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Der Israelit · 1884-07-21 · Heft 58 (21.7.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 58 (21.7.1884)
Date
1884-07-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. Jus dm Leben eines orthodoren Iaöbiuers. Skizze von Dr. Sta ... (Fortsetzung.) Aber was mache ich nur? Statt Dir, mon eher, den Zweck meines Schreibens mitzutheilen, rede ich selbst in einem fort von längst abgethanen Dingen und bemühe mich Vergessenes wieder frisch aufzuwärmen! Es soll aber nicht mehr geschehen! Höre und staune! In der letzten Zeit habe ich die Gelegenheit gehabt eineu Banquier, der den hochtrabenden Titel Commerzienräth führt, kennen zu lernen. Er ist natürlich ebenfalls Jude — mein Loos scheint ja eben mit dem Judenthume eng verknüpft zu sein, wiewohl ich durch und durch antijüdisch bin. Dieser Herr Commerzienräth trug mir seine Hand an, aber klüger als Du und der Rudolph, nur unter der Bedingung, wenn ich zum Judenthume übertrete. Alle meine Ueberredungskünste trafen bei ihm auf einen mächtigen Widerstand, alle meine Reize, die Euch zu kopflosen Narren gemacht, scheiterten an seinem Starrsinn. Sein Wahlspruch lautet: „la boursc ou la viel“ Du weißt aber, daß ich ziemlich viel Werth auf ein Leben voller Freude lege, so wählte ich die Börse, d.h. ich bin entschlossen, den jüdischen Börsenfürsten zu heirathen und Jüdin zu werden. Ist es nicht lächerlich, wie das Geschick des Menschen sich mitunter gestaltet? Wie wird sich mein frommerOheim gebährden, wenn ihn die zerschmetternde Nachricht trifft, daß seineNichteJüdin geworden sei? Der alte Herr wird ganz untröstlich darüber sein und in seinem edlen Misstonswerke Rache und Zerstreuung suchen. In der That recht lustig! Das Wertzeug zum Bekehren, das zwei Juden durch einen Blick ihrer Augen in das Christenthum getrieben, wird bekehrt!? — Du wirst wild, daß ich der Religion, welche Du aus Liebe.zu mir angenommen, untreu werde? Nur ruhiges Blut, mein Lieber! Ich befolge darin das Beispiel des Apostel Paulus, der zuerst ein eifriger Verfolger des Christenthums war und nachher sich selber zum Christenthum bekannt, nur daß ich cs umgekehrt mache. Aber, dou visu, die ganze Welt ist ja heutzutag verkehrt! — Glaube aber nicht, daß mir der liebertritt zum Judenthume leicht gemacht werde. Nein, ganz im Gegentheil! Zwei Rabbiner, die ich um meine Aufnahme im Judenthume angegangen, haben mich rundweg abgewiesen. Sie sagten, man könne in jeder Religion der ewigen Glückseligkeit theilhaftig werden, wenn man sich bestrebt gut zu sein und edle Gesinnung hege. Unschön und sündhaft sei es aber, wenn man seine angestammte Religion vcrlaffcn will und sich zu einer andern bekennen, nicht weil man von den Wahrheiten dieser andern überzeugt ist, sondern weil diese gewisse Vortheile verspricht. Ist es nicht wunderlich? — Unsere Geistlichen sind hochbeglückt, wenn sie eine Seele für die Kirche gewinnen, die Motive zu diesem Schritt sind ihnen gleichgiltig, wenn nur die Taufe erfolgt, und die Rabbiner verweigern den liebertritt fast ohne jegliche Motivirung?! Endlich hat der Banquier einen Rabbiner, der, wie er sagte, nicht der starren Orthodoxie angchört, ausfindig gemacht, welcher sich zu meiner Aufnahme im Judenthnme bereit erklärt. Ich weiß zwar jetzt ebensowenig von dieser Religion als zuvor. Aber das hat weiter nichts zu sagen. Du wirst aber wohl begreifen, daß ich als Frau Commerzienräth nicht den Namen Stein trage, und daß ich auf die 500 Thaler, die mir einst Deine Großmuth als jährliches Einkommen gewährte, ganz gut Verzicht leisten kann. Ich habe mir daher erlaubt, die Klage wegen Ehescheidung zu erheben. Ich hoffe, daß Du gegen meine Verheirathung nichts einzuwenden haben wirst und auch keinen Protest gegen unsere gerichtliche Scheidung erheben wirst. Selbstredend wirst Du eine Einladung zu meiner Hochzeit erhalten, bis dahin grüßt Dich Deine von Dir bald für die Ewigkeit geschiedene Gattin Martha.. 8. Kapitel. Die Bestürzung. „Pfui, pfui!" — rief der Amtsrichter mit tiefer Verachtung ans — „pfui! Wie tief sinkt der Mensch, wenn er einmal die Bahn der Sünde und des Lasters betreten! Du sollst aber Deinen Willen haben, schamloses Weib! Nicht Deinetwegen, sondern meinetwegen! Ich will keine Gemeinschaft mehr mit einem Weibe, daS sich rühmt, mit Wissen ein falsches Spiel gespielt zu haben und ihrer egoistischen Zwecken wegen mit den Heiligthümern der Menschheit schachert. Fahre hin, Schmach und Schande meiner Vergangenheit!" Er nahm eine Cigarre, zündete sie an, schaute gedankenvoll den aussteigenden blauen Rauchwölkchen nach. „Wie gewiffenlos ist doch ein solcher Rabbiner!" — nmrmelte er vor sich. — „Ist es nicht ein ewiger Frevel gegen das Judenthum, einem Weib zum Uebertritt zu verhelfen, das sich aus den unlautersten Motiven zu einem Religionswechsel entschlossen? Wäre eS

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