Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1884)
- Date
- 1884-07-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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998 Und wie gerne möchte sie ihm helfen, wenn es in ihrer Macht läge. O so gerne, so gerne — wie ein Feuerstrom jagte ihr das Blut durch die Adern, in ihrem Busen pochte es so gewaltig. — Ja selbst mit ihrem Leben möchte sie ihn retten. — Daheim in ihrem elterlichen Haus hatte sie es gelernt, jedem Menschen nützlich zu sein und ihm liebevoll entgegenzukommen, ein voller Strom von Liebe und Rechtschaffenheit durchfluthete dort alle Beziehungen. Warum sollte sie nun diesem Unglücklichen, der? — ja der ihre Sympatien gewonnen, ihre Hilfe versagen, wenn er ihrer bedarf? Da bewegte sich's unten zwischen den Nasenecken, ein Schatten fiel auf den Kies und halb vom Mondlicht umstrahlt erschien die hohe Gestalt eines Mannes. Er sah zu den Fenstern hinauf, spähend, wie um Verborgenes zu entdecken. Wer mag es sein? Was will der Mann hier zu dieser späten Stunde? Das junge Mädchen fühlte, wie der Lauf ihres Blutes zu stocken beginne, ein kalter Schauer überrieselte ihren ganzen Körper; doch blieb sie mit angehaltenem Athem am Fenster stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen in die Nacht. Wie aus Erz gegossen stand sie da, nicht einmal die kalten Schweißtropfen, die auf ihre Stirne traten, wagte sie abzuwischen. Wo war der Mann? zu wem wollte er? Jetzt öffnete sich die Thüre und eine Dame in langem weißen Hauskleide trat in den Garten. Die Mondesstrahlen bahnten sich jetzt den Weg zwischen die Zweige der Bäume und Rahel konnte gut die Gestalt des der Dame entgegen eilenden Mannes unterscheiden. Er mochte ungefähr sein dreißigstes Lebensjahr erreicht haben. Ein langer blonder Bart umrahmte sein bleiches Gesicht, in welchem Laster und ein wüstes Leben tiefe Furchen gegraben. Seine Augen, deffen Farbe nicht gut zu unterscheiden waren, blitzten leidenschaftlich auf, als er die Dame erblickte. Seine Haltung.kennzeichnete trotz des Civilanzuges den Offizier. Die Gesichtszüge der Dame konnte sie nicht sehen, denn sie wandte ihr den Rücken. Ihr Wuchs indeß war schlank und zeigte die vollen Formen einer jungen Frau. «Habe Dank, Martha!" — hörte Rahel in gedämpftem Tone eine Männerstimme sagen — das arme Mädchen athmet unwillkürlich erleichtert auf. — „Hab' Dank, daß Du meine Bitte gewährt. Ich.!" „Fasse Dich kurz, lieber Bourow!" herrschte ihn eine helle Frauenstimme an — „Ich habe wirklich keine Zeit Liebeserklärungen anzuhören; auch bin ich schon längst solcher Thorheit entwachsen! Ich wist offen gegen Dich sein. Ich würde Dir auch dieses RendHvous verweigert haben, wenn ich nicht von Dir Näheres über das Gebühren des gestrengen Amtsrichters Stein zu erfahren hoffte. Fasse Dich also kurz und erzähle mir, was Du von ihm weißt!" „Amtsrichter Stein, Amtsrichter Stein!!" — Hat Rahel recht gehört? War es wirklich der Name, den das Weib da unten aussprach? In welcher Beziehung steht er zu diesem Weib? — Hu! hu! mit welcher teuflischer Bosheit, mit welchem glühendem Haffe hat das Weib diesen Namen ausgesprochen! — Rahel hatte beide Hände an die pochenden Schläfe gepreßt und lauschte mit verdoppelt gespannter Aufmerksamkeit, während ihre Augen die Dunkelheit zu durchdringen suchten, um das Nichtgutgehörte und Unverstandene aus den Gebährden und demMienenspiel dieses sonderbaren Pärchens zu lesen. „Martha, liebe Martha!" — versetzte Burow mit großer Aufregung und machte einen Versuch ihre Hand zu erfassen — „höre mich an und treibe mich nicht zum Aeußersten! Ich will ja bloß wissen und aus Deinem Munde hören, daß es nicht wahr fei,' was die Leute.!" „Sei nicht albern, Bourow!" unterbrach ihn Martha kühl. — „Was geht mich das Geschwätz der Leute an! Es sind ja lauter Kknderpossen!" „Kinderpoffen! Kinderpoffen!" — wallte Burow leidenschaftlich auf und ergriff mit mächtigem Druck den Arm Marthas — „Kinderpoffen! wo die ganze Welt behauptet, daß Du Jüdin werdest, um den reichen Banquier Reichmann zu heirathen? Sag', ist es wahr, daß Du die Klage wegen Ehescheidung gegen Deinen Gatten eingeleitet habest? Ist es wahr, daß Du zu diesem Zwecke aus B-. .. hierhergereist, weil der hiesige Rabbiner der einzige war, der sich bereit erklärte. Dich ins Judenthum aufzunehmen. Sag', ist das Alles wahr? Ich muß die Wahrheit um jeden Preis wissen!" Martha stieß einen leisen Schrei aus. „Laß' mich los, Burow!" — entgegnete Martha mit spöttischem Lächeln — „laß mich los, Dn zerschmetterst ja meinen Arm mit diesem zärtlichen Händedruck!" Burow gab ihr den Arm. (Fortsetzung folgt). SKT* Die Fortsetzung der Erzählung „In Tagen der Prüfung" erscheint in der nächsten Stummer. Hierzu eiue Neila-e. BerLniuwrtUche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deS „NraeM* große Bleiche 45, I. Ga» 1 rieben'» DuchdruNerel (Mainzer MqrigeQ