Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 58 (21.7.1884)
- Date
- 1884-07-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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960 einen Sabbat fiel, was seit einer Reihe von Jahren nicht vorgekommen war. Und die Söhne Bethera wußten nicht, ob das Peßachopfer an einem Sabbate dargebracht werden dürfe oder nicht. Da wurden sie auf den Babylonier Hillel aufmerksam gemacht, welcher der hervorragendste Schüler von Schemata und Abtalion gewesen. Dieser wurde herbeigerufen, und erbewies ihnen mit großem Scharfsinn aus der heiligen Schrift und mit Hilfe der tradirten Deutungsregeln, daß die Darbringung des Peßachopfers den Sabbat verdränge. Aber gegen alle seine Beweise hatten sie Einwendungen,, bis er ihnen erklärte, daß es eine Tradition sei, die er von Schemata und Abtalion empfangen und die hinaufreiche bis zurOffenvarung vom Sinai. (Peßachim 66»., Ieruschalmi daselbst, am Anfänge des sechsten Abschnittes). Die Söhne Bethera beugten sich der Autorität des Babyloniers, legten ihr Fürstenamt nieder, und Hillel ward zum Naßi ernannt. Und Hillel bestieg den Stuhl des Fürsten und sprach ürnend zu den Weisen Israels: Ihr habt es euch elbst zuzuschreiben, daß ich von Babel heraufkommen mußte, um als Naßi über euch , gesetzt zu werden. Die Trägheit Hat euch das zugezogen, weil ihr nicht fleißig genug gelernt habt bei den größten Männern unseres Zeitalters, bei Schemata und Abtalion! — Bekanntlich sind die Geduld, die Sanftmuth und die Demuth Hillels sprüchwörtlich geworden. Das war das einzige Mal, daß er sich vom Zorne hinreißen ließ. Gerade seine Bescheidenheit, die ihn in den eigenen Augen als klein und unbedeutend erscheinen ließ, reizte ihn zum Zorne über die Vernachlässigung des Thorastudilnns. Aber selbst ein Hillel durfte nicht ungestraft zürnen. Man fragte ihn nach einer Halachah, und er mußte bekennen, daß er sie gewußt und vergessen habe. Das hatte der Zorn zu Wege gebracht. Erst später erinnerte er sich wieder derselben. Bon der unerschöpflichen Geduld und Sanftmuth Hillels erzählen uns unsere Weisen ganz merkwürdige Beispiele. Einst hatte Jemand eine Wette eingegangen, daß er den Fürsten Hillel zum Zürnen bringen werde. Vierhundert Gulden war der Preis. Es war an einem Rüsttage zum Sabbat, und Hillel war beschäftigt, sich für den Sabbat vorzubereiten. Da stürmte der Mann ins Haus und rief: Wo ist Hillel, wo ist Hillel? Und der Fürst unterbrach seine Beschäftigung, hüllte sich in seine Gewänder und ging ihm entgegen. Was willst Du mein Sohn? fragte er ihn. — Ich habe etwas zu ftagen. — So frage. — Warum sind die Köpfe der Babylonier so rundlich? — Hillel, der selbst ein Babylonier war, antwortete lächelnd: Du hast Großes gefragt, mein Sohn, ich will es Dir erklären: Weil sie ungeschickte Hebammen haben, die e3 nicht verstehen, bei der Geburt des Kindes dem Kopfe die reecht Form zu geben. —Nach einiger Zeit kam der Man» wieder wiederum störend, und fragte: Warum find die Auge» der Tharmudäer trübe? — Weil fie i» sandige» Gegenden wohnen, antwortete Hillel. — Nach einiger Zeit kam der Mann wieder und fragte: Warm» haben die Afrikaner so breite Füße? — Mit unerschöpflicher Geduld gab Hillel die Auskunft: Weil sie zwischen Sümpfen wohnen. — Ich habe noch viel zu fragen, sagte der Fremde, allem ich fürchte. Du möchtest böse werden. — Frage nur alles, was D« zu ftagen hast, antwortete der Fürst: ich bin bereit. Dir Auskunft zu ertheilen. Und er setzte fich nieder, um trotz des herannahenden Sabbats die anthropologischen und ethnographischen Fragen des chm gänzlich unbekannten Mannes entgegeuznnehmen. — Bist Du Hillel, den man den Fürsten Israels nennt? — Der bin ich, mein Sohn. — Wie Dn möge es nicht viele ln Israel geben. — Und warum nicht? — Um Deinetwillen habe ich vierhundert Gulden verloren, da ich gewettet. Dich zu erzürne». — Sei ein anderes Mal vorsichtiger, mein Sohn» sonst wirst Du noch einmal vierhundert Gulden verlieren, denn Hillel wird nicht in Zorn gerathen. Es war ein großes Glück für unser Volk, daß gerade zu jener Zeit der traurigsten Zerwürfnisse im Innern der Station ein Mann an der Spitze der Weisen Israels stand, dessen ganzes Wesen Liebe und Sanftmuth war. Dadurch wurde es ermöglich!, das Schifflein der Gotteskehre trotz der schrecklichen Stürme an allen Klippen sicher vorüber zu führen und die Torah für die kommenden Geschlechter zu erhalten. Herodes, der Nachkomme idumäischer Sklaven, hatte sich mit Hllfe der Römer zum Könige emporgeschwungen und die letzten Sprosse» des Hasmonäischen Königshauses ermordet. Die Mitglieder des Synhedrinms hatte er, wie es ihnen Schemaja vorausgesagt, hknrichten lassen; ganz Israel befand sich fast immer im Zustande der Empörung gegen dev verhaßten Usurpator. An Hillels Sanfmuth brach sich die Wuth des Tyrannen. Der Präsident des Synhedriums, welcher an Hillels Seite fungirte, hieß Menachem; derselbe legte jedoch bald dieses Amt nieder; weßhalb, darüber varikren die Nachrichten. Nach der einen Nachricht (Chagkga 16h.) gab er sein Lehramt auf, um sich, gefolgt von 160 Schülern, in den Dienst des Königs zu begeben; nach der anderen Nachricht (daselbst) war eine Wandelung in feinen Ansichten vorgegangen, so daß ihn Hillel veranlaßte, aus seinem Amte zu scheiden. (Vergleiche Ieruschalmi Chagiga Cap. 2, § 2). An die Stelle Menachems trat Schammai, und diese Beiden, Hillel und Schammai, wurden die Väter Israels. (Fortsetzung folgt.)