Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1884)
- Date
- 1884-06-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Gebrochen und lebensmüde wie ein Greis mit schwerem trüben Sinn war er gegangen, jene Stätte aufzusuchen, welche der Fluch seines Daseins, der nagende, bitterste Schmerz seiner Seele war. Das plötzliche Zusammentreffen mit einem Wesen, das ihm früher selbst dem Namen nach unbekannt geblieben, genügte nicht nur, eine andere. Stimmung in ihm zu wecken, sondern ließ ihn auch Grnndiätze fasten und zur Ausführung bringen, an diezwar sein schwaches, bethör-, tes Her-, sein unentschlossener Charakter mehrfach gedacht , aber immer nur bei dem Gedanken geblieben war und niemals zur Dhat gereift hatte. Aber auch äußerlich hatte er sich in den wenigen Stunden zu seinem Vortheil verändert. Die Starrheit und Leblosigkeit seiner Züge, der krankhafte Ausdruck seines Gesichtes, der den tiefen Seelenschmerz verricth. der bittere Zug um seinen Mund, das hohnvolle Lächeln, welches um seine Lippen zuckte, der düstere, wilde Glanz, der aus seinen Augen leuchtete, welche seinem Antlitz so viel Unheimlichkeit und Unangenehmes gaben, waren gänzlich verschwunden. Statt dessen waren seine Züge sprechend und belebt, ans seinen Augen blitzte Energie und Selbstbewußtsein, um seine Mundwinkel spielte ein mildes, sanftes Lächeln, welches dem ganzen Gesichte einen weichen, gewinnenden Ausdruck verliehen und von dem Seelenfrieden und der inneren Harmonie redete. Dem Portier des Hotels, welcher berbcigecilt war, um den Schlag des vorfahrenden Wagens zu öffnen / blieb vor Uebcrraschung der ehrfurchtsvolle Gruß, den er für den Amtsrichter in Bereitschaft hatte, in der Kehle stecken und er vergaß den Schlag wieder zuznmachen. Erst durch den Zuruf des Lohnkutschers: „Heda, Nachbar, warum so vergafft!" — kam er wieder zu sich. Und hat man sich etwa darüber zu wundern? Erst gestern, als der Amtsrichter seinen Namen in das Fremdenbuch eintrug, mußte er über den sonderbaren, finstern Amtsrichter seinen Kopf bedenklich fchüttteln. „Brrr! es graust ja einem ordentlich" — hatte sich der ehrwürdige Thürhütcr zum Oberkellner geäußert — „diesen finstern Mann anzuschanen! Düsterer und drohender können selbst die Blicke des leibhaftigen Gottseibeiuns nicht sein. — Laß sehen," — sagte er, iitbem er in dein Fremdenbuch blätterte — „was sein Beruf ist. Ach du mein Göttle!" — schrie er laut auf— „was, Amtsrichter ist er! — Brr, möchte mich doch sehr hüten, in seine Hände zu gcrathen k Der Tenfelsmensch könnte durch seine Angen mehr erzwingen als Folter und Tortur cs vermöchten! Brr, beneide die Spitzbuben nicht, die vor ihm ans der Anklagebank sitzen!" Nun mußte der arme Portier erleben, daß der vor wenigen Stunden in seiner ganzen schreckhaften, finstern Gestalt ausgegangene Amtsrichter als lebensfroher, seelenvergnügter Mann zurnckgekehrt ist. „Brrr, mit natürlichen Dingen ist cs nicht zugcgangen!" —machte sich der Portier Lust und murmelte leise ein Vaterunser. Unterdessen gelangte der Amtsrichter in feinem Zimmer an und riegelte die Thür von innen zu. Er warf seinen beschmutzten Rock, der die Spuren seines Glückes an sich trug, ab und vertauschte denselben mit einem bequemen Hausrock, ließ sich anj's Sopha nieder und träumte mit offenen Augen. Er sah sich an der Seite eines schönen, edlen Weibes; ihr sanftes, stilles Wirken und Schaffen für das Glück und die Wohlfahrt der Familie erfüllte ihn mit der reichsten Fülle der Glückseligkeit. Ein Lackeln von diesen süßen Lippen verscheuchte jede dunkle Wolke aus seinem Gemüth und erfüllte ihn mit Heiterkeit. Es ist Sabbat. Er kommt ans der Synagoge, sein geliebtes Weib kommt ihm mit strahlendem Lächeln auf dein Gesichte entgegen und bietet ihm den Sabbatgruß. Mit freudig gehobener Stimmung betritt er die sabbatlich geschmückte Stube und bleibt überrascht auf der Schwelle stehen! — O, welche Pracht und Herrlichkeit offenbarte sich da seinem Blicke! Welch häusliches Glück, welcher Familicnfrieden herrschte in diesen Räumen! Wo nur hatte er schon einmal dieses Bckd des ungetrübten Glückes gesehen? Wo nur hatte ihn dieses Wirken eines echt jüdischen Weibes mit derselben Begeisterung erfüllt? — Ja, solch* ein jüdisches Leben mit einem echt jüdischen edlen Weibe? — Ein. eigenartig nie gekanntes Gefühl durchrauschte sein Inneres und heilige Stille, die den Lauf seines Herzblutes in's Stocken brachte, umsing ihn.- Solch' ein echt jüdisches Familienleben, solch'ein echt jüdisches Weib-wie?-- wo hatte er dieses Bild gesehen?-wie? —-ja wie? — —--wie seine Mutter!- — Er sprang auf und breitete seine Arme weit aus und umschlang-den Fenstervorhang. - (Fortsetzung folgt.) In der nächsten Donnerstag erscheinenden Nummer beginnt die VerSffentlichuttg der PreiS-Novette. Hierzu zwei Beilagen nebst Titel nnd Inhalts - Verzeichnis WmuitwtHlIl.V R.'i'-rcti»,,: l>r. ü^mau« tu Mainz. — Bering und (5«?fbttiou be« .Israelit* große Bleiche 45. Hol 1 Lieben'rButlchruckerei ,Mainzer Anz«iaer>. r