Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1884)
- Date
- 1884-07-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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976 Entfaltung zu bringen vermag. Er ist gleichsam I das Gefäß für die Fülle des Segens, wie unsere Weise» lehren: „Der Heilige, gelobt sei Er, fand l kein Gefäß, das den Segen umfaßt und erhält wie j den Frieden; denn es heißt: Der Ewige wird die j Macht seinem Volke verleihen, der Ewige wird segnen sein Volk mit Frieden."! Der Friede ist oft schwer zu erhalten; daher ist es nicht genug, daß man den Frieden liebt, man muß sich auch um ihn bemühen, man muß ihn mit aller Macht wieder herbeizuführen streben, wo er gestört ist und nicht nur für sich, sondern auch für Andere. Wer den Frieden ernstlich will, muß von wahrhafter Menschenliebe erfüllt sein und diese Menschliche äußert sich am Reinsten, wenn man bemüht ist, seine Mitmenschen die Segnungen der Gotteslehre theilhaftig werden zu lassen, von der es heißt: Ihre Wege sind Wege der Lieblichkeit und alle ihre Pfade sind Frieden. „Sei von den Schülern Aharons!" Von ihm heißt es (Maleachi 2, 6). rnsffj kudj trt rroyi men nn\n nc« nun .pyo 3’tpn O'zni 'nrr fsn -Ev3i oV5tta „Die Lehre der Wahrheit war in seinem Munde, nie -war Falschheit auf seinen Lippen; in Frieden und Geradheit wandelte er mit mir, und Viele brachte er zurück von der Sünde." Gott hat die Priester berufen und beauftragt, sein Volk zu segnen, und da der Friede das Gefäß ist, welches den Segen umfaßt, so war auch der erste Hohepriester Israels das Ideal der Friedensliebe und der Friedensstiftung. Es wird uns in den Aboth des' Rabbi Nathan erzählt, wie Aharon sich um den Frieden bemühte. Sobald er vernahm daß zwei mit einander in Streit gerathen waren, suchte er den Einen auf und ergänzte ihm, wie sehr sein Gegner bereue, ihn gekränkt oder ihm Unrecht gethan zu haben. Und so lange redete er ihm zu, bis er den Stachel des Hasses aus seinem Herzen gerissen und ihn versöhnlich gestimmt hatte. Aehnlich verfuhr er mit dem Andern, und so gelang es ihm, die Verfeindeten wieder zu guten Freunden zu machen.—Wenn es ruchbar ward, daß em Ehepaar in Zank und Streit lebe, so begab sich der Hohepriester in das Zelt der Beiden und bestimmte sie, gegen einander nachgiebig zu sein, einander zu verzechen und mit einander Nachsicht zu haben. Wer hätte den milden Worten des Hohenpriesters widerstanden? So erhielt er das Glück mancher Ehe, indem er den gestörten Frieden wieder herstellte; daher heißt es von Aharon, als er starb: „Und es beweinten den Aharon dreißig Tage das ganze. Haus Israels — das ganze Haus Israels, Männer und Frauen (4.!B. M., C. 20, V. 29), während es bei Moscheh heißt: Und es beweinten die Söhne Israels den Moscheh in den Ebenen Moabs dreißig Tage lang (5. B. M., C. 34, V. 8.), die Söhne Israels, die Männer, und nicht die Frauen. Aber nicht nur den Frieden unter den Menschen, sondern auch den Frieden zwischen Israel und seinem Gotte suchte Aharon zu erhalten, und wenn er gestört war, ihn wieder herMstellen. „Und Viele brachte er zurück von Schuld." Wenn Aharon, erzählen die Weisen am angeführten Orte, vernahm, daß Jemand eine Sünde begangen, so suchte er chn aus, grüßte ihn aufs Freundlichste und unterhielt sich mit ihm in liebevoller Weise. Wenn Aharon dann sortgegangen war, so sprach der Sünder zu sich: Wehe mir, wenn ( dieser große, heilige Mann erfahren möchte» was ich ' gethan! Er würde mich keines freundlichen Wortes mehr würdigen! — Und dieser Gedanke war stark genug, den Sünder vom Wege der Schuld zurückzubringen. Daher ruft Hillel uns zu: Ser von den Schülern Aharons, lerne von dem ersten Hohenpriester Israels den Frieden zu lieben, wie er den Frieden liebte; lerne von ihm, den Frieden gleichsam zu verfolgen und einzuholen, wenn derselbe zn entfliehen scheint, so daß seine Erreichung große Schwierigkeiten bereitet; lasse nicht ab; am Ende wird es gelingen. ' ' Um unablässig den Frieden zu wollen und ihn trotz der sich entgegenstellenden Hindernisse wiederherzustellen, dazu bedarf es der reinsten und edelsten Menschenliebe, wir sagen: der reinsten und edelsten Menschenliebe. Es gibt eine Liebe, die aus selbstsüchtigen Motiven entspringt. Es liebt Einer ein Mädchen; zunächst liebt er sie um feiner selbst willen; in ihrem Besitze glaubt er das Glück seines Lebens zu finden. Es liebt Einer den Freund. Forschest Du nach den Gründen dieser Liebe, so sind sie meist selbstsüchtiger Natur. Man findet Vergnügen am gegenseitigen Umgänge; man findet seinen Vortheil in gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Selbst die Liebe zu den Eltern und die der Wem zu den Kindern, auch die der Geschwister unter einander, sind meistens nicht ganz frei von selbstsüchtigen Beweggründen. Ja, sogar die Liebe zu Gott ist bei den meisten Menschen in Ursachen zn suchen, die sich auf das Wohl und Wehe der eigenen Person znrückführen lassen. Aber das ist nicht die rechte Liebe. Wir sollen unseren Vater im Himmel lieben, nicht aus Furcht vor Strafe, nicht in Hoffnung aus Lohn, sondern um seiner selbst willen, weil Er ist das allervollkommenste Wesen, der Inbegriff des Alls. Diese reine Liebe zu Gott wird sich dann auch auf alle feine Geschöpfe erstrecken, die wir 'reben, weil sie das Werk feiner Hände sind. Dann oerden wir keinem Menschen zu nahe treten, an? «er Menschenfreude regen Anthell nehmen, jedes ll .Äschenleid wird in unfern Herzen Mitgefühl erweck l, und uns zur Lin- U