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Der Israelit · 1884-07-03 · Heft 53 (3.7.1884) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 53 (3.7.1884)
Date
1884-07-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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876 auf das Strengste bestrafen zu wollen. Das hinderte indessen nicht, daß die Negierung in der Praxis den Antisemiten gegenüber eine gewisse Nachsicht übte, welche die Saat dieser Leute in die Halme schießen ließ. Jahre lang duldete man die Agitation gewissenloser Demogogen gegen die Inden; im Kabinet sitzt ein pronuncirter Antisemit, der Justizminister Herr Dr. Panler, welcher den Tisza-Eszlarer Prozeß und das seltsame Justizgebabren, von dem er begleitet war, möglich machte; der Prozeß des Haupthetzers Verhovay, welcher vom Budapester k. Gerichtshöfe der Defraudation mildthätiger Sammlungen beschuldigt ist, wird schon ein Jahr lang hingezogen; das publizistische Organ dieses Herrn, welches unausgesetzt den Klassenhaß schürt, erscheint Monate laug ohne Kaution, trotzdem das Gesetz eine solche verlangt und ohne dieselbe eine Jnhibirung des Journals gestattet ist. Man ließ die Agitatoren agitiren und das Ziel ist heute erreicht: Die Nnabhängigkcitspartei ist in zwei Fraktionen zerfallen, oder besser, es wurde ihrem Schooße eine zweite staatsrechtliche Partei, die der Antisemiten, entbunden, welche die Mutterpartei ebenso grimmig haßt und befehdet, wie etwa den „Renegaten" Tisza und sein Heer vor „Mameluken." Liegen sich die Leute, welche bei der Masse die größte Popularität besitzen, einmal selbst in den Haaren, dann sind sie nicht mehr gefährlich. Dieser Kalkül Tisza's hat sich erfüllt. Die befolgte Politik hat aber andere, ernste Gefahren heraufbeschworen. Diese liegen in der antisemitischen Bewegung in Ungarn. Umiöthig, hier zu rekapituliren, was die wenigen pronuncirten Antisemiten, welche im letzten Reichstage entschieden hervortraten, mit ihren Agitationen fertig gebracht haben. Nun kehren sie als eine Partei von über zwanzig Mann in den Reichstag zurück mit Herrn Verhovay an der Spitze, den das Volk in Czegled auf die Schultern hob, umstrahlt vom Nimbus des Sieges. Werden diese zwanzig Leute nicht das ganze Land aufwühlen, ganz abgesehen von den endlosen „Juden-Debatten und Scandalscenen", mit welchen sie die ernste legislatorische Arbeit hindern dürfte? So trägt man sich mit einem Gefühl der Bangigkeit auch bereits in den Kreisen der Regierungspartei. Wird sich die Bewegung, die heute nur gegen die Juden gerichtet ist und gegen das große Kapital, nicht morgen gegen die „Herren" überhaupt, besonders gegen den großen Grundbesitz richten? Einer ihrer Apologeten rief ja bereits in seinem Wahlbezirke dem Volke zu: „Schlagt di: Herrenleute tobt", ein Anderer predigte die Vertheilung der Güter, ein Dritter führte namentlich die Grundstücke der Juden und Magnaten an, welche den einzelnen Gemeinden seines Komitats zufallen, müßten. Wird die antisemitische Bewegung in ihrem sozialistisch-anarchistischen Charakter sich nicht höchst bedenklich gestalten? Und haben die Antisemiten im Reichstage selbst nicht noch weit mehr Vertreter. als zwanzig Mann, die sich nm ihre Fahnen gruppiren? Auf allen Bänken des Unterhauses werden ja im neuen Reichstage schwarze Talare in ganz unerwarteter Zahl erscheinen, — was führt diese gerade jetzt aus ihrem stillen, klösterlichen Asyle in die lärmerfüllte politische Arena? Glauben sie ihre Stunde gekommen? Wollen sie nicht den Zerfetzungsprozeß der ungarischen Parteien beschleunigen, beabsichtigen sie nicht, das Abgeordnetenhaus im klerical-reaktionären Sinne des Oberhauses umzugestalten, teuer ungarischen Peerskammer, welcher so lange mit einer liberalen Form gedroht wurde, bis die Macht dazn verloren ging? Die Alliirten des Oberhauses in der unteren Kammer Ungarns stehen in den Reihen der gemäßigten Opposition, welche in diesen Tagen nicht vergebens beschuldigt wird, durch ihre Agitationen das Anwachsen der sozialistisch-anarchistischen Strömung in Ungarn verschuldet zn haben. Gewiß, die Regierung trifft die Schuld, daß sie sträflichen Agitationen gegenüber sich allzu indolent verhielt. Aber die Schuld Jener ist weit größer, welche diese Agitationen besorgten. Uud das sind nicht nur die Demagogen der äußersten Linken. Seitdem der klerikalfeudale Heerbann im Oberhause den Civilehegesetzentwurf Tiszas zum Falle brachte, agitirte die oppofitionelle Partei Apponyi's im Geiste der klerikal-feudalen Phalanx und im Einverständnisse mit ihr. Das agrarsocialistische Programm Apponyi's wurde dem Volke in allzu verständlicher Weise erläutert und erklärt, für seine Anhänger traten überall der Klerus und der hohe Adel bei den Wahlen in die Schranken. Graf Apponyi hat in einem Wiener Blatte die Anklagen zu widerlegen gesucht, die in diesen Tagen von allen Seiten gegen ihn erhoben worden, namentlich weist er den Vorwurf zurück, daß sich seine Partei bei ihren Agitationen zn antisemitischen Tendenzen bekannt habe, die er perhorrescire. Aber war es nicht derselbe Graf Apponyi, welcher im ungarischen Abgeordnetenhause eine dreistündige Rede hielt, um die Notwendigkeit der Schaffung von Gesetzen darzulcgen, „damit der Grundbesitz in den Händen der Magyaren bleibe und nicht in die Hände von Fremden übergehe, welche als solche nicht den lautern Patriotismus besitzen, wie die Söhne Arpads"? Wahrlich, der Herr Gras muthet der Welt ein kurzes Gedächtniß zu. Niemanden aber vermögen die Schliche zn täuschen, die zwei verschiedene Gesichter zu zeigen lieben, Niemanden, am wenigsten die Landsleute deS Herrn Grafen, wie er dies täglich aus den magyarischen Journalen ersehen kann, die ihm Wahrheiten

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