Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1884)
- Date
- 1884-07-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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884 die ich einzunehmen die Ehre habe, so kann ich ein Gefühl der Bitterkeit nicht unterdrücken, und da ich weiß, daß diese Stelle von der Gesellschaft Vertrauen heischt, nicht umhin, diesem Gefühle aufrichtigen Ausdruck zu verleihen. Sind das wirklich die Leute, welche in einer der am meisten bevölkerten Straßen der Hauptstadt, sozusagen vor den Thoren des Polizei-Geaäudes, nicht im Dunkel der Nacht, sondern ganz offen dfe Geschäftsladen friedlicher Kaufleute angegriffen und binnen einer Stunde — denn mindestens so viel Zeit hatten die Räuber, was immer die Polizei officiell oder nichtofficiell sagen mag — Maaren im Werthe 12000 fl. theils verschleppt, theils wüthenden Bestien gleich zerstört haben; sind das die Leute, deren Hirn der verruchte Gedanke entsprungen, den man Wahnwitz nennen müßte, wenn auf der Hand liegende Thatsachen die verruchteste Bosheit nicht beweisen würden? Und da ich keine Unwahrheit sagen darf, bei diesen handgreiflichen Beweisen aber auch keine sagen kann, muß ich erklären, daß es nicht diese sind, was übrigens für die Anklage-Behörde keinen Moment lang ein Gegenstand des Zweifels war. Und wenn es wahr ist, daß der Zweck und zugleich der Berechtigungsgrund der Rechtspflege die Reparation des durch Verbrechen verursachten gesellschaftlichen Schadens und die Wiederherstellung des gestörten Gefühles der Rechtssicherheit ist; wenn es wahr ist, daß dieses Ziel nur dann und nur in jenem Maße erreicht wird, wenn und in welchem Maße die wahren Thäter von der strafenden Hand der sühnenden Gerechtigkeit getroffen werden, dann darf ich nicht verschweigen, daß in diesem Falle leider keine Rede sein kann von einer vollständigen Erreichung dieses Zieles, und uns ist es, als wenn nach Vorführung eines erschütternden Dramas auf den Ruf des Publikums blos die Statisten auf den weltbedeutenden Brettern erscheinen würden. Und daß dies so kam und so kommen konnte, trotzdem die Anklage-Behörde vom ersten Augenblicke an darüber im Reinen war, daß die hochwichtige Hauptaufgabe der Strafjustiz in diesem Falle, sowie in den ähnlichen Fällen, die in anderen Theilen des Landes vorgekommen sind , nicht sei, daß einige Handwerksgesellen, Lehrbuben und etliche unbedeutende Existenzen, die wohl an den Verbrechen theilgenommen, aber zugleich auch die Opfer desselben gewesen sind, in den Kerker geworfen werden sollen, sondern daß ihre Hauptaufgabe sei, die Leiter, Anstifter und geistigen Urheber dieser die Sicherheit der Person und des Eigenthums so sehr gefährdenden Bewegung vor die Schranken des Gerichtes zu stellen, damit diesen das Brandmal des schändlichsten Verbrechens auf die Stirn gedrückt werde; daß dieses so kam, trotzdem die Anklage-Behörde auch die Richtung derUntersuchung klar bezeichnet, darf Niemanden Wunder nehmen, der gehört, wie sich die Polizei hier anläßlich der Schlußverhandlung öffentlich geäußert und was dieselbe hier einbekannt. Hat ja doch die Polizei ausgesagt oder gestanden , daß sie von der verderbenschwangeren Bewegung, welche länger als ein Jahr vor diesen Ereigniffen das ganze Land in fieberhafter Erregung hielt und die ganze civilifirte Welt beschäftigte, weder Kenntniß noch eine Ahnung hatte, und daß sie, hätte sie auch Kenntniß davon gehabt, nichts hätte thun können, weil sie hiezu nicht die nothwendigen Mittel und Organe besaß. Wenn ich bei dieser Unkenntniß oder, ich will nicht sagen Jgnorirung solcher allbekannter Thatsachen seitens der Polizei, bei diesem mit so bewunderungswerther Offenheit abgelegten Eingeständniß ihrer Unfähigkeit noch auf ihre ernste und wenigstens als ernst hingestellte Behauptung verweise, dergemäß die einzige und ausschließliche Ursache dieser in der Geschichte einer Hauptstadt ohnegleichen dastehenden veritablen Raubzüge die war, daß der Hausknecht des Gasthoses „zum weißen Schwan" einige Liter Spülicht auf das Troittoir gegoffen, auf dem sich einige Lehrbuben und sonstiges Gesindel befanden, und, von der Polizei unbehindert, den Gasthof und deffen Gästen molestirten, so daß der besorgte Gastwirth, horribile dictu, ohne Kopfbedeckung zur Polizei lief, um Hilfe zu verlangen, die er nicht erhielt; dann kann ich über die Ursache des Resultates oder besser der Resultatlosigkeit dieses Processes sagen, daß dieselbe keines weiteren Commentars bedürfe. Gleichwohl hat dieser Strafproceß doch ein social sehr wichtiges Resultat, das meiner Ansicht nach zweifellos ist und dessen gerichtliche Constatirung, wenn das, wovon ich überzeugt bin, geschehen wird, die Zerstreuung der in der Gesellschaft mit Recht erwachten Besorgnisse und die theilweife Wiederherstellung des Gefühls der Rechtssicherheit zur Folge haben wird. Dieses Resultat ist, daß der wahre Grund des schändlichen Attentats nunmehr durch Niemanden bezweifelt werden kann, und dies ist schon an und für sich ein großes Resultat; denn was fürder durch Niemanden wird bezweifelt werden können, ist erstens, daß der wirkliche einzige und unmittelbare Grund des schändlichen Verbrechens der Antisemitismus ist, der weder eine politische Richtung noch eine sociale Frage ist, sondern ganz einfach eine gegen das Strafgeld verstoßende Medertracht. Es ist dies eine Abart des Anarchismus und des verwerflichsten SociÄismus. Der Staatsanwalt geht sodann auf eine detaillirte Schilderung der Krawalle selbst über und sagt, die Vorbereitung der Krawalle sei notorisch gewesen. Seit vielen Monaten wurde in ungerechtfertigter Weise gegen eine ganze Confession im Lande geschürt, und vor nicht allzu langer Zeit wurde ein Pröceß vor den Augen der erstaunten civüisirten