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Der Israelit · 1884-07-10 · Heft 55 (10.7.1884) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 55 (10.7.1884)
Date
1884-07-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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911 mit dem sie ihre Opfer überzieht, um das Verschlucken glatter von Statten gehen zu laffen, Gott läßt dieses schreiende Unrecht zu, um Israel durch diese Leiden das Bewußtsein zu bringen und dauernd zu erhalten, nur weil Gott nicht in seiner Mitte ist, trifft es alles dieses Leid, wenn aber Gott und sein Gesetz wieder der Mittelpunkt seines Lebens und Strebeus ist, wird keine irdische Macht mehr Gewalt über Gottes Volk haben. Deshalb trauern die geächteten Zerstreuten an dem Tage, an welchem der Zusammensturz des Goüesheiligthums sie zu vaterloser Waisen gemacht, deshalb schreien und härmen sie sich nach der ihnen verheißenen Wiedererstehung Zions und dem Aufbau Jerufchlajims, nach der liebenden Nähe Gottes und seiner Thora, damit sie nunmehr ungetrübt und unverlierbar für alle Zeit in ihren Reihen bleiben, deshalb erhoffen sie von keiner Zeit und keiner Menschenkunst, sondern nur von ihrem himmlischen Vater allein den Trost für das namenlose Weh, das in ihrem Busen wühlt, zu ihm erhebt sich das thräuende Auge, ringt sich die klagende Bitte aus der gramerWten Brust: „Tröste Gott, unser Gott, die Trauenden „Zions, und die Trauernden Jeruschalajims, die „Stadt, die trauernde, verwüstete, die herabge- „würdigte und verödete! Sie trauert, weil ihre „Kinder, sich nicht als ihre Kinder fühlen, sie ist „verwüstet, weil es die festen Stätten der Schcchina „sind, deshalb ist ihre Ehre jeder Entwürdigung „preisgegeben und ihre Verödung scheucht jeden „zurück, der sich friedlich bei ihr niederlaffen „möchte. So sitzt sie verhüllten Hauptes da, wie „ein kinderloses Weib, das niemals geboren! „Legionen haben sie verschlungen, Götzendiener ihr „geistiges Erbe angetreten, haben Dein Volk „Israels dem Schwerdte überanwortet und im „Uebermuth die Frommen des Allerhöchsten hinge- «mordet. — Darum weint Zion so bitterlich und „Jerusalem gewUrte seinem Schmerzensruf freien „Lauf! „Mein Herz, mein Herz, mein Innerstes, „mein Innerstes, gehört den ihrem Heiligthume „Entfremdeten!" Denn hast Du sie o'Gott muh „im Feuer verbrannt, so wirst Du doch mit „Feuermacht auch ihren Aufbau wieder vollziehen, „nach jener Verheißung: „Ich werde ihr", lautet „der Gottesspruch, „Feuermauern von allen Sei- „ten werden, sobald ich wieder zur Ehre in ihrer „Mitte gelangt sein werde. Werde durchaus zum „Segen, o. Gott, der Zion tröstet uudzJeruscha- „lajim wiedererbaut." Wie Glieder einer großen Familie, sammeln sich alle Gemeinden der Diaspora an bcm Vorabend ihres nationalen Trauertagcs in ihren „Versammlungshäusern" die ihnen als dj>d tnpd, ihr von der Erde geschwundenes Gottcshciligthum zu ersetzen bestimmt sind. Trübe, wie die Stimmung der Seele, leuchtet der spärlich vertheilte Lichtschein in den heiligen Räumen, als ob sie den Scelenschmerz mitfühltcn, welcher aus den Mienen der versammelten Trauernden klagt. Kahl und leer erscheint die heilige Lade, welche sonst der schützend herabwallende Vorhang verhüllt. Sie feiert stumm und doch so beredt das Gedächtniß der Stunde mit. in welcher die von ihr umschlossene Thora Gottes schutzlos wie ihre Träger ungezählten Jahrtausenden überantwortet wurden. Was sich auch im Laufe der langen, bangen Zeiten zwischen Gottes Wort und seine Träger drängen mochte, Angesichts der nationalen Trauer fällt jede Scheidewand zwischen Gottes Thora und den zu ihren Fügen um sie trauernden Kindern. Die Trauer, die sie sonst im Herzen tragen, sprechen sie heute laut in der mächtig ergreifenden Symbolsprache ihrer Trauergebränche ans. Sie löst ihnen den Schuh vom Fuße und zieht die von ihr Durchdrungenen in stummem Schmerz zu Boden. Ohne Halt und sichere Stand, ohne die Möglichkeit eines festen entschiedenen Auftretens, schmerzüberwältigt am Boden liegend, erinnert so der Tischah be Ab mit seinen Tranerzeichen, an die wahre Stellung der Zerstreuten und ihre wirkliche Lage. Die flachen Weitlinge unter ihnen, welche über, diese Symbole verächtlich die Rase rümpfen, wollen sich eben hinwegtäuschen über das was hier zum Bewußtsein gebracht werden soll. Wenn es ihnen aber im Easino, auf dem Ball, im Theater, im Parlament, in Versammlungen und Zeitungen oft genug durch Worte und Thätlichkeitcn zum Bewußtsein gebracht sein wird, daß sie Juden und daher geduldete Fremde sind, die eigentlch gar kein Recht auf das Dasein haben, und sich daher richtig zu ducken hätten, dann werden sie vielleicht die alten Tischa be Ab-Vräuche nicht mehr so unzeitgemäß und altmodisch finden. Dann werden sie es sogar vielleicht vorziehen, sich das Alles lieber vom alten Tischah be Ab als von den Wortführern dieser neuen Zeit sagen zu laffen. Rur diejenigen, die. dieser neuen Zeit, ihren wirklichen und vermeintlichen Anforderungen zu Liebe, das alte ernste Judenthum mit seinen tiefen Gedanken und finnigen Bräuchen von sich geworfen, diese fühlen sich überrascht und doppelt verletzt von der Rohheit dieser neuen Zeit, der sie soviel hingegegeben. Aber den Juden, den seine Nationaltrauer zu Boden gezogen hat, kann keine jndenfeindliche Rohheit, die ihn niederwerfen möchte, überraschen. Sein Tischah be Ab hat ihn vorbereitet, seine Trauer, die ihn auf die Erde wies, steht mit dieser Forderung leider immer noch auf der Höhe der Zeit, und wird es wohl so lange bleiben, bis Gott selber ihn und sein Volk mit den Worten emporhebt:

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