Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1884)
- Date
- 1884-07-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXV. Jahrgang. Beilage -« Nr. 59 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Die Juden. Von Dr. Gerson Wolf. Mit einer Schlußbetrachtung von Dr.Wilh. Goldbaum. Wien und Teschen 1883. Prochaska. 8. Unter dem Namen „Die Völker Oesterreich- Ungarns" veranstaltet die Verlagsbuchhandlung von Prochaska eine Sammlung ethnographischer und culturhistorischer Schilderungen der verschiedenartigen Völkerstämme und Racen, die das Habsburgische Haus unter feinem Scepter vereinigt. Wolf, der durch seine Geschichtsforschungen einen berühmten Namen erworben, und der besonders der Geschichte der Juden in Oesterreich seine Aufmerksamkeit zugegewendet hat, hat die Bearbeitung des 7. Bandes dieser Sammlung, der die jüdischen Unterthanen des vielsprachigen Kaiser- und Königreiches behandelt, übernommen. Das Werk zerfällt, in drei Theile: 1. Geschichtliches, 2. Culturverhältniffe, 3. Sitten, Gebräuche, Charactcr. Daß Wolf ganz der Mann dazu ist, in kurzer bündiger Weise die Geschichte der Juden zu schreiben, darüber herrschte nie der geringste Zweifel und im ersten Theile dieser Arbeit hat er es auch gezeigt, daß er Meister in diesem Fache. Nur vermöge seiner Meisterschaft, die den ganzen Stoff durch und durch beherrscht, war es ihm möglich, in so knapper Form und mit so wenig Worten so viel zu sagen. Vermiffen wir auch diese Meisterschaft im zweiten Theile nicht, so hat er doch da schon die Grenzen überschritten, die seiner eigentlichen Ausgabe gesteckt waren und ist in ein Gebiet hinabgestiegen, in welchem er nicht so ganz heimisch ist. Aus den Grenzen feiner eigentlichen Aufgabe, die mehr eine mittheilende, erzählende ist, ist er herausgetreten, indem er sich gleichsam schiedsrichterlich, wenn auch nur ganz schüchtern, über Dinge ausläßt, die seiner Competenz in dieser Schrift nicht unterliegen. Unzweifelhaft gehört es zur Aufgabe dieser Schrift, die Kämpfe innerhalb des Judenthums zwischen Orthodoxie und Reform zu berühren, aber in der liturgischen Frage z. V. Stellung zu nehmen, das überschreitet die Aufgabe der vorliegenden Arbeit, zumal dieser Streit doch nichts mit dem Culturfortschritt zu thun hat. Denn Herr Wolf wird doch die Thatsache nicht leugnen wollen, daß die Orthodoxie sich ebenso voll und ganz an dem Culturfortschritt betheiligt wie die Neologie. Im Anfänge der Kämpfe hat man dies ja verneint, doch die letzten 40—50 Jahre werden wohl auch den größten Fanatiker der Reform eines Bessern belehrt haben. Daß er aber auch gar nicht der Mann ist, in diesen Fragen ein competentes Urtheil zu fällen, geht gerade aus dem Fall hervor, in welchem er mit seinem, wenn auch sehr schüchtern ausgesprochenen Urtheil hervortritt. Bei Gelegenheit des liturgischen Streites kommt er auf die Messiasfrage zu spreche», und um zu beweisen, daß der Glaube an den. Messias nicht verbindlich sei, führt er den bekannten Ausspruch Rabbi Hillels an, der, wollte man sich an seiner Dunkelheit nicht stoßen, immerhin die Meinung eines Einzelnen einer großen Majorität gegenüber ausdrückt und dem Autor auf der Stelle eine Rüge seiner Genossen eingetragen hat und einen Ausspruch Samuel, in den aber Wolf seine Ansicht hineininterpretirt. Was nun aber den dritten Theil betrifft, so ist der ganz geeignet, Verwirrungen anzustisteu und den Lesern falsche Anschauungen zu vermitteln. Im großen und ganzen sollen wohl die Sitten und Gebräuche der Juden im allgemein geschildert werden, wiederum finden sich aber so manche Gebräuche verzeichnet, die sich nur in bestimmten Gegenden finden, die also durch Einflüße entstanden sind, die mit den Juden als solchen nicht zu thun haben. Wenn z. B. der Sitte Erwähnung gethan wird, daß inan bei einem Gewitter eine Bibel auf den Tisch lege, um das Haus vor dem Blitze zu schützen, so könnte der Leser dazu verleitet werden zu glauben, daß dies eine durch das Judenthum und die jüdische Religion bedingte Handlung sei. Wenn aber Solches in irgend einem Winkel Oesterreichs von irgend einer Großmutter geübt wird, oder auch von hundert Großmüttern, so ist doch das kein Gebrauch der Juden; wo dies geschieht, da legt die Christin wohl auch ihre Bibel mit derselben Gewissenhaftigkeit als Blitzableiter auf den Tisch, wie es die Jüdin thut. Solche Handlungen eignen einer Gegend, nicht einem Stamme oder einer Nation. . Dies im Allgemeinen. Unter den Einzelheiten, die wir hier zu beanstanden haben, nehmen wir Folgendes.