Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1884)
- Date
- 1884-07-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Sali, die 14jährige Tochter, reichte der Mutter den gestickten Sammtmantel, die schöugarnirte Haube; nicht wie sonst legte die Mutter Werth darauf. Alles vor dem Spiegel zu ordnen; tiefe Trauer um-, düsterte das schöne Gesicht. Nachdem sie von den Kindern Abschied genommen und mit ihrem Gatten auf dem Wege zum Tempel war, sagte sie: „Simon, sei nur recht andächtig! Mir ist als schwebe schweres Unglück über unfern Häuptern!^ „3)» siehst zu schwarz!" sagte ihr Gatte. >,Das Mädchen wird sich finden; nur Unverstand kann nns bejchuldigen, an ihrem Verschwinden Schuld zn haben!" Frau Rebbeka seufzte. Schweigend schritt sie neben dem Gatten her und als sie jetzt am Tempel angelangt waren, sagte sie, krampfhaft seine Hand Pressend: „Gott schenke Deinen Bitten Gehör!" „Und auch den Deiniaen!" sagte Stroßky, sie zärtlich küssend. Eine heiße Thräne berührte seine Wange; sie brannte ihn wie glühendes Erz. Auch sein Blick umflorte sich, als er jetzt die Vorhalle des Tempels betrat. — Ein stilles Gebet entrang sich seiner Brust; es war ihm, als sei er noch nie so wehmüthig ge« ftimmt gewesen. — Als daun der Vorbeter mit melodlscher, glockenreiner Stimme die Festgejänge intonirte, wich nach und nach die beklemmende Angst, die seine Seele gefesselt hielt. Er fühlte an sich die reinigende und wohlthuende Kraft des Gebetes und dankte Gott von Herzen für alles Gute, das ihm widerfahren. — Kurz vor Schluß des Gottesdienstes kam der Tempeldiener auf ihn zu und bat ihn, da ihn Jemand dringend zu sprechen wünsche, hinaus zu kommen. Der Mann sah kreidebleich aus. Als Stroßky in seine entstellten Züge blickte, wußte er, daß er ihn zu nichts Gutem abrief. „Muß es gleich sein?" fragte er tonlos. ,,Ja," antwortete der Mann mit zn Boden geschlagenem Blick. Klopfenden Herzens verlieb er das Bethans. Draußen begegnete er einem Policisten, der ihm einen Verhaftsbefehl vorwies. Stroßky erbleichte. „Ich habe Nichts begangen," sagte er schnell gefaßt; „was will man von mir, daß man mich am heiligen Tage — „Ihr habt die Sidonia Etford bei Seite geschafft!" unterbrach der Beamte. „Beweise liegen vor! Leugnet nicht! Ihr könntet nur Euer Schicksal verschlimmern!" „Ich werde Euch nicht folgen!" entgegnete fest Simon Stroßky. „Gott der Gerechte ist mein Zeuge, daß ich schuldlos bin." Ehe Stroßky sich deffen versah, hatte der Policlst zweien Beamten einen Wink gegeben, die den aufs Höchste Erschrockenen packten, banden und in einen vor dem Hause bereit stehenden Wagen warfen. Man hatte drinnen im Tempel eine Störung vernommen; Niemand ahnte indeß, daß soeben ein Act gemeinster Willkür verübt worden. — Als Frau Rebecka nach beendetem Gottesdienste an der Barrtüre, die die Männerabtheilung von der der Frauen trennt, auf ihren Gatten wartete, um mit ihm, wie gewöhnlich. zusannnen heimzugehen, siel ihr ein Flüstern auf, das die Mafien bewegte. Mitleidsvoll blickten Viele auf die ahnungslos dastehende Frau; Niemand hatte ein Herz, ihr mitzutheile», was sich ereignet. „Mein Mann," sagte sie zu einer nebenanstehenden Freundin, „scheint heute mit zu den Letzten gehören zu wollen, die den Tempel verlaffen!" „Er ist schon fort!" sagte ihr diese tief traurig. „Geh heim, Rebecka, ich begleite Dich!" „Was ist ihm zugestoßen?" fragte die Frau angsterfüllt; sie wußte nur zu gut, daß Simon nur einer dringenden Nothwendigkeit folgend, ohne sie heimgegangen wäre. — „Vielleicht ist er schon zu Haus," entgegnete begütigend die Frau. „Die Leute erzählen sich allerhand und wissen selber nicht, wie es zugegangen, daß —" „Gerechter Gott!" unterbrach Rebecka, „man wird ihn doch nicht verhaf —" Ohnmächtig sank sie auf das Steinpflaster des Tempelhofes nieder. Schnell wurde eine Bahre herbeigeschafft und die Besinnungslose in ihre Wohnung getragen. Dort erzählten die Kinder, daß vor ungefähr einer Stunde ein Mann ihren Vater zu sprechen verlangt und da sie gesagt, daß er in der Synagoge sei, sich schleunigst entfernt habe. Als die bedauernswerthe Frau die Augen aufschlug, sah sie, daß das Zimmer mit Menschen gefüllt war. Den ihr Blick verlangend suchte, fand sie nicht. -Ein convulsivisches Schluchzen, das sie nicht zu Worte kommen ließ, entrang sich der gepreßten Brust. Man suchte sie zu trösten, sie wehrte Alle ab und schien ganz fassungslos in ihrem Schmerze. — Sie hatte ja geahnt, daß das Ereigniß eintreten würde. Oberst Metkof, der heute Nachmittag bei ihr war, hatte es ihr ja in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben: „Entweder bist Du mir zu Willen oder ich verfahre gegen Deinen Mann kraft meines Amtes nach der Strenge des Gesetzes!" Wie verwünschte sie ihren Franenstolz, der sie den Allgewaltigen beleidigen ließ! In ihrer Hand lag es noch heute, das Schicksal ihres Hauses abzuwenden. Doch konnte sie ahnen, daß der Mann, der da vorgab, Steigung für sie zn empfinden, ihr diesen Schmerz bereiten würde? Jetzt wußte sie sicher, daß er, nur er allein, die in ihrem Geschäfte