Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-07-31 · Heft 61 (31.7.1884) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 61 (31.7.1884)
Date
1884-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449464--20560-2510096
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1008 ewigen Wechsel begriffen, ein stetes Werden und Vergehen. Ebenso verhält es - sich in Bezug auf das sittliche Strebe», in Bezug auf die geistige Vervollkommnung. Wer nicht immerwährend bemüht ist, in Gottesfurcht, in Lauterkeit des Denkens, Redens und Thuns voranzuschreiten, der geht zurück. Stets muß der Mensch auf sich achten und bestrebt sein, die Neigung zum Bösen zu unterdrücken und die Liebe zur Tugend zu pflegen, sonst sinkt er von der mühsam erklommenen Höhe. Bei der Ausbildung der geistigen Fähigkeiten, bei der Aneignung der Thorakenntniß tritt dieser Umstand noch merklicher zu Tage. Die Thora spricht: .•pij/it D’Di» rw ’juiyn dn „Wenn Du mich einen Tag verläffest, so werde ich Dich zwei Tage verlassen." So Jemand, fügen die Weisen hinzu, nach Norden geht, und es begeg> net ihm ein Anderer, der nach Süden schreitet, so werden sie, eine Stunde, nachdem sie einander sich getroffen, zwei Stunden von einander entfernt sein. Gerade so verhält es sich mit dem Lernenden und der Thora. Glaube nicht, daß die Thorakenntniß, die Du Dir erworben, bei Dir bleibe, wenn Du zu lernen aufhörst. Du gehst und sie geht; beide gehet ihr in verschiedener Richtung und nach kurzer Zeit werdet ihr von einander weit entfernt sein.. Es gibt keinen Stillstand in Bezug auf das geistige Leben, nur Fortschritt oder Rückschritt, nur stetiges Zunehmen oder allmähliches Vergeffen. Da nun die Thorakenntniß so schwer zu erringen und so leicht zu verlieren ist, da sich der Mensch keinen Ruhepunkt gewähren darf, in der Erlangung der Gotteslehre von frühester Kindheit bis zum letzten Athemzuge, so könnte Jemand an dieser schweren Aufgabe verzweifelnd meinen, es sei besser und leichter, ganz auf die Erfassung der Gotteslchre zu verzichten; deßhalb fügt der Weise hinzu: „Und wer nicht lernt, ist des Todes schuldig". — Der ganze Beruf des Juden wurzelt in der Gotteslehre. Sie ist es, die unserm Leben den wahrhaften Werth verleiht. Wer sich nicht mit ihr beschäftigt, begeht einen geistigen Selbstmord, wer sie erwählt und sie hochhält, gleich dem Weibe seiner Wahl, gleich der Geliebten seines Herzens, der genießt wahrhaftes Leben in dieser Welt und erringt unnennbare Seligkeit in der Welt des ewigen Lebens. Der ganze Jammer der Neuzeit, der Abfall vom positiven Judenthume, der leider in den jüngstverflossenen Jahrzehnten so große Dimensionen angenommen, die Lauheit und Gleichgiltigkeit gegen die heilige Religion unserer Väter — das Alles hat meistens seinen Grund in der Vernachlässigung des Thorastudiums. Es gab einst eine Zeit, die so schrecklich und enffetzlich war, wie keine vorhergehende und wie sie hoffentlich niemals wiederkehren 'wird, die Zeit der hadrianischen Verfolgung. Das Studium der Gottes» lehre wurde mit dem Tode bestraft, die Ausführung eines Gottesgebotes ward-mit Hinrichtung bedroht. Heimlich versammelten sich die größten Männer Israels jener Periode, um in einem Dachzimmer eines Mannes Namens Nitsa zu berathen (Jeruschalmi Schebiit C. 4, Halacha 2). Was war für die Erhaltung Israels das Wichtigere, für was sollte man alle Kräfte einsetzen, für die Ermöglichung der gottgebotenen Thaten oder für das Studium der Gotteslehre? n»yo irr imdn. Da wurde einstimmig beschlossen , es zu verkünden, datz das Studium der Gotteslchre die unerläßliche Vorbedingung des religiösen Lebens ist iwyo \i*> koo» bra nobn. Wer in der Gotteslchre forscht, wird durch dieses Forschen zur Befolgung ihrer hellkgen Gebote veranlaßt; wo keine Thorakenntniß ist, da kann das religiöse Leben unmöglich gedeihen 3»n rrdop fi6*n wer nicht lernt, begeht in Bezug auf sein religiöses Leben einen Selbstmord. So groß und wichtig das Studium der Gotteslehre ist, so kann doch auch mit ihm Mißbrauch getrieben werden. Die Gotteslchre ist rein und hehr und lauter, und rein und hehr und lauter muß das Leben ihrer Vertreter sein. Wer das Wissen, das er erworben, zu andern Zwecken benützt als zu lernen und zu lehren, zu beobachten und zu thun, wer Geld und Gut dadurch zu erringen sucht, oder Ehre und Ansehen oder Macht und Einfluß, der beschmutzt das heilige Diadem der Thora, der trübt ihren himmlischen Glanz. Zwar, der Gotteslchre kann er nicht schaden; sie ist unvergänglich und ewig; ihre Strahlenkrone kann durch das thörkchte Beginnen ungetteuer Verwalter nicht vernichtet werden. Aber die ungetreuen Verwalter vernichten sich selbst, «ca »onon* iw. „Wer sich der Krone sals eines Werkzeuges bedient, vergeht." * Und nun wollen wir den Ausspruch des großen Hillel ln anderer Fassung wiederholen: Hast Du einen guten Namen erlangt, so suche ihn durch Demuth und Bescheidenheit zu erhalten; durch Ehrgeiz und Ruhmsucht würdest Du ihn verlieren. Hast Du Schätze des Wissens gesammelt, so suche sie rastlos zu vermehren; ein Nachlassen im eiftkgen Streben würde sie sofort vermindern, denn Stillstand ist Rückschritt. Der Endzweck und der Inhalt des jüdisch religiösen Lebens ist das Studium der Gotteslehre; davon zu lassen, wäre Selbstmord. DaS stete und eifrige Bemühen um sie, verschafft Dir die herrlichste Krone; denn der Wissende wandelt wie ein König .unter seinen Mitmenschen. Der Glam dieser Krone muß rein erhalten werden, muß frei bleiben vo« der Trübung durch selbstsüchtiges Gebühren; sonst drückt das himmlische Diadem den Unwürdigen nieder und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.