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Der Israelit · 1884-07-14 · Heft 56 (14.7.1884) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 56 (14.7.1884)
Date
1884-07-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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931 bekannte Josephsohn Gegenstand eines brutalen antisemitischen Attentats geworden ist. Der s. Z. unschuldigerweise nahezu 5 Monate in Haft gehaltene Händler Josephsohn kam am 5. Juli früh nach Pr. Stargard und wurde von 4 Männern, welche wohl dem Ergebniß der amtlichen Untersuchung zum Trost in ihm immer noch den Mörder des Knaben Cybula witterten, mit Messern angefallen und am Kopf vielfach durch Schnitte verletzt. Bekanntlich hieß es in Pr. Stargard gleich nach der Verhaftung des jetzt in Untersuchung befindlichen Fleischermeisters Lehrend, das Gericht sei bestochen. Unter diesen Umständen erscheint der Wunsch nach baldiger Aufklärung der mysteriösen Affaire als ein immer dringenderer. Oesterr.-Ungar. Monarchie. SzepeS-Osalo, 10. Juli. (Die Antisemiten-Parteiim ungarischen Reichstage.) Unter dieser Aufschrift erschien in Nr. 53 Ihrer geschätzten Zeitschrift ein Artikel, in welchem die Ansicht dargelegt wurde, daß die ungarische Negierung, speziell der Ministerpräsident Herr Koloman von Tisza lediglich zu Parteizwecken „in der Praxis den Anttsemiten gegenüber eine gewisse Nachsicht übte, welche die Saat dieser Leute m die Halme schießen ließ", um dadurch — nach Ansicht des Verfassers — im Lager der Unabhängigkeitspartei einen Zwiespalt hervorzurufen, wodurch diese Partei für die Regierung unschädlich gemacht werden sollte. Da der Verfasser dieses Artikels dies nicht etwa als seine, subjective Ansicht, die man natürlich Niemand verbieten kann, sondern als etwas Selbverständliches ausspricht, als ob derselbe Herz und Nieren der leitenden Staatsmänner in Ungarn geprüft und mit unzweifelhafter Gewißheit die geheimen Triebfedern ihrer Handlungsweise wie aus einem Buche gelesen, nach landläufiger Manier gewisser oppositioneller Journalisten, und überdies der erwähnte Artikel an leitender Stelle in Ihrem auch in Ungarn hochgeschätzten Journale veröffentlicht wurde, wodurch es den Anschein gewinnen könnte, als wäre dies die allgemeine Meinung der ungarischen Jndenheit, wollen Sie mir, geehrter Herr Redakteur, gestatten, zu constattren, daß insofern es mir bekannt ist, der größte Theil unserer ungarischen Glaubensgenoffen diese Ansichten nicht theilt, und vielmehr von der Ansicht durchornngen ist, daß unser vielgefeierter und verehrter Mrnifter-Präsident hierin seine Pflicht vollkommen erfüllte, wodurch sich derselbe jauch ein Anrecht auf unsere Dankbarkeit für immer erworben. Der Verfasser des erwähnten Artikels gesteht es ja selbst ein, daß der ungarische Ministerpräsident im Reichstage „die antisemitische Bewegung wiederholt auf das Entschiedenste verurtheilt und erklärt, alle Ausschreitungen in dieser Richtung auf das Strengste bestrafen zu wollen." Und wer die ungarischen Verhältnisse kennt, muß es auch anerkennen, daß der Ministerpräsident innerhalb seiner Machtsphäre sein Versprechen auch vollgiltig einlöste. Wir erinnern hier an die auch in diesen Blättern veröffentlichten geharnischten Erlässe, die Herr v. Tisza als Minister des Innern zu wiederholten Malen anläßlich der antisemitischen Bewegung an sämmtliche Jurisdictionen des Landes ergehen ließ, oder an die Entsendung eines königlichen Eonnnissärs nach Preßbnrg mit dem Anftrage, bei der mindesten Wiederholung der Exceffe das Stand-Recht zu proclamiren — das sind doch, meinen wir, keine Thatsachen, die auf eine „gewisse Nachsicht" den Antisemiten gegenüber schließen lassen. Unbillig wäre es aber, oie Regierung für die Ausbreitung des Antisemitismus in Ungarn überhaupt verantwortlich machen zu wollen. Wir dürfen nicht vergessen, daß Ungarn heute eines der freiesten Länder im europäischen Contimnte ist, eine fast unbeschränkte Preßfreiheit hat, wie sie nur wenige Länder genießen. Diese Freiheiten sind bei uns nicht nur auf dem Papier, foubern schon bis in die tiefsten Schichten des Volkes gedrungen, zum Gemeingute der Nation geworden, einer Nation, die in der Leidensschule der Geschichte gereist ist und cs gelernt hat, ihre Freiheiten zu schützen und vor jedem Angriffe zu bewahren, und kann selbst der populärste Mann in Ungarn diese Freiheiten nicht ungestraft, antasten. Selbstverständttch kann man in einem solchem Laude eine Verwirrung der Geister, wie dies . der Antisemitismus ist, nicht so unterdrücken, wie etwa in dem autokratisch regierten Rußland, wo der Wink eines allmächtigen Ministers genügt, um die Presse mundtodt zu machen und die Deportirungen nach Sibirien schon dafür sorgen, daß die Verbreiter mißliebiger Ideen, für ihre Principien nicht 'allzu öffentlich Propaganda machen. Hierzu kommt noch daß in Ungarn über die Ausschreitungen der Presse ... Schwurgerichte urtheilen, was oort, wo es sich um die Beschwichtigung der durch Leidenschaft aufgeregten Presse handelt, so viel heißt, als solle das vom Sturm hin und her geschlenderte Schiff von den stürmischen Wellen zur Ruhe gebracht werden: .. und in der That haben wir es erlebt, daß zwischen hundert von der Regierung angestrengten Preßprozeffen, der Staatsanwalt rc. verloren hat und vom Schwurgerichte in die Kosten vcrurtheilt wurde. Es . ist dies eben die Kehrseite der Freiheit, daß so wie - dieselbe einerseits die Lebenslust für alles Große, Schöne, Edle und Ersprießliche ist, und nur von - ihrem Sonuenstrahle beleuchtet die höchsten Güter der Menschheit zur gedeihlichen Reife gelangen

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