Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-07-07 · Heft 54 (7.7.1884) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 54 (7.7.1884)
Date
1884-07-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449457--20422-2509951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

893 zubahnen, haben die Provheten, welche unsere Fast, tage anordneten und die Weisen, welche sie uns deuteten, wiederholt betont. Gelegentlich bestimmter aus besonderen Anlässen angeordneter Fasttage tritt der Würdigste vor die fastende Gemeinde und gibt dieser Wahrheit durch die Worte Ausdruck: „Brüder! Nicht Trauergewänder und nicht Fasten thun cs, sondern Tschuwoh und praktische Erfüllung des Guten. So finden wir, daß cs von den Männern Niniveh's nicht heißt, Gott sah ihr Trauergewand und ihr Fasten, sondern ihr Thun sah er. So mahnt auch die prophetische Ucberlieferung: Eure Herzen zerreißt und nicht euere Kleider!" Solche und ähnliche Mahnungen, welche das Denken uud Empfinden der Fastenden der Bedeutung des Fasttages nnterordnen, nennt man ihrer Tendenz gemäß )'m23 Auch die allgemeinen nationalen Fasttage haben kein anderes Ziel. „Die Tage, die ganz Israel, wegen der Leiden, die es betroffen, fastend begeht, haben den Zweck die Herzen anzuregen und die zur Tcschuw oh füh r enden Wege zu öffnen. Dieses führt zum Gedächtniß unseres verfehlten Thuns und desjenigen unserer Väter, das dem unseren glich, und so ihnen nnd uns diese Leiden herbeiführte *). Durch die Vergegenwärtigung dieser Thatsachen kehren wir zum Guten zurück rc. Sinniger und präciscr dürste sich Wesen und Zweck unserer Fasttage vielleicht kaum wiedergebcn lasten, als durch diese drei Worte rwwn o-n nn«? die Wege zur Tschuwoh zu öffnen. Zu der aus den Worten unserer Propheten und Weisen bekannten Thatsache, daß das Fasten unsere sittliche Vollendung bezweckt, geben diese Worte einen .Hinweis, wie dasselbe ihren Zweck anstrebt und erreicht. Ist Tschuwoh, der feste Entschluß der Rückkehr zur Pflichttreue und ihre Verwirklichung, ist Tschuwoh der siegreich gekämpfte Kampf gegen Gewohnheit, Trägheit, Gemächlichkeit und alle andern Ausgeburten der Geister und Gcmüther umstrickender Sinnlichkeit, wo böte sich dann ein besseres Mittel zur Erprobung uud Ertüchtigung der festen, sittlichen Willenskraft für diesen heißen Kampf, als durch freiwillige Versagung unentbehrlicher, sonst gestatteter Genüsse, wie sie jeder Fasttag dem Fastenden auferlegt! Fürwahr, wer durch Erziehung und Gewöhnung fasten gelernt hat, gelernt hat, einen Tag lang dem nagenden Hunger, dem brennenden Durst zu widerstehen, wer mitten in einer genießenden Welt die Befriedigung selbst derjenigen Genüsse von sich 1) Talmud, Tannith fol. 16. 2) o"am Hilchoth Taanijolh T. 1. weist, die zum Fortspinnen des bloßen Lebens uncrkäß- ", lich sind, wer durch einen einzigen BiffcnBrot, durch einen Trunk Wasser die schwindenden Lebensgeister neu beleben könnte, und dennoch Sieger in dem Kampfe bleibt, zu dem ihn jede Minute des Fasttages heranssordcrt, indem er int Hinblick auf die nationalen Ideale seines Volkes festen Willens die kleinen nnd großen Beschwerden erträgt, die sich an seine ohne jeden äußern Zwang geübte Entsagung knüpfen, der hat der wahren Tschuwoh vorgearbeitet, dcnt hat der Fasttag in der That die Wege zu Tschuwoh ge. öffnet. Nimmermehr wäre das Verftändniß, das Bedürfniß der Tschuwoh unserer Zeit so fremd geworden, nimmermehr hätte man die Rückkehr zu einem neuen jüdischen Pflichtleben geradezu einen Rückschritt genannt, nimmermehr hatte man den am GotteS Gesetz verübten Treubruch als einen anzustrebenden Fortschritt gepriesen, wenn man nicht durch Abrogirnng der Fasttage die sittigcnde Macht gelähmt, den mächtigen Geistcsschwung und die unbeugsame Widerstandskraft gebrochen hätte, mit welcher gerade die Fasttage die jüd. Männer nnd Frauen auszustatten berufen sind. Dank dieser erziehenden Kraft seiner Fasttage war der Jüngling, der ans dem elterlichen Hause hinein ins Leben trat, gefeit gegen die Macht der Versuchungen, die da seiner warteten. Die Reize keiner table xl’höte konnten ihn zu einer Verletzung seiner Speisegcsetze verlocken, seine Fasttage hatten ihn bereits gelehrt, Magen und Gaumen einem höheren Willen freudig unterzuordnen. Die an ihnen geübte, freiwillige Entsagung an und für sich erlaubter Genüsse hatte ihn unempfänglich für die unheiligen Freuden gemacht, denen andere die Lauterkeit ihres Charakters und ihrer Sittlichkeit opfern. Dem Streben nach Genuß, das ausgesprochener und unausgesprochener Maßen die letzte Triebfeder fast aller anderen Kreise bildet, war durch die Fasttage ein mächtiger Zügel angelegt, und dieses einfache, wunderbare Mittel zur Erhaltung und Förderung der jüdischen Einfachheit und Sittenstrenge hat die moderne jüdische Weisheit als unzeitgemäß von sich gewiesen! Wohl ist cs unzeitgemäß. Aber gerade weil es das ist, weil Genuß und Vergötterung des Genusses das Charakteristische unserer Zeit bilden, weil das Streben nach schwankenlosem Genießen unsere Zeit vor keinem Wege des Erwerbs, vor keinem Mittel zurückschrccken läßt, um dieses unersättliche Verlangen zu befriedigen, weil hier der ganze Schaden unserer Zeit und die Quelle all des namenlosen Wch's liegt, unter dem unser gesammtes sociales Leben seufzt, deshalb gerade müßte der Jude, der die Zeit begreift und unter ihrem Fluche mitleidet, es seinem himmlischen Vater aus der Tiefe seines

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.