Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1884)
- Date
- 1884-07-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Wie schade, daß er Jude ist!" Ein Seufzer entrang sich meiner Brust und diesen mißdeutete mein Oheim. „Nun, in dem glänzenden Strahl Deiner schönen Augen wird ihm die Sonne des Christenthums schon aufgehen" — fuhr der würdige Mann fort, und als ich eine verweisende Gebärde machte, versetzte er: „Na , na, Schatz! ein bischen Liebäugeln ist ja noch nicht geheirathet! und heirathen sollst einen getauften Juden keinesfalls. Du mußt Dich ihm aber so lange widmen, bis er die Taufe empfangen hat, dann kannst Du ihn ja fahren lasten, wie Du es dem Rudolph Hirsch gemacht hast!" In seinem Eifer ließ mein Oheim die Vorgänge meines Innern, welche deutlich in meinem Mienenspiel zu lesen waren, unbeachtet, sonst würde er mich sicherlich mit dieser Mission nicht betraut haben, denn um die Liebe Siegfrieds zu erringen, würde es dem bethörten Herzen nicht schwer gefallen sein, zum Judenthum überzutreten, wie wohl es diese Religion haßte. Durch mein geschicktes Coquettiren gingen meine und die des Oheims Wünsche in Erfüllung. Du wurdest Christ und mein Gatte, aber zu meinem eignen Unheil und Verderben. Die ersten Monate unseres Zusammenlebens glichen einer sonnigen Landschaft, in welcher uns ein heiterer Himmel anlächelt und ein milder Hauch uns znweht und das üppige , saftige Grün, die buntfarbigen Blumen angenehme Düste verbreiten. Es waren Tage des reinsten, ungetrübten Glückes, obgleich ich in Deinem Wesen das vermißte, was ich zuvor so sehr bewunderte. Deine natürliche Heiterkeit, die Harmonie Deines Wesens war verschwunden. Wenn diese doch zuweilen zum Ausbruche gelangten, so war es ungebundene Ausgelassenheit und erkünstelte Heiterkeit. Aber diese schöne Zeit verstrich. Du wurdest trübsinnig und miedest jede überflüssige Berührung mit mir. Ein zärtlicher Blick aus meinen Augen war Dir ein giftiger Pfeil, eine Umarmung einem Ersticken gleich geworden. Ich fühlte es, daß Deine Liebe — wenn es Liebe war — zu erkalten begann, und daß sich diese allmählich in Haß nmwandelte und ich suchte anderweitige Entschädigung für diesen Mangel an Liebe. Es war an einem Sommerabend, — ich vergesse ihn in meinem Leben nicht — da warst Du mit ganz verstörtem Gesichte und verzweifeltem Schmede, ganz ohne Gruß in mein Boudoir getreten, hast ein Telegramm auf den Tisch geworfen und Dich ebenso lautlos wieder entfernt. Ich nahm die Depesche, die Dich in solche Aufregung versetzt hatte, in die Hand, und las darin die Todesanzeige Deines Vaters. Ich begriff Deinen Schmerz und obgleich ich damals schon meinen SanguinismuS, an Liebe zu glauben, ganz eingebüßt hatte, schlich ich mich dennoch in Dein Zimmer, denn ich wußte, daß es meine Pflicht fei. Dich zu trösten. Ich sah Dich in ttefem düstern Hinbrüten ln Deinen Sessel gelehnt; ein wilder Schmerz leuchtete aus Deinen Augen und Deine Hände waren krampfhaft geballt; ich empfand Mitleid mit Dir. „Lieber Siegfried," — sagte ich mtt HeEchkeit, während ich meine Arme um Deinen Hals schwang. — „Auch ich habe meine Eltern verloren und habe Niemanden mehr! — Es ist einmal der Lauf der Dinge so, darum fasse Dich in Deinem Schmede!" Du zucktest zusammen, als habe Dich der giftige Hauch einer Schlange gestreift, stießest mich wild von Dir, indem Du mit vor Zom erstickter Stimme ausgerufen: „Fort, Weib! fort — Du hast mich zum Mörder meines Vaters gemacht!"— Es waren harte, grausame Worte für meinen liebreichen Trost! — An jenem verhängnißvollen Abend habeich den Entschluß gefaßt, dem Ruf meines Entführers, des Herrn von Burow, dem mein nach Abwechselung begehrender Sinn schon zuvor manche Begünstigung gewährt, zu folgen und' das langweilige Leben an Deiner Seite aufzugcben. Du warst feige, oder besser gesagt, Du hieltest es für entehrend. Dich in einen Zweikampf eines solchen Weibes wegen einzulassen. Im Gegentheil, Du wolltest noch den Großmüthigen spielen. Du ließest mir Deinen Namen und gewahrtest mir ein jährliches Einkommen von einigen hundert Thalern. Das war sehr hübsch von Dir und dennoch bedauere ich, daß das Duell nicht stattfand; denn ich wäre durch dieses entweder von Dir, den ich haßte, oder von dem faden Burow, den ich lächerlich fand, befreit worden. Schade, daß eS nicht stattfand. — --Ich hätte zwar durch dieses auch einige Hundert Thaler verlieren können, aber das Bewußtsein, das Judenthum um einen Juden vermindert zu haben, wäre auch etwas werth. (Fortsetzung folgt.) WZP Die Fortsetzung der Erzählung „In Tagen der Prüfung" erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu eine Weila^e» BaarrtlSvrtliche Redaktion: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition bei »J3raelU' große Bleiche 45» 3. (SottSlebtn’i $u$bTU<fecti (Sßtainger HnjeteetV