Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 62 (4.8.1884)
- Date
- 1884-08-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1032 Berlin. Dem bekannten antisemitischen Agitator in Berlin, Premier-Lieutenant der Landwehr- Infanterie, Liebermann v. Sonnenberg, ist nach dem „Militär-Wochcnblatte" der Abschied bewilligt worden. Man weist im Anschlüsse an diese Thatsache darauf hin, das; im Jahre 1881 der jetzt Verabschiedete von den konservativen als Kandidat für den ersten Berliner Wahlkreis aufgestellt war. Die Weser- Zeitnug hält die Annahme nicht für ganz unbegründet, das; in den Berliner Negierungskreisen der antisemitischen Strömung weniger wohlwollende Anschauungen platzgcgriffen haben. Sie erwähnt dabei, das; dieser Tage ein königlicher Beamter vor dem Besuche der Versammlungen des Herrn Liebermann v. Sonncnberg in Westfalen gewarnt hat. Das Zusammentreffen dieser beiden Thatsacheu: die in nachdrücklicher Form von amtlicher Seite an der Wirksamkeit des Herrn von Liebermanll geübte Kritik nnd die Entlassung der Letzteren aus dem Armeeverbande, soll kein zufälliges sein. Posen. Dem sechsuudvierzigstcn Bericht über die Verwaltung und den Stand der israelitischen Waisen-Knaben-Anstalt zu Posen entnehmen wir: In der Anstalt wurden während des abgelanfenen Jahres 23 Zöglinge unterhalten. Neu ausgenommen wurden im Laufe des Jahres 31; aus der Anstalt entlassen wurden 2. Von den Zöglingen haben 13 die Bürgerschule, 8 die Mittelschule, 1 das Friedrich-Wilhelms- und I das Marien-Gymnasium besucht. Unter der Obhut der Anstalt standen 3 Lehrlinge, die zum Theil snbventionirt wurden. Dotationen und Legate gingen ein: Dotation der Frau Johanna JaffL 600 M., der Hinterbliebenen des Herrn Isidor Kontorowicz 1200 M., Legat der Frau Nosalie Nosenthal zu Santomischel 600 M., Dotation der Frau Cerline Badt für ihren Ehegatten David Badt 600 M., Dotation des Herrn Marcus Handtke in Warschau 300 M. Die Summe der Einnahmen betrug 16222 M., die der Ausgaben 11858 M. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 21. Juli. Aus Drohobicz meldet die „Presse": Vorgestern kam es zwischen dem Arbeiter- Personal der französischen Petroleum-Gesellschaft nnd den'Grundbesitzern in Boryslaw-Wolanka wegen Lesitzstreitigkeiten zu Exceffen, die gestern zu förmlichen Jndencrawallen ausarteten. Einige bei der französischen Gesellschaft angestellte antisemitische Beamte reizten die meist czechischen Arbeiter auf, welche in alle» Privathäusern die Scheiben emschlngcn, in die Synagoge einbrachen, die Thorarollen zerfetzten, woraus es zu einer blutigen Schlacht kam, ivobri Todte und Verwundete auf dem Kampfplätze blieben. Die herbeigeeilte Gendarmerie gebrauchte die Waffen, wodurch zwei Personen getödtet und die Ruhe anscheinend hergestellt wurde. Die Aufregung ist allgemein. Wien. Graf Oskar Wickenburg ließ dem „Vereine zur Errichtung eines israelitischen Hospitals in Gleichenberg" anläßlich der Einweihung dieses Spitals einen Fondsbeitrag von 100 fl. zugehen. Außerdem hat Graf Wickenburg zur Ermöglichung einer eventuellen Erweiterung dieser Humanitäts- Anstalt dem gedachten Vereine die daranstoßende, ihm gehörige Bauparzelle in hochherziger Weise zur Verfügung gestellte Italien. Rom. Wegen der Tiber-Arbeiten in Rom werden nun auch die kleinen Häuser und Baraken in der Via Fiumara demolirt werden; damit kommt die Ghetto-Frage an die Tagesordnung. Der Präfekt hat an das Municipium eine Urgenz gerichtet, daß kraft der neuen Bau-Ordnung das Jndenvkertel eiligst nkedergerissen werde. Alle mittellosen Israeliten, die seit vielen Jahren in diesen schmutzigen Behausungeil gewohnt haben, wollen diese nun nicht verlassen, weil sie dafür in Folge eines sehr alten päpstlichen Breves den mäßigsten Miethzins zahlen. In der Bia Fkumara, in der Via delle Azzimelle und in den anstoßenden unsauberen Gäßchen ganze israelitische Familien einen jährlichen Zins von 5 Lire für ein Zimmer zu entrichten, und sie zahlen 10 oder höchstens 20 Lire für ein ganzes Stockwerk. Nsin wird wegen der schon erwähnten Tiber-Arbeiten das Ghetto größtenthells demolirt, und die Bewohner haben sich nach anderen Quartieren umznsehen, die selbstverständlich viel mehr kosten werden. Israelitische Deputationen haben sich zum Präsekten und Bürgermeister begeben, um diesbezüglich Unterstützung und Abhilfe zu erlangen. Man glaubt, es werde zu ernsten Auftritten kommen, sobald man tatsächlich an das Niederreißeu des Ghetto gehen wird. Jeder Gebildete, der einmal diese entsetzlich' unsauberen und ungesunden Wohnstätten besucht hat, muß dagegen auf das lebhafteste wünschen, daß an die Besettigung derselben schleunigst gegangen werde.