Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1884)
- Date
- 1884-07-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXV. Jahrgang. Keilagk ju Nr. 53 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. m Berlin, 28. Juni. Die Agitationen des Herrn Stöcker und vieler seiner Amtsbrüder sind wieder einmal von einem größeren Kreise Deutscher evangelischer Geistlicher und frommgläuviger Laien recht gründlich desavouirt worden. Die am vorgestrigen und gestrigen Tage abgebaltene „Meißner Konferenz", welche in diesem Jahre auf ein 25jähriges Bestehen zurückölickt und daher besonders zahlreich besucht war, hat auf Antrag ihres Vorsitzenden, des Professors der Theologie Dr. Flicke in Leipzig, unter anderen Thesen folgende angenommen: Es ist unsittlich und verderblich für Kirche und Staat, das Politische aus kirchlichen, das Kirchliche aus politischen Gesichtspunkten zu treiben und beide Aufgaben in einander zu wirren. Kirchliche Parteibildungen in Parlamenten sind ebenso ungesund und verwirrend wie politische Parteibildungen in Synoden. Auch sonst muß Herr Stöcker die Erfahrung machen, daß er bei seinen protestantischen Amtsbrüdern nicht ganz dasjenige Ansehen genießt, dessen er sich Seitens des Professors Wagner und des Generals der Heilsarmee erfreut. Der Senior der österreichischen Protestanten, der mährisch-schlesische Superintendent Dr. Th. Haas hat eine Predigt gehalten, aus welcher der in München erscheinende „Deutsche Schulwart" folgende Stelle mittheilt: „Man sollte glauben, daß das Christenthum, welches unter dem religiösen Fanatismus so viel zu leiden hatte, sich seinerseits vor einem derartigen Geistesirrthun! hüten müßte. Leider war dies nicht der Fall. Kaum daß die christliche Religion von ihrer gedrückten Lage zur „herrschenden Staatsreligion" sich erhoben, als auch dasChristenthum gegen Andersgläubige mit dem empörendsten Fanatismus vorging. Prediger wie Stöcker — sind es wirklich Christen?" In einer Predigt von der Kanzel herab wird das Christenthum des Herrn Stöcker angezweifelt! Hamburg, 26. Juni Ein reiches Legat ist ver Talmud-Thora-Schule zu Theil geworden. Nach dem Tode der Frau Emilie Hertz geb. Schlesinger ist nämlich der genannten Schule ein Legat von 180,000 M. zugefallen, welches —- bisher von der deutsch-israelitischen Gemeinde verwaltet — von dem früher verstorbenen Redakteur der „Reform" H. S. Hertz ausgesetzt worden war, dessen Nutznießung aber seiner Wittwe für deren Lebenszeit zugestandcn hatte. Auch die kürzlich verstorbene Wittwe des Testators soll gutem Vernehmen nach nicht unbeträchtliche Summen für wohlthätige Zwecke ausgesetzt haben. Oesterr.-Ungar. Monarchie. SSifit. Dem Berichte, welchen das israel. Blinden-Jnstitut über seine Thätigkeit in den letzten drei Jahren veröffentlicht, entnehmen wir Folgendes: In der Anstalt erhielten in dieser Zeit 45 Zöglinge aus Oesterreich-Ungarn, Deutschland und Rugland meist unentgeltlich. Erziehung und Unterricht: sechs derselben traten nach vollendeter Bildungszeit ins praktische Leben und bezeugten hier durch den Ernst und den Erfolg, mit welchen sie sich der Ausübung eines Handwerkes widmen, daß es dem Institute gelungen ist, das Ziel der modernen Blindenbildung, die Erwerbsfähigkeit der Zöglinge, zu erreichen. Einer dieser blinden Handwerker, ei» Korbflechter, hat in Wien einen Laden eröffnet; ein Geschwisterpaar, Bürstenbinder, ernährt nicht nur sich, sondern auch seine Familie. Dem literarischen und mnsikalischen Unterrichte und der Erziehung wird große Sorgfalt zugewendet: die Methode des Instituts, welche in einer innigen Verbindung der Anschauung mit der Darstellung besteht, fand mehrfache Anerkennung auf den Kongressen der Blindenlehrer, der Looiöttz pour l*am£loration da sort des aveugles und der serbischen Regierung, welche demnächst eine Blindenanstalt in Belgrad eröffnen wird und einen Staats-Stipendisten für mehrere Jahre in das isr. Blindeninstitut entsendet hat, um die Methode und die Einrichtungen desselben zu studiren. Pesth, 25. Juni. Im Proceffe über die Krawalle auf der Kerepeserstraße sagte der Staatsanwalt in seinem Plaidoyer: Wenn ich jener traurigen Ereignisse gedenke, über welche die Opfer des frechen Attentats selbst hier ihre Zeugenaussage gemacht haben, wenn ich die Angeklagten betrachte, welche diesen Saal füllen, wenn ich bedenke, daß die Gesellschaft, wenn sie das Gefühl der Rechtssicherheit wanken fühlt, in erster Reihe auf jene Stelle blickt,