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Der Israelit · 1884-07-21 · Heft 58 (21.7.1884) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 58 (21.7.1884)
Date
1884-07-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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nicht meine Pflicht, dem Rabbiner und dem Banqnier eine Copie dieses Briefes Zuzuschicken?" „Nein!" — sagte er mit Bestimmtheit nach einigem Ueberlegen. — „Sie schrieb mir die Namen dieser Herren nicht. Auch würde es kaum nützen. Bei dem Rabbiner wird das Geschenk, das derBanquier ihm wahrscheinlich versprochen, sich wirksamer zeigen, als meine Warnung. Und der Banquier! — Nun, dieser ist, wie alle Verliebte, geblendet und wird in mir den Nebenbuhler sehen! — Lassen wir also der Sache ihren Lauf!" Er erbrach den zweiten Brief. Er war von Doctor Priester, der ihm im Aufträge des Doctor Cervus geschrieben. Darin wird ihm die Mittheilung gemacht, das; ihn Martha brieflich um ein Darlehen ersucht und erchabe es ihr auf Anrathen des Rabbiner Doktor Stein gewährt, der.ihm erklärt, daß man Niemandem Haß Nachträgen und scbbst seinem Todfeind keine Hilfe versagen dürfe. „Rabbiner Doktor Stein" — schrieb Doctor Priester — „war so sehr erschüttert, als er von der Beziehung, die zwischen Ihnen und der Dame besteht, vernahm, daß er mit Mühe seine Thränen unterdrückte. Rabbiner Stein gebährdet sich überhaupt sehr räthselhaft, wenn von Ihnen die Rede ist. Er sagte auch, daß es Ihre Pflicht sei, für das Weib nach Kräften zu sorgen, wenn sie noch so sehr ihre Pflicht vergeffen. Man soll eben das Böse nicht mit Bösem vergelten. Was sagen Sie nur zu der himmlischen Güte dieses Mannes? Wie falsch sind doch die Schmähreden der Reformoraane, die die orthodoxen Rabbiner als intolerant hinstellen!" So und noch niehr schrieb der Doktor Priester. Lang starrte der Amtsrichter auf's Papier, dann sprang er auf, ging in großer Aufregung einige Mal im Zimmer auf und ab. „Dubeschämst mich tief, sehr tief, theuerer Bruder!" — rief er leidenschaftlich aus und schwere Thränen quollen aus seinen Augen. — „Du riethst zu Versöhnung, zur Güte für zugefügtes Weh und ich wollte noch vor wenigen Augenblicken das Weib verderben, weil es mich in ein Meer von Jammer und Elend gestürzt! O, welch' erhabener Sinn, welche edle Seele wohnt in Dir!? Ich erkenne in Dir die Wiedergeburt der Milde und Sanftmuth unseres edlen Vaters!" — Es wurde unterdeß Nacht. Im Zimmer herrschte tiefe Dunkelheit; denn der liebliche Schein des Mondes vermochte nur spärlich durch die schweren Fenster- Vorhänge dnrchzndringen. Der Amtsrichter strich ein Schwefelhölzchen und zündete ein Licht an. Er zog seine Uhre. — Schm halb Elf! — Da erinnerte er sich, daß er heute noch fast Nichts genoffen. Was thun? Eine Mische Restauration noch aufsuchen? Dazu dürfte es wohl schon zu spät sei«! — Er entschloß sich, im Hotel sich etwas geben zn lassen. Aber halt! Was darf er da wohl genießen? Er trat an's Fenster und trommelte gedarckenvoll an die Fensterscheiben, plötzlich zuckteer wie von jähem Blitze getroffen, zusammen! — Was war das? Am tiefblauen, mit zahllosen Sternen besäeten Himmel stiegen rothe Flammen empor. Wo mag es wohl brennen? Sollte er das Läuten der Sturmglocken doch wohl überhört haben? — Doch nein! Mit dumpfem Dröhnen fingen plötzlich sämurtliche Glocken zu läuten an und ihr schreckenerregender Ruf verbreitete überall Entsetzen. Die harmlosen Spaziergänger da unten auf der Straße hemmten plötzlich ihre Schritte und blieben aufmerksam horchend stehen, um gleich im wilden Lauf nach Hause zu eilem— Aber was geht dieser Brand den Amtsrichter an? Warum zuckt er bei jedem Glockenfchlag so heftig zusammen, als ob jeder Schlag eine wohlgezielte Kugel wäre, die seine Brust durchbohrte? Welche Gedanken beschäftigen ihn? Warum ist sein Gemüth so sehr geängstigt? Warum bebt seine kräftige Gestalt? Wo mag nur Rachel jetzt weilen? Sie wird vielleicht schon jetzt im tiefen Schlaf gewesen sein und der Glockenschlag hat sie aus dem Schlafe grausam erweckt! Seine erhitzte Phantasie zeigte ihm ein Weib, das mit flatternden Haaren mittenin den Flammen schwebte, die Hände krampfhaft ringend und um Hilfe rufend, da stürzt der Dachstuhl zusammen und begrub das jammernde Weib unter seinen Trümmern! „Rachel!" — schrie der Amtsrichter entsetzt auf, und kalte Schweißtropfen perlten über seine Stirne. — „Allmächtiger Gott, sie wird doch nicht in Gefahr sein?" — Rasch entschlossen zog er seinen Ueberrock an, setzte seinen Hut auf und stürzte in großer Eike die Treppe herunter, um mit der zahllosen Menge um die Wette zu der Brandstätte zu essen. (Fortsetzung folgt.) c Iu7“ Die Fortsetzung der Erzählung „In Tagen der Prüfung" erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu zwei Beilage». Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deS „JSraelit* große Bleiche 4L Z. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeigers

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