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Der Israelit · 1884-06-30 · Heft 52 (30.6.1884) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 52 (30.6.1884)
Date
1884-06-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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batte sich ein Volkshanfe angcsammelt, der sich der; 2i)m/utögc zuwälzte, dieselbe umstellte und die Aus-! tiefcruug des Kindes verlangte. Die Bolksmeuge wuchs mit unglaublicher Schnelligkeit immer mehr ' an und belief sich bald ans einige Tausend Menschen,! die sich direct auf das jüdische Quartier stürzten.! Mit welcher Schnelligkeit das Zcrsiörungswerk vor - sich ging, ist daraus zu ersehen, daß im Verlaufe von etwa anderthalb Stunden fünf Häuser demolirt wurden und zwar bis zu dem Grade, das; mau von einigen dieser Häuser die Dächer abzurcißen begann, die Fenster und Thnrcn einbrach und die bewegliche Habe der Einwohner vernichtete. Als die Excesse begannen, benachrichtigte man den Gouverneur, der ungemein rasch auf der Unheilsstätte erschien .und militärische Hilfe reguirirte: zwei Compagnien Infanterie und eine Ssotnja Kosaken. Die Truppen konnten aber nicht so schnell erscheinen, da sich dieselben bereits im Lager befinden, das von Kunawino ziemlich weit entfernt ist. Inzwischen wüthete der wüste Haufen fort. Das Lärmen und Schreien der Excedentcn war weithin hörbar. Um einer 2000köpsigcn Bolksmasse entgegenzntrcten, dazu war die Polizeimacht zu schwach. Aber irgend etwas mußte geschehen; so wurden denn die Feuerspritzen hcrbeigebracht und auf das Volk gerichtet. Bemerkenswerth ist die Thatsache, daß in den von Rüsten und Inden bewohnten Häusern nur die Quartiere der letzteren angegriffen und zerstört wurden, während die Wohnungen der Russen unberührt blieben. In einem zweistöckigen Hanse, wo unten Russen und oben Juden wohnten, wurde die obere. Etage bis zu dem Grade verwüstet, daß sogar ein Theil des Daches abgerissen wurde, wahrend im unteren Stockwerk auch nicht eine Fensterscheibe zerschlagen war. Als sich der Pöbel noch vor Eintreffen der Truppen zerstreut hatte-, begann man bei den Ueberfallencn Umfrage zu halten, wobei sich ergab, daß sechs Menschen gelobtet und acht verwundet waren. Ich war auf der Unheilstätte um 12 Uhr Nachts, d. h. drei Stunden nach Beginn der Gewaltthätigkciten. Mir bot sich folgendes Bild dar: Die Häuser im Jndenviertel standen so da, wie nach einem Brande; die Fenster waren mit den Nahtnen herausgebrochen, die Thürcn ausgehoben, die ganze Straße^ war mit Weißen Fetzen und zerisienen jüdischen Büchern bedeckt; überall lagen Federn umher, die ans den vom Pöbel anfgcrisscnen Bcttkiffen umhergestrent waren. An allen Enden stand Polizei und Feuerwehr; hier und da stand das Wasser in Pfützen auf den Straßen, es rührt von den gegen das Volk gerichteten kalten Wasserstrahlen her. Ucberall stieß man aus kleine Menschcngrnppcn, die sich ruhig verhielten. Der Pöbel batte ausgctobr. Die eigentlichen Miffethäter hatten sich bei Zeiten davon gemacht, nachdem bekannt geworden war, daß bald Truppen emtreffen würden. Am anderen Morgen wurde ein ganzes Bataillon in die Stadt gezogen, «m eine etwaige Wiederholung des Zerstorungswerkes zu verhindern. Alle städtischen Behörden erschienen an Ort und Stelle, Aerzte wurden zur Hilfeleistung herangezogen re. Es heißt gegen 150 Menschen seien verhaftet. Die Nntersuchnng ist im Gange. Man erzählt, daß einzelne jüdische Familien bei Russen eine Zuflucht fanden und somit persönlich verschont blieben. — Vv.^- anderer Seite wird über diese Vorgänge demselben Blatte geschrieben: Am 7. Juni um S1/* Uhr Abends verbreitete sich in Kunawino das Gerücht, die Juden hatten ein dreijähriges Ehristenkind gestohlen nnd in die Synagoge gebracht. Eine schnell anwachsende Masse nahm vor der Synagoge Aufstellung. Die in Kunawino postirte Polizekmannschaft war zu schwach, den Pöbclhaufen zu zerstreuen. Sofort wurde den Spitzen der Behörden in der Stadt Nachricht gegeben, da aber die Oka-Brücke noch nicht eingefahren ist, erlitt Alles eine leicht begreifliche-Verzögerung. Inzwischen ergriff der wüthende Hanfe einen des Weges kommenden jungen Inden und mißhandelte ihn fürchterlich. Sodann wandte sich der blindwnthische Pöbel gegen die Synagoge; Steine wurden in die Fenster geschleudert und alle Scheiben zertrümmert. Endlich drang der Hause in das Synagogenhaus hinein, um dessen Bewohner aufzusnchen, die schließlich auf den Boden, wohin sie sich geflüchtet hatten, aufgefunden und grausam mißhandelt wurden. Ein Theil des Gesindels wandte sich einem anderen Hause zu, wo die Familie des jüdischen Unternehmers für den Bau von Pontons zur Schiffbrücke wohnte. Hier wurden auch erst die Fenster eingeworfen, dann drang man in das Haus ein und fast die ganze Familie wurde zu Tode geprügelt. Von hier zog der Pöbel zu anderen jüdischen Ouartieren nnd zerstörte sie in derselben Weise. Das Endresultat dieses entsetzlichen Treibens besteht in sechs zertrümmerten Häusern, neun erschlagenen und einige sehr schwer verletzten Juden; von der zerstörten jüdischen Habe schon gar nicht zu reden. Daß die Juden keinerlei Widerstand zu leisten vermochten, ist begreiflich. In ganz Kunawino leben ihrer nicht mehr als 10 bis 15 Familien. , NifhrU) - Nowgorod, 25. Juni. Bei den Ausschreitungen gegen die Juden am 19. ds. sind $ Personen getödtet und 9 verwundet worden, davon 5 lebensgefährlich. Seitdem sind weitere Ruhestörungen nicht vorgüommen. Zur Untersuchung der Vorfälle ist der Proknrator des Moskauer Apellhoses Muranjeff eingetroffen. Eine Publikation des Gouverneurs im heutigen Lokalblatte macht gegenüber den Gerüchten, in Kunamwo wohnhafte Juden hätten ein

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