Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1884)
- Date
- 1884-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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878 Töchter selbst an ihrem höchsten Frcudentage mit dem bräutlichen Kronenschmuck. Der ungehemmte Ausbruch reiner Lebensfreude ist ihnen fremd geworden, das Lied verstummte und die schlichte Einfachheit im öffentlichen Auftreten legt Zcugniß von der Wehmuth ab, welche die trauernden Herzen erfüllt?) Diese Züge der großen Nationaltraner, welche sich das jüdische Volk zu jeder Zeit auferlegte, treten aber in den Wochen, welche der 17. Tamus beginnt und der 9. Ab abschließt, noch schärfer hervor. Wirft sonst die Erinnerung an das zertrümmerte Gottesheiligthum und der Gedanke an die gebrochene nationale Selbständigkeit einen Schatten selbst auf den Freudentag zur Hauscsgründung vereinigter Liebender, so schließt in diesen Wochen überhaupt kein Sohn, keine Tochter Israels einen Bund für das Leben.'). Selbst die Sorge für das äußere menschliche Auftreten, dem das Gottesgefctz sonst in bedeutsamer Weise bis auf die Pflege des Haarwuchses wiederholt seine Aufmerksamkeit zuwendet, läßt die jüdische Sitte vor der nationalen Bedeutung dieser Wochen zurücktreten'). Jede Freude erfährt mit dem Eintritt des fünften Monats eine Schmälerung, aber schon vom 17. Tamus an macht sich diese durch die sinnige Vätersitte auferlcgte Selbstbeschränkung in wahrhaft ergreifender Weise fühlbar. Selbstquälerische Kasteiung und Ertödtung der Lebensfreude sind keine Charaktereigenthümlichkcitcn des jüdischen Stammes. Wohl hat sich eine ganze Welt verbunden, um den Lebensmüth dieses Volkes zu brechen, wohl haben fast alle Staaten und Völker, mit denen es in seinem Exile in Berührung kam, bittere Wehrmuthstropfen in feinen Lcbenskelch geträufelt, aber es ist dennoch keiner Tyrannei gelungen, die unverwüstliche Heiterkeit zu vernichten, die der Vater der Menschheit gerade diesem schwergeprüften Menschenstamme als unverlierbares Angebinde mit auf seinen schmerzensreichen Gang durch die Jahrtausende mitgegeben. Die Lebensfreude, die ihm die Menschheit verkümmerte, schöpfte es aus seinem Gottesbewußtsein, aus Gottes Offenbarung 2) Cchulchan Aruch Orach Chajim ibid. — Ungemein bcherzigenSiverlh sind auf die hierher gehörigen '-Worte des im Anfänge von tvjyn rODD, die obwohl von mehr als 200 Jahren niedergcschricbe» ihrer Bedi-iltsanikeit halber gerade snr unsere Zeit hier wörtlich folgen mögen: nn Ov Oy ni vy D’jwn 'vnv'po nrn to nib» jnn ruon wo n"a rvn uv'va rnöppno» |.wvsnt pi'vo^v myn nain f'vtn mi oayt ,o«p innii n« iwid D’yusni'mnm D’jpnon momno ’&) Lchnlchan Arnch. Orach llhajim. Kap. 551, z. 2. 1) ibid n«rm ,000 ,mieon 1'0'N. in Natur und Geschichte. Mochte sich Me letztere auch noch so düster gestalten, in dem Stern, der am Himmel leuchtet, in dem Blitze, der ans der Wolke zuckt, in dem Donner, der aus den Höhen groN, aus dem Weltmeer, das zn seinen Füßen rauscht, sprach und spricht Gott zu ihm, der die ganze Schöpfung ins Dasein gerufen, dessen Kraft und Macht die Welt erfüllt, dessen allliebende Nähe ihm daher jede Regung der Natur bekundet, und dieses Bewußtsein erhielt ihn heiter in den trübsten Zeiten, Ob die Zeiten heiter, ob sie trübe sich gestalten, jede neue Frucht, welche der Wechsel der Jahreszeiten in Gottes Natur reifen läßt, ist ihm eine willkommene Veranlassung freudig zn Demjenigen aukublicken, der ihn diese Zeit erleben ließ, und ihn aufrecht erhielt, trotz Allem, was ihn und sein Volk zn Bode» ziehen wollte. Diesen herzcrhebenden Trost, den die Natur ihm zur neuen Lebensfreude bietet, versagt sich in diesen Wochen der Jude, in ihnen pflückt er keine neue Frucht, in ihnen meidet er jede Veranlassung die ihn zu der segnenden Anerkennung GotteS führte, daß er ihn diese Zeit hat erleben lassen^, lieber dieser Zeit, welche der fünfte Monat einleitet, walket ein unheilvoller Stern für Israel. Wo und wann es in diesen Tagen, mit der es umgebenden außerjüdischen Welt in Coutact gerieth, waren die Folgen jeder Berührung so nachhaltig schmerzlich, daß eS eingedenk dieser mit Thränen und Blut auf seinen Geschichtsblättern vcrzeichneten Erfahrung, sich seitdem scheu aus dem öffentlichen Leben für diese Tage zurückzicht und den Verkehr auf das Nöthigße beschränkt 5 6). Der wehmüthige» Erinnerung an de» zertrümmerten Gottesaltar gibt die Vätersitte noch durch die Entsagung von denjenigen Speise» und Getränken positiven Ausdruck, die einst dem Altarfeuer als Ausdruck menschlicher Hingebung unter Gottes liebende Vorsehung übergeben wurden, und versagt daher wahrend dieser Tage den Genuß von Fleisch und Wein7). So ist das Gedächtniß dieser Tage nicht bloßen Tranerzcfnhlcn und düstern Stimmungen überantwortet. Die große jüdische Nationaltrauer greift vielmehr ins Familienleben, ins Geschäft, kn de» öffentlichen Verkehr, in unsere Nahrnngsverhältnisse, kurz überall da ein, wo sie von den Einzelne» wie von der Gesammtheit am tiefsten empfunden wird. Sie vollzieht sich ohne staatliche Aufsicht, ahne polizeiliche Controlle, ja es hat ihr nicht an Verdat 5) ibid by ooson l'3 u»rrar Ivov 3D tttobo -y irr ns. 6) ibid -,2 — poi rwva v'vyoo rwynn ly n*”ic rw’D v'vrw'p 'oi m rurri brriv*. 7) ibid S- S