Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1884)
- Date
- 1884-07-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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993 Die Ueberlieferrmg, die mündliche Ueberlieferung ist der Schlüffel, der uns ihren Sinn erschließt. Daher 'ist die mündliche Lehre ebenso die Grundlage unserer * heiligen Religion wie die schriftliche. Der zweite Fall belehrt uns, daß nicht die Priesterwürde das Fundament, unseres Gottesdienstes ist, daß vielmehr jeder Jude und auch der Fremde, der sich uns anschließt, ein Priester Gottes sein kann, wenn cs ihm auch nicht vergönnt ist, die Opfer zu bereiten im Haufe unseres Gottes. Das Jndeuthum au sich ist ein priesterlicher Beruf und der thoraknndige Mann, selbst von niedrigster Herkunft, gilt mehr als ein unwissender Hoherpriester. Der dritte Fall offenbart uns einender höchsten Grundsätze des Judenthums, dm nämlich, daß die allgemeine Menschenliebe der Inbegriff der gesammten Gotteslehre ist, zu dem sich alles übrige wie Commentar zum Hauptsatze verhält. Wir haben in einem der ersten Kapitel dieser unsrer Abhandlung den Lehrsatz Simons, des Gerechten, in Betrachtung gezogen, daß die Welt auf drei Säulen beruhe: auf dem Thorastudium, dem Gottesdienst und der allgemeinen Menschenliebe. Die Erzählung von den drei Hillel'schen Proselyten ist gleichsam eine Illustration dieser drei Weltensäulen. In der ersten wird die gleiche Bedeutung der schriftlichen wie der mündlichen Thorah nachgewiesen; in der zweiten wird gezeigt, daß der Gottesdienst in dem Judenthume nicht den Priestern ausschließlich gebührt; in der' dritten wird hervorgehoben, daß die Weltensäule der allgemeinen Menschenliebe an Wichtigkeit und Bedeutung die beiden andern Säulen übertrifft. Das deuten auch unsere Weisen im Midrasch an, indem sie erzählen, daß die Engel erst dann in die Uebergabe der Thora an Moscheh willigten, als Gott sie auf die allgemeine Menschenliebe hinwies, die Abraham, der Stammvater Israels, in so großem Maaßstabe geübt. Die Thorakenntniß und der Gottesdienst sollen unfern Geist vervollkommenen und unser Herz erheben, damit wir alle Menschen als Geschöpfe des allmächtigen Gottes, als Kinder unsers Vaters im Himmel lieben lernen. Die allgemeine Menschenliebe ist die edelste Frucht des religiösen Lebens. Aber nur auf dem Wege der Thorakenntniß und des Gottesdienstes kann sie erlangt werden, kann sie erhalten bleiben. Daher stellte sie Hillel als den allumfaffenden Grundsatz dar, zu dem alles Ucbrige sich wie der Commentar zum Hauptsätze verhält. Diese allgemeine Menschenliebe zu bethäügen, dazu gibt der große Weise zugleich den Probierstein an. „Was Dir mißfällt, das thue einem Andern nicht. „Frage Dich in Deinem Verkehr mit dem Mitmenschen, wie es Dir gefallen würde, wenn das, was Du thun willst, ein Anderer Dir thun möchte. Wenn Du z. B. in Lebensgefahr gericthcst, und ein Anderer würde unthätig dabei sichen, würde es Dir gefallen? — Wenn Du in Roth kämest und das hohle Gespenst der Hungers zöge bei Dir ein, Schmerz und Kummer müßtest Du lesen vom Gesichte Deiner Gattin, und der Jammer Deiner kleinen Kinder, die vergeblich nach Brod rufen, zerriffe Dein Herz, und Du würdest Dich an Deine reichen Mitmenschen um Hilfe wenden, und diese würden Dir die Hilfe versagen — würde Dir das gefallen? — Wenn der Mensch so den Maßstab an sich selber legt, dann wird, dann muß er von der aufopferndsten und bingebendsten Menschenliebe erfüllt werden. — Wenn Dein Haus brennt, und das Leben Deiner Lieben ist in Gefahr; es eilen herbei die Nachbarn, aber ehe sie Hand anlegeu zu helfen, würden sie fragen: Ist der Mann auch unser Glaubensgenosse, unser Stammesgenoffe, welches sind seine politischen Grundsätze? — würde das Dir gefallen? Deßhalb frage auch Du nicht, sondern hilf und rette, wo immer Du helfen und retten kannst. (Fortsetzung folgt.) fine örennende Frage. Es ist keine der großen. Alles bewegenden und aufregenden Tagcsfragen, auf die ich hiermit die Aufmerksamkeit lenken möchte, aber sie ist ernst genug für jeden Einzelnen, an den sie herantritt, und ihre Lösung ist im allgemeinen Interesse wichtig genug, um im „Israelit" einer Besprechung unterzogen zu werden; ich meine nämlich die Frage, wie der Sabbatentweihüng von Seiten so vieler, selbst vom Hause aus religiös erzogener junger Leute, die sich dem Geschäfte widmen, Einhalt gethau werden kann. Es ist eine bekannte traurige Thatsache, daß es heutzutage oft ungemein schwierig ist, Knaben als Lehrlinge in Geschäftshäusern untcrznbriugen, wo sie die Sabbate und Festtage nicht durch Arbeit zu entweihen brauchen, und daß es natürlich dem Commis, noch weit schwerer wird, eine Stelle in einem Geschäfte zn fi.,den, das ihn von der Arbeit am Sabbat und an Festtagen dispeusirt. Die Gemeinden, in denen noch viele Geschäfte streng geschlossen sind, sind leider nur allzudünn gesäet, aber selbst in denjenigen Städten, wo das orthodoxe Judenthum in den letzten Jahren Gottlob an Ausbreitung und Erstarkung gewonnen hat, wie z. B. in erster Linie in Frankfurt a. M. sind Stellen in frommen Häusern sehr rar, da eben diese wenigen Städte von den Stellesuchenden aus der Nähe und Ferne vorzugsweise aufgesucht werden, wodurch die Nachfrage gewohnlich das Angebot bcbeutcub übersteigt. — Wenn nun schon der wirklich fromme Israelit bei der Un-