Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 62 (4.8.1884)
- Date
- 1884-08-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449465--20577-2510114- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1024 im Leben die größten Gegensätze zur Erscheinung bringen, Jakob und Esau waren Zwillingsbrüder; ein Later hatte sie gezeugt, eine Mutter hatte sie gleichzeitig unter ihrem Herzen getragen; ihre Kindheit bewachte und beschirmte derselbe (Großvater, der edelste, frömmste und beste Mann seiner Zeit; denn die Zwillingsbrüder zählten fünfzehn Jahre, als Abraham starb. Hub welche Gegensätze träten schon in der Jugend bei ihnen zu Tage! Jakob bildete sich zu einem Manne der Vollkommenheit, dessen heißestes Streben es war, sich im Wissen zu vervollkommnen., immer weiser und besser zu -werden; Esau hingegen wandte sich ganz den Freuden des Lebens zu; er liebte etz, auf die Jagd zn gehen und die Thiere des Feldes zu erlegen; er leugnete die Unsterblichkeit der Seele, um die Freuden dieser Welt ganz und voll und ungestört zu genießen; er sehnt endlich den Tod des Vaters herbei, um den ihm unbequemen Bruder zu erschlagen. Er wird ein Götzendiener, vermählt sich mit götzendienerischen Frauen und wird der Stammvater eines heidnischen Volkes, das die Traditionen der Väter vollständig vergißt. Jakob aber bleibt diesen Traditionen treu, sucht in Frömmigkeit und Heiligkeit deS Wandels Vater und Großvater noch zu übertreffen, sucht sich in der Ferne gleichgesinnte Lebensgefährtinnen und wird der Stammvater eines Volkes, das der allmächtige Gott sich erwählt aus allen Nationen der Erde. Was war das Bestimmende für Jakob und Esau? Nicht die Abstammung -- sie war bei Beiden die gleiche, nicht die Erziehung — sie war bei Beiden dieselbe, nicht der Unterricht - sie genossen ihn während ihrer Kindheit gemeinsam. Das Bestimmende war für Jeden von ihnen die eigene, freie Wahl. Und wie es damals war, so ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Was der Mensch ist und wird. er. hat es im letzten Grunde sich selbst zu verdanken. Eltern und Erzieher können wohl Anleitung geben; die Freiheit des Entschlusses aber, des Entschlusses zu guten oder zu bösen Thaten, zu gottgefälligem oder zu.verbrecherischem Leben bleibt jedem einzelnen. Menschen Vorbehalten, 28 "h 'ü 'h '28 z'8 wenn ich nicht für mich, wer für mich? ES tritt ein Zeitpunkt ein, in welchem Eltern und Lehrer den Jüngling verlassen oder doch entlassen müssen. Kein Anderer kann für ihn die Wege wählen, die er zu gehen hat; kein Anderer kann für ihn die Entschlüsse fassen, die sein künftiges Leben gestalten, kein Anderer kann für ihn die Thaten Olim, die ihn zu den Guten und Edlen oder zu den Bösen und Schlechter! gesellen werden. Der Mensch ist frei, und deßhalb muß er für sich selbst eintreten. Noch eine andere Wahrheit liegt kn diese» Worten des großen Weisen. Wir haben schon gesagt. daß jeder Mensch für sich eine Welt km Kleinen ist, daß jede einzelne Individualität ihre besondere Triebe und Neigungen hat. Eine der hervorstechendsten Triebe der Menschennatur, ist die Sucht, Andere zu beherrschen und sie zu zwingen, sich den Wünschen der eigenen Individualität nnterzuordnen. Schon das kleine Kind sucht seinen Willen durchzusetzen wie und wo es nur kann. Je mehr der Mensch sich entwickelt, desto mehr sucht er Andere unter sein Scepter zu beugen. Der wahrhafte Herrscher ist aber der, welcher sich selbst beherrscht. Und wärst Du ein König, ein Selbstherrscher, der über sein Thun und Lassen Niemandem Rechenschaft schuldet, der über Tod und Leben, über Eiaenthum und Besitz, über Wohl und Wehe von Millionen Menschen nach seiner Laune schalten und walten kann, und Du hast die Herrschaft über Dich selbst nicht erlangt, so bist doch nichts als ein elender Sclavc. Heuchler und Schmeichler werden Dich umgeben und in scheinbarer Unterwürfigkeit Dich beherrschen; sie werden Deine Launen benützen und sie mißbrauchen; sie werden Deine Leidenschaften hegen und pflegen, um -Dich und Andere elend zu machen. Der ärmste Mensch jedoch , in niedrigster Stellung, der die Herrschaft über sich selbst erlangt hat, der seine Leidenschaften niederzwingt, seine Neigungen in weiser Mäßigung beschränkt, seine Launen zn bannen versteht, der ist der wahrhafte Herrscher; er wird glücklich sein selbst in Armuth und Niedrigkeit, selbst ln Krankheit und Roth; er wird jedes Elend des diesseitigen Lebens überwinden und durch gute und edle Thaten sich einen Königspalast erbauen für die zukünftige Welt. Noch eine dritte große Wahrheit finden die Erklärer in den hier besprochenen Worten dargelegt. 'h 'Q 'h '28 j'8 28 «Wenn ich nicht mir gehöre, wer und was gehört mir??" Vergänglich ist alles Irdische. Nur zn leicht entflieht der Besitz, und Leute, die stolz auf ihren Reichthnm waren, mußten nur zu oft diesen dahiuschwkuden sehen. Es wandelt Jemand einher im Vollgefühl der Kraft und Gesundheit; nach kurzer Zeit ist er gebrochen, und der Keim des TodeS nagt an feinem Herzen. Ein 'Anderer rühmt sich seiner Weisheit und seiner großen Kenntnisse, plötzlich umnachtet sich sein Geist, und er ist bcdauerntzwerther als der geringste Bettler. Daher ruft uns auch der Prophet zu: Nicht rühme der Weise sich seiner Weisheit, nicht rühme der Starke sich seiner Stärke und nicht der Reiche seines 'Reichthums. Vergänglich sind all diese Güter und