Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1884)
- Date
- 1884-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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877 sagen, ble Mar unangenehm klingen mögen, aber darum doch Wahrheit sind. Es laßt sich sehr wohl sagen, daß das Antifemiten-Hauslein des letzten Reichstages niemals so große Erfolge errungen hatte, wenn ihm nicht der mächtige hochadelige nnd hochwürdige Einfluß zur Seite gestanden wäre. Des ganzen Landes bemächtigte sich eine unnatürliche Aufregung und der Wahlkampf wurde überall mit einer Leidenschaftlichkeit geführt, wie sie selbst in Ungarn zu den Seltenheiten zahlt. Franz Pulsky schreibt in einem ungarischen Blatte, daß die Korruption niemals so nnverhüllt aufgetreten sei, wie diesmal. Würde der oberste Gerichtshof und nicht der Reichstag die Verifikation der Wahlen vornehmen, müßte die Hälfte derselben kassirt werden. So schreibt der alte Parlamentarier, ironisch die Klugheit der Regierung preisend, welche seinerzeit, bei der Revision des Wahlgesetzes, die k. Kurie nicht zum Richter in Wahlangelegcnheiten machte. Die Männer selbst, die aus dem Wahlgange hervorgingcn, kennt man zum guten Theile nicht, wenn man auch über ihr politisches Glaubenskenntniß im Reinen, sein mag. Mindestens einDritttheil des neuen Reichstages besteht aus bisher unbekannten Kirchenlichtern; die homincs novi vertheilen sich im richtigen Prozentsatz auf alle Parteien, der Regierungspartei fällt daher die größte Anzahl derselben zu. Daher unterlagen viele angesehene Mitglieder derselben im Wahlkampfe, so Baron Johann Keniöng, Paul Müricz, Graf Tibor KLrolyi, Dr. Falk; in den Reihen der vereinigten Opposition fehlen Baron Sennyey, Paul von Somssich, Stefan Bitto, Paul Kiralyi, die Unabhängigkeitspartei hat mit Ausnahme Daniel Jrängyi's alle ihre Führer verloren, KarlEötvös, Mactary, Helsy, Albert Mcmeth, Baron Pernay. Die letztere Partei wurde bei den Wahlen am Schlimmsten mitgenommen. Sie ist kaum mehr zu fürchten. Wird aber Koloman von Tisza Jene meistern können, die ihr Erbe angetreten haben? Dieses Land braucht nicht blos Reformen, sondern auch ein neues System der Politik. Zwischen den Marken. Don Rabbiner Dr. Eh rman». I. Mitten aus den lichten, lachenden Sommermonaten heben sich zwei ernste, düstere Marksteine ab nnd werfen ihren Schatten so tief auf die zwischen ihnen liegenden Wochen, daß man dieselben geradezu die Zeit „zwischen den Marken" onson p — nennt. Zwischen diesen Marken haben alle Verfolger das jüdische Volk noch zu jeder Zeit erreicht, zwischen diesen Marken — es sind dies eben die Fasttage des vierten und fünften Monats — liegt die Katastrophe, welche vor fast nun 2000 Jahren feine nationale Selbständigkeit und das von ihr getragene Gottesheiligthnm in Trümmer legte, zwischen diese Marken führt wiederum der Wechsel des Jahres die über das weite Erdenrund zerstreuten Glieder des Gottcsvolkes und weckt damit das alte tausendjährige Weh in ihrer Brust, sowie die große, einzig darstchcnde Nationaltrauer, in welche c3 sich kleidet. Eine Trauer wie diese, durch welche ein ganzes Volk sich die einzelnen Radien verewigt, in denen sich vor Jahrtausenden der Niedergang seines Gottesbeiliglhums und die sich daran knüpfende Zerstreuung in alle Richtungen der Windrose vollzog, dürfte sich in diesen großartigen Einzigkeit kaum zum zweiten Male wieder finden. Nicht durch Trauerflor, nicht durch düster ansgeschlagene Gotteshäuser, nicht durch schwarzgerändcrte, äußere Abzeichen oder dumpfe Glockentöne äußert sich diese Trauer. Sie schließt nicht wie dies wohl anderwärts zu geschehen pflegt, die Musentempel oder beschränkt sich auf eine Unterdrückung sonstiger öffentlicher Lustbarkeiten, um dann die zur officiellen Trauer Verurthcilten im zurückgezogenen, häuslichen Kreise für diese formelle Trauer schadlos zu halten, sondern sie begleitet jeden Sohn und jede Tochter, denen das Geschick ihres Volkes zu Herzen geht, hinein ins volle, umflnthende Lebe» und verläßt sie selbst in der abgeschiedensten Einsamkeit nicht. Wo in den ungemcffeuen Jahrtausenden der Zerstreuung seines Volkes ein Jude sich durch Erbauung eines eigenen Hauses dauernd niederläßt, läßt er an einem in die Augen springenden Orte eine eine Quadratelle große Stelle kahl und unübcrtüncht, die ihn jederZeit an dicUnvollständigkeitjederFrende mahnt, so lang das Gottesheiligthnm in Trümmern liegt.') Treu dem Eid, den die gefesselten Zionssänger einst an den Strömen Babylons geschworen, erreicht überhaupt keine Freude mehr den Gipfelpunkt. Das Gedächtnis; alt Jerusalelll hat ihn inne, und die Zerstreuten mahnen sich durch äußere Zeichen zum treuen Fesihaltcil an diesem Schwur. Jedes Freudenmahl, das sie gesellig vereint, läßt es an Einer Stelle an irgend etwas fehlen, um das Unzulängliche jeder freudigen Veranstaltung zu bekunden. Selbst die Freude des Bräutigams und der Braut, die sich zusammengefunden, um sich zum ewigen Lebcnsbunde die Hand zu reichen, wird durch den Hinweis auf die irdische Hinfälligkeit nnd Gebrechlichkeit gedämpft, welchen die zu den Füßen des Brautpaares liegenden Scherben predigen. Seitdem die Krone von Israels Haupt gefallen, schmückt sich keiner seiner Söhne und I) Lchulchan Äruch, Crad) Chajim <£. 560 $ 1.