstimmen von der Straße aus an sein Ohr tönen; cS kommt sich wie ein Gefangener vor. ES muß lernen, cs möchte aber lieber nicht; eS muß still sitzen, möchte aber lieber frei und ungehindert hernmtollen und spielen. Und wie diesem Linde, so ergeht eS uns das ganze Leben hindurch. Da fügen und ordnen wir uns unter, beugen uns vor Vorschriften und Gesetzen. Jnl Familien-, im Volks- und im Staatsleben, überall begegnen wir auf Schritt und Tritt Gesetzen, innerhalb deren sich unser Leben abwickelt. Unser Denken muß, wenn es vernünftig fein soll, ein logisches, einem Gesetze «»gepaßtes sein. Ein Gebiet allein wollen wir der Laune, der Neigung, dem jeweiligen Ermessen des Individuums ganz anheim geben, nämlich das religiöse Gebiets Die Religion, das höchste Gebiet menschlichen Wissens und menschlicher Forschung, soll einem Jeden ganz überlasse» sein. Alles und Jedes, was Jemand für seine Religion erklärt, soll auch Religion heißen. Jeder soll das Recht haben, s eine Anschauung, seine Ueberzengung als religiöse, als wahre und richtige geltend machen zn dürfen. Es bedarf auch hierzu, wie ans jedem Gebiete der Lenntniß, der Forschung, der Erfahrung. Tie Religion kann sicherlich nicht von Jedem, ohne nur darüber nachzudenkcn, richtig erfaßt und erkannt werden, und gewiß ist es keine Religion, wenn sie, wohl erkannt, aber nicht geübt wird. Daß heute vielfach die religiöse Forschung vom wissenschaftlichen Standpunkte auS als berechtigt erklärt wird, ohne aber damitder Religion Werth und Bedeutung, hohen Werth und tief eingreifende Bedeutung zuzngcftehen, daSnöthigt unS einige Worte ab, mit denen wir der Behauptung entgegentreten müsse», als ob wir der Religion überhaupt gar nicht bedürfen. Viele Juden von heute glauben wirklich, die Religion sei heute eine abgethane Sache, mit der sich nur noch die große Menge, die Geistlichen und all Diejenigen, die durch die Religion ein besonderes Interesse verfolgen, befassen. Sehen aber jene Leute nicht ein, daß die große Welt, und darunter sind doch gewiß auch genug Leute, die mit den Resultaten der modernen Wissenschaft vertrant und die Wissenschaft hoch schätzen, daß die große Welt keineswegs die Religion für überflüssig und entbehrlich hält, ja daß sogar die Naturforscher, die durch einzelne Ideen oder Hypothesen die Gottheit in Frage stellten, heute nur sehr wenige Anhänger mehr finden, auch nicht in den Gekehrtenkreise», und die Schüler jener Meister es versuche», die Ehre ihrer Meister herzustcllen und nicht zngeben wollen, daß dieselben direct eine höhere Macht geleugnet. Der moderne Jude krampst sich aber mit aller Macht fest an, will, diese Errungenschaft der Neuzeit festhalte». Vielleicht, weil er befürchtet, nicht mehr als auf der Höhe der Wissenschaft und Bildung zu stehen? Nun, ist es den« eine Forderung der Wissenschaft und Bildung, daß man an Jrrthümern festhalte? Wir wollen dabei gar nicht einmal näher prüfen, ob denn diese Behauptung, ans Bildung und Wissenschaft die Gotti

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