Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1884)
- Date
- 1884-07-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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930 Aus diesen Partien find die ergreifendsten zur Vorlesung aus Thora und Newiim erwählt. Auch die vollendetste Predigt vermöchte nicht die Gefühle zu wecken, welche die Mische Brust durchwogen, wenn sich an diesem Tage die alten, heiligen Rollen öffnen, welche seit Jahrtausenden schon das Verhängnis ausgesprochen enthalten, das sich an diesen Tag knüpft, und unter dem sie alle seufzen, in deren Mitte es jetzt verlesen wird. Ihre Thora ist doch der einzige Schatz, den ste aus dem Zusammensturz ihres nationalen Lebens mit hinaus gerettet haben in das Exil, in dem sie weilen. Sie ist noch das Kleinod, dessen Besitz sie zum auserwMten Volke unter allen Völkern macht, sie ist noch lue Thorat Emeth. mit welcher Gott ewiges Leben in die jüdischen Reihen gepflanzt hat, wie sie eS immer laut bekennen, wenn sie dem Ruf zur Thora folgen. Aber heute ringt sich dieses Bekenntniß nur mit gepreßter, thränenerstickter Stimme aus der bewegten Brust, denn heute können sie ihren Inhalt nicht vernehmen, ohne Gott'-) als den rächenden Anwalt seiner gekräntten Wahrheit zu bekennen. Heute erscheint der Jude nicht in dem von Gott selber ihm Machten Hermelin, ohne den sonst kein jüdischer Mann vor Gottes Thora tritt, heute fehlt der götlliche Ordensschmuck, der sonst Arm und Haupt des Juden adttt, ohne Talith und ohne Tefillin tritt er zur Thora, ohne den sonst üblichen segnenden Scheidegruß entläßt sie ihn, heute hat sie nur Herbes, Schmerzliches zu verkünden: „Wenn Du Kinder und Kirckeskinder zeugen wirst, «und ihr euch alt fühlen werdet in dem Lande, „werdet ihr ausarten, werdet jedes Bild zu „Götzen machen, und das Böse in den Augen „Gottes üben, in der Absicht ihn zu kränken. „Ich aber rufe als Zeugen gegen euch, heute den „Himmel und die Erde auf, daß ihr rasch zu „Grunde gehen werdet von dem Lande fort, für „dessen Besitznahme ihr dar Jarden überschreitet, „ihr werdet nicht lange Zeit in demselben verbringen, denn ihr werdet vertilgt werden. Es „zerstreut euch Gott unter die Nationen und ihr „bleibt in geringer Zahl unter den Völkern zurück, unter welche euch Gott führen wird. — Und das darauffolgende Prophetenwort aus der Haphtara: „Einheimsen, elnheimftn WM ich ste, lautet „der Gottesspruch, keine Trauben mehr am „Weinstock, keine Fergen am Feigenbaum, das „Blatt ist welk, ich werde ihnen welche bestellen, die über ste hintreten." Aber selbst diesen vorwarfsschweren Worten nnra mipp vnip newi i«t tto an 2) .... .(*1 n*K onrott pv) wohnt eine mächtig aufrichtende Kraft knne. Ist jedoch die Thora wieder in den heiligen Schrein ae* stellt und so dem Blicke entzogen, dann zieht die Trauer die verfammette Gemeinde zu Bode», um ihren Schmerz in den Kinnoth auszuhauchen, in welchen die Meister jüdischer Dichtkunst, das trahnenrekche Geschick ihres Volkes in einer Weise besungen haben, die von keinen Sängern und Dichtern sonst übertrosfen oderauch nur erreicht wird. Wie sie die traute» Laute der heiligen Sprache handhaben, wie sie die Farben mischen, in dem sie Mischendem Hellen Glanz der großen hingeschwundenen Vergangenheit nah der noch lichter strahlenden großen Zukunft, die düstere Gegenwart mit ihren Schatten und Wehen gruppiren, dies alles denken und empfinden die am Boden Traueraden ihren großen Meistern nach, wenn ihr Zagen und Klagen, ihr Sehnen und Hoffen, nach einem Ausdruck ringend sie mit dem Geistesschwung dieser Gesänge höherund höher über die trübe, schale Wirklichkeit hinweg und die zur Erde gesunkenen wieder emporhebt mtt den tröstenden Worten: U's cmn, Du wirst Dich Zions wieder erbarmen, wie Du es gesprochen, es fest begründen, wie Du verheißen, wirst die Hilft beschleunigen, die Erlösung beeilen und Dich Jerusalem wieder mit mächtigem Erbarmen zuwenden, wie es durch Deine Prophethm verbrieft ist. Aber auch wenn sie sich wieder erhoben, wenn sie schon das Sammelhaus ins Leben wieder entlassen hat, auch dahin begleitet die Trauer die treuen Söhne und Töchter Israels. . Mtt dem Eifer mit dem der Jude sonst in das rührige strebende Erwerbsleben sich stürzt, meidet er es heute. „Wer am Tifchah be Ab seiner Arbeit nachgeht, findet keinen Segen dabei." Stumm und verschlossen geht der Bruder am Bruder heute vorüber nicht, einmal für den Freundesgruß öffnen fich die Lippen, über welche heute die klagenden Zkonslieder stoffen. Im regen, frisch pulfirenden Lebe» hat Niemand Verstandmß oder auch nur eine Ahnung von dem tiefen Weh, das heute an den Mischen Herzen nagt. Deshalb ladet st>ie sinnige Mische Sitte die Trauernden an die Gräber der Verstorbenen, um in ihrer Unsterblichkeit und einstigen Auferstehung den Glauben an die nationale Unsterblichkeit und die Hoffnung auf. die eigene Wkedererstehung Israels neu zu beleben und dauernd zn erhalte». (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Corresstorrdenze». Deutschland. Aus Br. Gtargard wird leider mktgetheilt, daß der ans der berüchtigten rttullen Mordaffaire