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Der Israelit · 1884-07-14 · Heft 56 (14.7.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 56 (14.7.1884)
Date
1884-07-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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--Ist eS nicht so? Nun, ich sehe schon im Gerste, wie Deine Hände sich krampfhaft ballen, wie ein herber, hohn- und verachtungsvoller Zug um Deine Lippen zuckt und der Ausdruck Deines Gesichtes immer furchtbar drohender wird, wie Du diesen unschuldigen Brief mit der größten Empörung weit von Dir wirfft. „So viel Unverschämtheit und Frechheit habe ich von einem Weibe nicht erwartet!" — rufst Du mit höhnischem, boshaftem Lachen aus. — „(&§ ist ein Scheusal in Menschengestalt, dem der Begriff Ehre fremd zu sein scheint!" — oder — „Was will das Weib, das meine Ehre mit Füßen getreten und mich treulos verließ, um einem Andern zu folgen?" — Nicht wahr? — Mit solchen und noch ganz andern liebenswürdigen Complimenten wirst Du mich beehren. Sag' an! habe ich es nicht errathen? Aber, man visu! es ist eben jetzt eine ganz verdrehte Welt, die sich seltsam gebärdet und wir — die Puppen dieses Erdenwallens — werden von dem Wirbelsturm des Lebens ergriffen und fortgeriffen. Wir drehen uns im Kreise herum, suchen und streben nach dem Außergewöhnlichen und Extravaganten! Und ich? — Nun ich laß' mich gerne von dem ewig wogenden und fluthenden Strom der Zeit hinreißen! — Der beste Beweis für meine Neigung zu dem Extravaganten wird wohl — abgesehen von diesem Schreiben — sich schon darin bekunden, daß ich einen Juden geheirathet und einem zweiten meine Hand zu reichen im Begriffe stehe. — Du lachst und zuckst ungläubig mit den Schultern? — Lache nur! Es ist aber dennoch wahr und mein bitterer Ernst. Tröste Dich übrigens, wen ober, mein Gegenwärtiges ist keinesfalls die Folge einer meiner zahllosen Launen! — neinpas du tont! — Der Drang und die Liebe zur Wahrheit drückt mir dieses Mal die Feder in die Hauo. die vosia-t-i! pas de quoi te surprendre? „Wahrheit, Wahrheit?" — lachte der Amtsrichter bitter auf — „Wahrheit? — Es wäre das erste Mal in Deinem Leben, daß Du die Wahrheit reden willst!" — In Amtsrichter Stein's Augen glühte, funkelte es seltsam und unheimlich, um seine Lippen schwebte ein Verachtung- und hohnvolles Lächeln. Er nahm den Brief und war im Begriffe ihn in tausend Fetzen zn zerreißen; plötzlich besann er sich, fuhr mit seiner Hand über sein Gesicht und ging einige Mal gedankenvoll im Zimmer auf und ab. „Laß sehen," — murmelte er dumpf — „welche Wahrheit dieses heimtückische Weib mir zu sagen habe?" — Er glättete und faltete das Schreiben, welches er in seiner Faust zusammengeballt und las weiter: „Also höre! Als ich Dir einst die Hand zum ewigen Bunde der Liede vor dem Mare gereicht, waren es zwei Faktoren, die mich — das Freifräuleln Martha von Köhler — zn jenem Schritte veranlaßt hatten. Zuerst war es das wahrhafte Wohlgefallen, das ich für den schönen, heitern Jüngling empfand. Ich thörichtes Mädchen träumte damals von einer liefern Liebe, als ich überhaupt fähig bin. Ich glaubte in jedem hohern Schlag meines Busens einen neuen Beweis meiner hingebenden Liebe für Dich zu sehen. Nicht wahr? sehr albern! Und doch kannte ich in jenem Stadium meines Wahnes keinen höher», anregender» Gedanken, als von dem Neferendarius Stein geliebt zu sein; die elendste Bauernhütte, deuchte mich damals, müßte sich in einen herrlichen Zauberpalast umwandeln, wenn sein Athen» jenen Raum berührt habe. Zweitens war es »nein Oheim, dein es besondere Freude »nachte, einen Juden, dem Schooße der Kirche zuzuführen. Es war feine höchste. Freude, wenn es ihm gelang, einen Juden zu einein solchen Schritt zu bcstin»n»en. O, er that sich etwas gut auf solche Errungenschaften, dieser Inden-Apostel. — Es war ihm ganz gleich, welche Mittel da in Anwendung gebracht werden »nüßten, ja selbst das Lebeusglück seiner Nichte war ihm werthlos, wenn er einen solchen Fang gewittert. Derarme, gutmüthige Rudolph Hirsch oder wie er in seiner neuen Religion heißt, Doctor Cervus, mit dem, wie mir »nitgctheklt »vurde. Du eilten innigen Fremtdschaftsbund geschlossen haben sollst, war bereits durch meine Eoquetterie und falsches Spiel als Opfer der Proselytensucht meines Oheims gefallen. Der fromme Professor der Theologie, Herr von Köhler, schaute mit freudig bewegtem Herzen zum Himmel einpor und strich in frommer Demuth das Geld in die Tasche, welches er für den gefangenen Hirsch von der Misffonsgesellschaft in London erhalten. Da kam der ReferendarinS Stein in meine Arme gelaufen, ein Jüngling, der »nein Herz gefangen nahm »md Gefühle in ntlr weckte, die mir bis dahin nur dem Rauten nach bekannt waren. Mein Onkel, der »nich als Werkzeug seines frommen Bekehrungseifers benutzte, witterte ein neues Wild und dazu noch ein edles; denn er brachte in Kenntniß, datz Du der Sohn eines bedeutenden Rabbi seiest. Er kam zu mir, dieser heilige Mann. — „Martha," — sprach er — „wie gefällt Dir der Referendar Stein? He, ein reizender Mensch!"

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