Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 63 (7.8.1884)
- Date
- 1884-08-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1044 mitfit. — Allüberall Math der Wohlstand ins Wanken, beginnt das Vertraue», das für Handel und Verkehr so wichtig ist, zn weichen, wenn auf irgend einem. Punkte des Erdbodens die Kriegsfackel auflodert. Auch viel geringere Schmerzen, die an einem Orte zu Tage getreten, werden in weiter Ferne miteinpfnnden, wie wenn die ganze Menschheit ein einziger Körper wäre. Der Wiener Börsenkrach vom Jahre IST:* drückte in Berlin und Frankfurt fast in gleicher Schwere; die Pariser Krisis vom Jahre l ss 1 brachte in Wien fast dieselbe Erschütterung hervor, wie in Paris. — Ebenso verhält cs sich nach der guten Seite hin. Wenn au irgend einem Orte etwas Großes geleistet, etwas Gutes geschaffen wird, so kömmt es der ganzen Welt zu Gute. Die Erfindung, die Guttenberg hier in Mainz gemacht, hat die gesammte Menschheit in Wissen und Können befördert; die Instrumente, die der Engländer Herschel verbessert, haben in der ganzen Welt daS Fortschreiten der Wissenschaften ermöglicht; die hohen (Gedanken, die der Geist eines Montesquieu in Frankreich hervorgebracht, haben das Staatsweseu in allen civilisirten Ländern derWelt vervollkommnet; dernene Erdtheil, den der Italiener Eolumbus mit Hilfe einer spanischen Flotte entdeckt, hat die Geschicke der ganzen Menschheit beeinflnstt. Es ist ein Band der Gemeinsamkeit, das die ganze Menschheit umschlicht. Alle Menschen sind die Kinder eines Vaters, und alle sollten sie sich brüderlich lieben. Wie thöricht ist daher der Mensch, der nur an sich denkt, der nur sich lebt, nur seine eigenen.Interessen zu fördern sich bemüht? nc 'OLp'? „Und wenn ich für mich selbst, was bin ich? Und wenn Jemand die Neichthümer beider Indien besäße, und wenn Jemand an Macht den Makedonischen Alexander und an Wissen die sieben Weisen Griechenlands überragte, und er liebte Niemanden als sich und sorgte für Niemanden als für sich — er wäre der ärmste Mensch der Welt. Wer nur sich liebt, nur für sich sorgt, ist ein Feind der Menschheit, und all sein Wissen und Können ist nichtig, und was er besitzt ist nutzlos. — Wie reich dagegen ist. Derjenige,. welcher seine Mitmenschen liebt und für sie zu sorgen sich bemüht! Unendlich reich sind die Ehegatten, wenn selbstlose, uneigennützige Liebe sie mit einander verbindet und den. Einen sein Glück und seine Freude in dem Glücke und in der Freude des Andern suchen und finden läßt; unendlich reich sind die Eltern durch die Sorgen und Mühen, die ihnen die Erziehung und das Wohlergehen ihrer Kinder verursachen; unendlich reich ist jeder gute Mensch, den an dem Glücke seiner Mitmenschen freudigen Antheil nimmt, der die Schmerzen und die Leiden Anderer zu lindern suchte Es ist ein großer'Grundsatz des Judenthums, daß wir nicht nur in unsrem badischen Wohlergehen das Ziel und den Endzweck unsres Lebens zn suchen haben. Daher müssen wir die Worte Hillels auch noch in andrer Weise beherzigen. Es gibt namentlich in unsrer Zeit viele Leute, die für sich „fromm" sind, sich aber nur das Thun und Treiben andrer Leute gar nicht kümmern. Zu diesen „andere» Lenken" zählen sic sogar ihre Frauen und Kinder, ihre nächsten Angehörigen. Es gibt Leute, die, wenn die größten Gefahren das Judenthum bedrohen, zu sich sprechen: Was geht'S mich an? Ich wandte vollkommen mit meinem Gotte, arbeite nicht am Sabbat, genieße verbotene Speisen nicht, verrichte die vorgeschriebenen Gebete und kümmere mich um fremde Leute nicht. — Andere gehen noch weiter darin; sie selbst besuchen die Resormsynagogen nicht, haben aber nichts dagegen, daß ihre Frauen und Kinder hineingehen; sie geben ihre Kinder in Geschäfte, in denen dieselben den Sabbat entweihen müssen, verheirathe» ihre Töchter an Männer, die vom positive» Judenthume abgesalken sind. — Es gibt auch Lellte, die ein solches Benehmen rühmend anerkennen und sprechen: Seht, das ist ein wahrhaft frommer Mau»; er selbst beobachtet Alles auf's Strengste und kümmert sich nicht um Andere! — Zn diesen Leuten, die ein solches Benehmen rühmen, gehört Hillel nicht. Er ruft uns vielmehr zu: no „Und wen» ich für mich selbst und nur für mrch selbst sorge, was bin ich denn da?" Die Antwort lautet: Nichts, gar Nichts. Nur der ist ein wahrhaft edler Mensch, nur der ist ein wahrhaft guter Jude, dessen Herz warm schlägt in Liebe und Sorgfalt für seine Mitmenschen, der Antheil nimmt an der Freude Anderer, der fremden Schmerz uub fremden.Kummer zu lindern sucht, wo und wie er nur kann, der seine Kinder erzieht zu Tugend rmd Gottesftlrcht, der das Böse bekämpft mit aller Macht und das Gute stets zu fördern bestrebt ist. Nur, wenn Du für Dich selbst einzutreten verstehst nach, allen Seiten hin, dabei nicht außer Acht lallest, daß Du verpflichtet bist. Deine Mitmeschcn, oie nahen und die fernen, zn lieben, an ihrem Geschicke Antheil zu nehmen,, nach Kräften für sie zu sorgen, - die Schlechten unschädlich zu machen und die Guten in ihrem Bestreben zu unterstützen, erst dann bist Du aus dem rechten Wege, der zu den Höhen des edlen Menschthums, wie sie das Judenthum erzielt, emporsührt. (Fortsetzung folgt.)