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Der Israelit · 1884-07-07 · Heft 54 (7.7.1884) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 54 (7.7.1884)
Date
1884-07-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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894 Herzens danken, daß er ihm mitten in der Fluth der Zeiten Marksteine errichtet und Denkzeichen gestiftet, die ihn zur Besinnung und Sammlung, die ihn an die unaoweisbare Pflicht mahnen, den unberechtigten, gefährlichen Anforderungen einer leichtlebigen Zeitströmung für sich und seinen Kreis entgegen zu treten und sich so durch ein unzeitgemäßes Mittel vor dem zeitgemäßen Strudel zu retten, der Gut und Blut, Familienglück und Mannesehre, der aber vor allen den Juden und die von ihm vertretene jüdische Wahrheit zu verschlingen droht. Daß dem erziehenden sittigenden Geist unserer Fasttage diese Kraft innewohnt, alle von ihm durchdrungene Kreise gegen die Gefahren zu schätzen, welche aus diesen Auswüchsen unserer Zeit fließen, dafür zeugt die instinktive Feindseligkeit, die gerade diejenigen gegen unsere Fasttage erfüllt, welche sich so gerne und so laut als die Anwälte der Zett und ihrer wirklichen und vermeintlichen Forderungen geriren. Wenn diese Partisanen des Fortschrittes, im Namen der Zeit und des Zeitgeistes die Abrogirung des jüdischen Religionsgesetzes fordern, dann sind es die Fasttage in erste Reihe, die als unzeitgemäß von dem fortschrittlichen Unwillen betroffen werden, und selbst diejenigen unter ihnen, die noch nicht alles Verständniß für die hohe nationale und ethische Bedeutsamkeit dieser Institution eingebüßt haben, halten es für eine „Zumuthung" von den verhätschelten Söhnen und Töchtern unserer Zeit das Opfer eines Fasttages zu verlangen! Aber es ist und bleibt doch eine wunderliche Sorte von Fortschritt, dessen Jünger bei allen Phrasen von „Bildung," „Veredlung" und der „Macht der Idee" nicht einmal die kleine Dosis Willensstärke besitzen, die eben ein Fasttag verlangt, über welche die vielgeschmähten, unerleuchteten Alten kein Wort verloren und verlieren, deren Mangel aber bei den Bannerträgern dieses Fortschritts nicht als ein Mangel an geistiger Widerstandskraft gegen die Gemächlichkeit des Lebens erkannt, sondern als beneidenswerthen Ernmgenschast laut und keck angepriesen wird! Sie haben längst die Fasttage des vierten und fünften, des siebenten und zehnten Monats in Tagen der Wonne und Freude umgewandelt, und blicken verächtlich auf die BMer und Schwestern, welche „noch" fasten, ja sie haben so jedes Bewußtsein von der nationalen und individuellen Bedeutung der Fasttage ihres Volkes verloren, daß sie die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit der Gesinnung zu verdächtigen wagen, die durch dieses Fasten zum Ausdruck gelangt. Während die einen fastend in ihren Gotteshäusern sich vereinigen und das tausendjährige Weh Mitempfinden, welches die erleuchteten Geister ihres Volkes in ihren Selichoth und Kinoth ausgehaucht haben, banquettiren die anderen in nichtiüdischen Kreisen, genießen mit vollen Zügen die Freuden, die sich dort ihnen bieten, schütteln den KM über die fastenden Stammesgenoffen, denn sie glaube» den Erlöser bereits gekommen, weil man sie in jene» Kreisen — duldet. Sie sind wiederum „zwischen den Marlen* angelangt, deren düsterer Schatten die einen mit banger Scheit erfüllt, für den aber das verblendete Auge der aufgeklärten Banquettirenden leinen Blick hat. Sie dünken sich frei und ungebunden, während die anderen sich so gefeffelt und abhängig fühlen, daß sich aus ihrem blutenden Herzen der Schrei zu ihrem himmlischen Vater ringt; to tddi -wk -mi njw nw Dü sich seinem gefesselt den jeweiligen Machthabern überlieferten Kinde wieder mit seiner Vaterliebe zuwenden zu wollen. Gefeffelt und überliefert! Das ist die Signatur des jüdischen Volkes und seines Geschicks, welches auf seinen treuen Kindern so schwer lastet. Ausgestattet vom Vater der Menschheit mit allen Vorzügen des Geistes und Körpers, hat man dem jüdischen Geist Fesseln angelegt und ihm Jahrhunderte hindurch alle Gebiete verschlossen, auf denen dieser Geist sich entfalle» könnte. In dem schmalen, eingeengten Spielraum. aber, den man diesem regen Geiste überlaffen, wurde jede Regung scharf controllirt und der eifersüchtigen Wachsamkeit von Völkern und Fürsten „überliefert*, um ihren Vortheil aus dem jüdischen Geiste zuIkehen. Als dann eine humanere lichtere Zeit diese Hemmnisse beseitigte, schielten geistlicher Hochmuth und neidische Habsucht auf jeden Flügelschlag des entfesselten jüdischen Geistes, und sind eifrig bemüht den jüdischen Stamm wieder in seine alten Schranken einzupferchen, ihn wieder idoj» -idki zu machen. Zu dem namenlosen Weh, mit dem jeden jüdischen Mann dieses Unterfangen erfüllt, kam für den allen Idealen seines Volkes entfremdeten Juden noch das bittere Gefühl der Enttäuschung, gegen welches den pflichttreuen Juden eben seine Fasttage und ihre Mahnung schützten. „Hört das Wort Gottes" so lautet eine solche Mahnung, die alljährlich dem 17. Tamus folgte und dem 9. Ab vorangeht, „hört das Wort Gottes, HauS Jakob's und alle Familien des Hauses Israels. So hat Gott gesprochen: Was haben euere Väter an mir Unrechtes gefunden, daß sie sich von mir entfernten, täuschendem Dunst nachwandelten, und so selber als Dunst aufgingen?!" (Jeremias II. 4. 5.) Das Ueberhören gerade dieses alljährlich „zwischen den Marken" fragend mahnenden Borwurfs hat sich zu allen Zeitten bitter gerächt. Deshalb geht ihm der Fasttag des vierten Monats voran um die Geister und Gemüther für seine Behelligung z» gewinnen, und der Fasttag des fünften Monats folgt, um sie dauernd dafür zu erhalten. (Fortsetzung folgt).

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