Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-08-04 · Heft 62 (4.8.1884) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 62 (4.8.1884)
Date
1884-08-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449465--20584-2510121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wm . XXV. Jahrgang. H zu Nr. 62 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Cprrespondenzen. Deutschland. Berlin. Eine Eabinetsordre Friedrich Wilhelnis HI., die unter originellen Umständen erlassen - wurde, existirt noch heute in der betreffenden Berliner Familie und wird als ein hochgeschätztes Dokument von Geschlecht zu Geschlecht vererbt. Ucbcr die Genesis dieses Schriftstücks erfahren wir aus verläßlicher Quelle das Folgende: Ende der dreißiger Jahre lebte im Hause Neue Friedrichstraße 43 eine jüdische Haudelsfrau Namens Geber, die sich durch ihr reiches und gediegenes Lager von Spitzen, Bändern und anderen Putzartikeln in den besten Kreisen der Berliner Gesellschaft eines gewissen Rufes erfreute. Selbst Prinzessinnen des königlichen Hauses ließen es sich nicht verdrießen, die drei Treppen des alten Hauses in der Neuen Friedrichsstraße emporzuklettern und da ihre Einkäufe in Person zu besorgen. Durch diesen hohen Besuch kam das Geschäft immer mehr in Aufschwung, und die Inhaberin mußte schließlich den Anforderungen der Zeit so weit nachgeben, daß sie einen offenen Laden mie- . thcte, und zwar gleich im Nebenhause, Neue Friedrichstraße 44. Ein Schaufenster durfte für so sehenswerthe Artikel natürlich nicht fehlen, und so wurde Alles Möglichst gediegen und modern hergerichtet, und eines schönen Tages prangte ein ganzer Spitzen- und Bäuderhimmel in herrlichem Arrangement im Schaufenster des neuen Ladens. Nun gab es aber damals wie heute 'eine gar gestrenge Baupolizei, und die fand schnell heraus, daß das Schaufenster, das 11/2 Zoll weit in den Bürgersteig hineinragte, möglicherweise den Verkehr beeinträchtigen könnte. Polizei-Commiffar Gesellius erschien persönlich bei Heimaun Geber, dem Ehegatten der vielgcrühmten Handelsfrau, und gab ihm auf, das Schaufenster Linnen zweimal vierundzwanzig Stunden wieder zu beseitigen, da es den Verkehr störe oder doch stören könnte. Werde dem Befehl nicht pünktlich nachgekommen, so würde er nach zwei Tagen mit seinen Leuten kommen und das Fenster herausreißen. Nun war guter Rath theuer. Allerlei Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen, bis schließlich Frau Geber den Einfall bekam, zu der ihr persönlich bekannten „alten Katherinc" zu eile». Die „alte Katherine" war das Faktotum, so eine Art Haushälterin des schon seit Jahrzehnten verwittweten Königs Friedrich Wilhelm 111., der auf die alte treue Dienerin große Stücke hielt. Nach langem Bcrathcn trägt Katherinc der Frau Geber auf, Hingehend ein mit Gründen versehenes Gesuch an den König anfcrtigen zu laffen und es ihr noch im Laufe des Abends zu überbringcn. Das geschieht, der beste Kalligraph der Stadt bringt das altergehorsamste Gesuch der Frau noch am selben Nachmittag zu Papier, und noch vor Sonnenuntergang hat Fran Katherine das Schriftstück in Händen.Am andern Tage, Nachmittags 4 Uhr, kommt eine reitende Estafette vor den Geber'schen Laden gesprengt und übergiebt der Geschäftsinhaberin eine königliche Kabinetsordre, kraft welcher das Schaufenster in seinem jetzigen Zustande verbleiben kann, und Staats- und Polizeiminister v. Rochow beauftragt ist, das weitere zu veranlassen. Natürlich endloser Jubel im Geber'schen Hause! Frau Geber eilt sofort zur „alten Katherine", um sich zu bedanken und über den Hergang des Glncksfatls zu nuterrichten. Die alte Dienerin des Königs lächelte und erzählte ungefähr Folgendes: Als am Morgen Kabinetsrath Müller zum Vortrag kam, habe sie zu chm gesagt: „Miillerken heute müssen Sie mich ecium Gefallen thun. Majestät is sehr juter Laune. Ick habe for Majestät die Stiefeln so blitzeblank jeputzt, wie noch nie, und den Kaffee siedeheiß hineingcbracht, so wie es Majestät liebt; und nu is Majestät ooch sehr vergnügt. Also thun Sie mich den Gefallen und öffnen feie den Brief zuerst, den ich janz oben nfs Postpacket for Majestät jelegt habe, und reden Sie een jntes Wort for de arme Geber'n, so wie det im Jesnch drinsteht. Heut schlägt Ihnen Majestät jewiß nichts ab." .... Und Majestät hat, wie schon berichtet, das Gesuch in der That bewilligt, und als der noch nichts ahnende gestrenge Kommissar Gesellius am nächsten Morgen mit ein paar Handwerkern zum Abreißen des Schaufensters erschien, trat ihm tnumphireud die Gcschäftsinhaberin entgegen mit der bewußten Kabinetsordre in der Hand. Die „alte Katherine" aber war auf ihre, wie sie meinte, durch besonders blank geputzte Stiefel und recht heißen Kaffee zll Staude gebrachte „Rettungsthat" nicht wcuig stolz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.