Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 58 (21.7.1884)
- Date
- 1884-07-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Zwischen dm Marken. Don Rabbiner Dr. Ehrmann. (Schluß.) So erscheint der ganze Midrasch Echah vorn ersten bis zum letzten Worte nicht so sehr eine Erklärung als eine Verklärung des verhängnißvoken Inhalts der Echahrolle. Hier, Angesichts der trübsten Schattenseite des jüdischen Geschickes, bewährten sich unsere Weisen in ihrer ganzen unerreichbaren Größe. Ihre Weisheit hat sich stärker als die wuchtigen Schicksalsschläge erwiesen, welche sie und ihr Volk betroffen haben. Und nicht nur in der Theorie der Schrifterklärung, sondern auch mitten in den Wechselfällen des täglichen Lebens, bewahrten sie den unwandelbaren Gleichmuts), der nie irre, der nicht müde wurde in jedem neuen Schlag, den ihr Gottvertranen überwand, Gottes Allmacht zu verehren, wie sie sich bei dieser übernatürlichen Erhaltung der Schutz- und Wehrlosen in ihrer ehrfurchtgebictenden Wundergröße bewährte, wnoj in in. Sie wußten nichts von einem Zwiespalt zwischen Leben und Wissenschaft. Ihr Leben war die treue Verkörperung ihres Wissens und ihrer Lehre. Rabbi Gamliel, Rabbi Elieser ben Asarjah, Rabbi Joschua und Rabbi Akiba waren auf der Reise. Noch in weiter EntfKnung von Rom vernehmen sie das rauschende Wogen des dort sich entfaltenden weltstädtischen Lebens. Sie weinten, aber R. Akiba lachte. „Warum lachst Du?" „Warum weint Ihr?" „Diese Herden, die sich vor Bildern niederwerfen und Götzen Weihrauch streuen, leben in sorgloser Sicherheit und wir, deren Gottes-Haus im Feuer verbrannt daliegt, wir sollten nicht weinen!?" „Deshalb gerade", erwiderte R. Akiba, „freue ich mich. Wenn Gott so mit den Uebertretern seines Willens verfährt, was haben dann erst die Ersüller desselben zu erwarten!" Ein andres mal sahen sie auf den Tempclberg aus den Ruinen des Allerheiligsten einen Fuchs kommen und weinten, weil an der Stätte, deren Betreten sonst mit dem Tode geahndet wurde, nun Füchse hausten. R. Akiba aber bleibt heiter, weil die wörtliche Erfüllung des von den Propheten verheißenen Ungemachs ibm auch für die Verwirklichung der prophettschen Oeilesbotschaften bürgt und tröstet so in ihrem Seelenschmerz die weinenden Freunde. (Talmud Makkoth. Ende). Aus den Thränen seiner Freunde, quillt R. Akibas Heiterkeit, prnro »jk -p\ Ein Ideal, das so tr u und ungetrübt in dem Denken und Empfinden des Edelsten seines Volkes lebt, bleibt nicht ewige Jllussion, ein solches Ideal trägt die Garantie seiner Verwirklichung in derThräne, die seinethalben geweint wird. Wenn daher diese Thräne am Tischah be Ab in jedem Auge zittert, wenn ihre fastende Trauer ein geistiges Band um die Zerstreuten webt, dann erscheint diese Trauer ln einem überirdisch glänzenden Lichte. Dann erfüllt sich an den fastend Trauernden das Wort: nan fettnon bo nnneBo ntni. Wer um Jerusalem trauerr, genießt schon jetzt das Glück eines Blicks auf die seiner wartende Freude. Die große einzig dastehende Zerstreuung der Exi- Urten erscheint dann mit all' ihren Härten und Leiden, als das mächtige Mittel in Gottes Hand, um die einstige Sammlung der Versprengten anzubahnen nud sie dann für alle Zeit zu sichern. Sammlung ist das letzte Ziel der Zerstreuung. Wer den Weinstock, wer den Feigenbaum seiner Frucht beraubt sieht, wird durch die zurückgebliebenen welken Matter, über das Schicksal belehrt, dem auch die Frucht verfallen war, wenn sie nicht rechtzeitig gepflückt worden wäre. Wenn die Traube nun gekeltert, die Feige zu Ballen getreten wird, twjn ponn, und so ihren Zweck erfüllt, so sind sie eben das treue Bild Israels, das seinem Boden entrissen, gedrückt und getreten, die Bestimmung erreicht, für die sein Vater es ausersehen. Nicht Zerstreuen. dd’dx «vdk „Sammeln, vollständig sammeln will ich iie, lautet der Gottes- Spruch. Wenn keine Trauben am Weinstock, keine „Feigen am Feigenbaum mehr sind, so ist auch „das Blatt welk. — Ich werde ihnen welche bc- „stellen, die über sie hintreten." Weil aber der von der Unduldsamkeit und dem Ucbermuth seiner Umgebung verletzte und niedergetretene Jude weiß, daß zu feinem und seines Volkes Beste» von Gott selber diejenigen bestellt sind, die ihn drücken und treten, deshalb klagt er nicht sein Schicksal, sondern die eigene Unzulänglichkeit an, die noch immer dieser harten Erziehungsmittel nicht entrathen kann. Jedes über ihn verhängte Leid ist ihm eine neue Bürgschaft der über ihn wachenden, erziehenden, göttlichen Vaterliebe. Diese Anschauung lehrt ihn das tausendjährige nationale Weh, als die kreisenden Wehen seiner von Gott verkündeten und gewährleisteten Wiedergeburt begreifen. Wie mit den Wehen bereits die Geburt, so hat mit dem Zusammensturz von Staat und Tempel bereits die Erlösung begonnen. Der Erlöser Israels wird am Tischah be Ab geboren, das machte den Tranertag zum Festtag! „Ueberall, wo die Zukunft in der Form der Vergangenheit — rivn — zum Ausdruck kommt, weckt sie Freude." Dieser Ausdruck der Zeitform legi dem denkenden Menschen schon jetzt, bevor noch die Zukunft erreicht ist, die Erwägung nahe, welchen Antheil auch die trübsten Phasen der Vergangenheit und diese zu allermeist — an der heiteren Gestaltung der Zukunst haben.