Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1884)
- Date
- 1884-07-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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885 * / Welt geführt, ein Proceß, der an die Hexcnproceffe des Mittelalters gemahnt, und dies in einem Lande, in welchem vor mehreren Jahrhunderten bereits einer seiner weisen Könige den treffenden Ausspruch gethan: „1)6 str!§!s, quae non saut, nulla fiat mentio.“ Daß bei den Krawallen keine größeren Gefahren entstanden, sind und kein größerer Schaden ungerichtet wurde, kann nur durch die Thatsache erklärt werden, daß die Besonnenheit des ungarischen Volkes denn doch größer ist, als die Niedertracht seiner Verführer. Wenn auch formell das Losungswort nicht ausgegeben wurde, daß es einen Kriegszug gegen die Inden gilt, so kann man aus den Rufen Einzelner, wie: ..Auch hier wohnt ein Jude!" und aus den diesen Rufen folgenden Handlungen mit Recht auf den Charakter der Angriffe und Tumulte schließen. Zum Schluffe fordert der Staatsanwalt die Schuldigsprechung von 45 Angeklagten wegen Verbrechens des Aufruhrs, respective öffentlicher Gewaltthätigkeit, gegen drei Angeklagte außerdem wegen Hehlerei; gegen die übrigen Angeklagten läßt er die Klagen fallen. Die nichterschienenen Angeklagten sollen currentirt werden. Das Urtheil haben wir bereits mitgetheilt. PeW, 26. Juni. In dem Prozesse wegen der im vorigen Jahre stattgefundenen anüsemitschen Unruhen wurden sämmtliche Angeklagten von der Anklage auf Aufruhr freigesprochen, hingegen 26 Angeklagte wegen Gewaltthatigkeiten gegen Private zu einjähriger bis dreiwöchentlicher Kerkerstrafe verurtheilt, 19 wurden freigesprochen. Pesth Nun sind die Wahlen gottlob vorüber, und der Bodensatz, den dieselben an die Oberfläche getrieben, wird sich hoffentlich recht bald wieder zur Tiefe senken. Im Augenblicke unterhält man sich noch überall mit dieser^Ereigniffen, die alle in Bewegung gerathenen Schichten der ungarischen Gesellschaft in greller Beleuchtung zeigten. Bei aller Sympathie für den lebhaften politischen Sinn des Volkes kann man doch nicht umhin, diese Vorgänge wenig erbaulich zu finden. Ein Candidat, der unter antisemitischer Flagge ins Parlament segelte, hat seinen getreuen Wählern die sofortige Austheilung jenes Grundbesitzes auf's Wort versprochen, der sich in jüdischen Händen befindet. Der wackere Mann der so fteigebig über fremdes Eigenthum verfügt, ist im bürgerlichen Leben Seelsorger, wld man kann sich daher leicht vorstellen, wie fest die Bauern auf die Einlösung dieses Versprechens rechneten. Der Mann wurde mit großer Majorität gewählt; aber er kann seines nagelneuen Mandates nicht recht froh werden, denn die Bauern pochen auf ihren Schein und verlangen Tag um Tag den in Aussicht gestellten Grundbesitz. So lange der Herr Pfarrer nur noch Candidat war, wußte er genau Bescheid im Grundbuche, denn er sagte es rund heraus, diese Parcelle bekommt die Gemeinde 2), jene die Gemeinde Z. Seit er aber das Mandat in der Tasche hat, stellen sich der Durchführung seiner Politik begreifliche Hindernisse entgegen, und die Bauernschaft fängt an, widerhaarig zu werden. Die zunächst bedrohten Grundbesitzer haben die Aufmerksamkeit der Regierung auf diese Stimmung der Bauern gelenkt, und es dürften die nothwendigcn Vorkehrungen bereits in aller Stille getroffen worden sein. Pefth. Der Magistrat hat das vom ersten Schulstuhl der Theresienstadt verfaßte Gebet für die Schuljugend aller Eonfessionen gutgeheißcn und deffen Einführung in allen städtischen Schulen für das nächste Schuljahr angeordnet. Frankreich. Paris, 25. Juni. Der weit berühmte Arzt Dr. Strauß (Israelit), dem voriges Jahr vom Gouvernement das Studium über das Entstehen der Cholera in Egypten anvertraut wurde, ist gestern Abend zu demselben Zwecke nach Toulon abgereist, wo, wie Ihre gesch. Leser wohl wissen, die Cholera seit einigen Tagen in schrcckenerregender Weise ausgebrochen ist. E. M. England. Ein Kind des Herrn M. Agar in Sheffield wurde vorige Woche in den Abrahamsbund ausgenommen. Bemerkenswerth ist, daß der der Urgroßvater des Kindes ist. London. Auf die von Baron v. Worms im Unterhause am 23. Juni an den Minister des Auswärtigen gestellte Frage, ob der engl. Regierung das neueste Vorgehen der rumänischen 'Regierung gegen ihre jüdischen Unterthanen bekannt sei und ob die engl. Negierung hierin nicht eine Verletzung des Berliner Vertrags sehe, antwortete Lord Fitzmauriee, daß die Negierung den britischen Gesandten in Bukarest beauftragt habe, über die Sache zu berichten. London. Herr George Fandet Phillips ist zum Sheriff von London und Middelcsex erwählt worden. Derselbe ist der Sohn eines der populärsten Aldermen, des Sir Benjamin Phillips, welcher der erste Jude war, der als Mitglied des Gemeinderaths ernannt wurde. Gegenwärtig befinden sich zwei Juden als Sheriff im Stadtrath.