Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1884)
- Date
- 1884-07-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I, 895 Zeitungsnachrichten und Sorrefpondeuzen. Deutschland. Berlin. Der Rentier PH. Ginsberg in Berlin und seine Schwester Frau v. Boschan in Wien haben bekanntlich zum Andenken ihres am 28. Juli 1883 bei dem Erdbeben aufJschia verunglückten Bruders, des Malers Adolf Ginsberg aus Berlin, eine mit 60,000 M. dotirte Stiftung begründet, welche den Namen Adolf-Ginsberg-Stiftung führen, zur Unterstitzung junger, befähigter Maler deutscher Abkunft dienen und als Nebenfonds der königlichen Akademie der Künste durch den Unterrichts-Minister verwaltet werden soll. Zu der Stiftung und zu der Verwaltung derselben nach Maßgabe des darüber aufgestellten Statuts ist nunmehr die landesherrliche Genehmigung ertheilt worden. Zur Judenhetze in Nishni-Nowgorod wird dem „Nussiki Kurzer" u. A. geschrieben: Als der Pöbel das Comptoir des bekannten reichen Unternehmers Deitzelmann ausraubte, erbot letzterer sich, sofort 8000 Rubel baares Geld herzugeben (so viel hatte er gerade) und den griechischorthodoxen Glauben anzunehmcu. Der wüste Haufe, unter dem sich vermuthlich nicht wenige von Deitzelmann's eignen Arbeitern befanden, verstummte auf einen Moment, alsbald aber fuhr Herrn Deitzelmann ein Stein gegen den Kopf und fürchterlich verletzt fiel er zu Boden. Er ist zwar noch bei Leben, indeß ist keinerlei Hoffnung auf Genesung vorhanden. In letzter Zeit hatte Herr Deitzelmann den Bau der zeitweiligen Jahrmarktsbrücke übernommen; die halbe Brücke ist bereits fertig." — Der „Revaler Beobachter" entnimmt einem der Redaktion zur Verfügung gestellten Privatbriefe über die Genesis der entsetzlichen Hetze das Folgende: Um 6 Uhr Abends war eine in Kunawino, dem Jahrmarktsviertel von Nishni- Nowgorod wohnende einfache Frau, Russin, an den Fluß gegangen, um Wäsche zu spülen und hatte ihre beide Kinder von 3 resp. 6 Jahren allein zu Hause gelassen. Als diese in Abwesenheit der Mutter bitterlich zu weinen begannen, hatte sie eine ausdemselben Hofe wohnende Jüdin zu sich gerufen und ihnen etwas Weißbrod und Zucker gegeben, worüber die Kinder ruhig lwurden. Als die Russin um 6 Uhr nach Hause kam, suchte sie angstvoll nach den Kleinen und fing furchtbar zu schimpfen und zu schreien an, als sie dieselben ganz lustig bei der Nachbarin fand, von der das eine Krnd gar nicht mehr fort wollte. Die Frauen schimpften sich und die Jüdin suchte sich gegen die Beschuldigung zu vertheidigen, daß sie die Kinder habe stehlen und schlachten wollen. Binnen Kurzem sammelten sich zahlreiche Zuschalter auf der Straße. Als der Mann der Jüdin die Pforte zur Straße abschloß, um dem Angrange der Menge zu wehren, wurde vom nächsten Polizisten der Quartalosfizier gerufen, der, als er mit 6 GorodowolS anlangte, bereits gegen 500 Menschen antraf, die gegen die Pforte klopften und pfiffen. Um 10 Uhr hatte der Krawall bereits bedenkliche Dimensionen erreicht. Um 11 Uhr ging eine Depesche an den Gouverneur mit der Bitte um Unterstützung ab. Die 15 berittenen Gensdarmen, die hierauf ankamen, wurde» vom Pöbel mit Halloh empfangen und zum Weichen gebracht, worauf um 1 Uhr ein halbes Regiment Kosaken eintraf, das die tobende Menge mit Peitschenhieben auseinandertrieb und 73 Mann arrctirte. lieber die Gründe des späten Eintreffens des Militärs in Kunawino wird aus Moskau berichtet, der Gouverneur Baranow habe den Chef der im Lager stehenden Division aufgefordert, Militär zu senden, was dieser jedoch verweigerte, ehe nicht die Ordre des Chefs des Moskauer Militärbezirkes vorliege. Baranow wendete sich an diesen, der sich mit Petersburg in Verbindung setzte, worauf der betreffende Befehl erfolgte. Bei Ankmlft der Truppen waren die jüdischen Häuser bereits fast vollständig demolirt und die Excedenten verschwunden. Ergriffen wurde vorzugsweise Gesindel, das die Gelegenheit zu Diebstählen benützte. Der Prokurator Murawzew, der nach Nishni-Nowdorod zur Einleitung der Untersuchung gereist war, ist bereits nach Moskau zurückgckehrt. — Die russischen Blätter beschäftigen sich eifrig mit den Vorgängen in Nishni-Nowgorod. Die ausgesprochen antisemitischen Zeitungen wie „Nowoje Wremja" und „Sllvet" befinden sich in großer Verlegenheit, da die sonst üblichen Erklärungen für die Judenhetzen hier durchaus nicht passen wollen. Selbst die „Nowosti" weist darauf hin, daß die Sonderstellung, in welcher die Juden in Rußland sich noch heute befinden, am meisten dazu beitrage, dieselben in den Augen des gemeinen Mannes als eine Art Paria, Eindringling und Gesetzesübertreter erscheinen zu lassen, gegen welche man sich Alles erlauben dürfe. Die „Nowosti" glaubt daher mit Recht, daß alle Palliativmittel nichts helfen würden, und daß das einzige Mittel die Gleichstellung der Juden mit den übrigen Russen sei. Die Katkowschen „Moskowskija Wjedomosti" äußern, man könne nicht ohne zu schaudern, die Beschreibung der unmenschlichen Excesse vom 7. Juni lesen, die durch nichts hervorgerufen werden konnten, denn „keinerlei Racenfeindschaft, keinerlei Konkurrenz war vorhanden, die sie hätten veranlassen können." Augenscheinlich war die Wuth des zusammengelanfenen Volkshaufens von außen her angesacht worden. Es wäre Zeit — sagt das Blatt — daß man erkennte, wie solche Excesse, die an und für sich