Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1884)
- Date
- 1884-06-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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863 Geschieht so etwas, dann mögen diese Zeilen Ihnen zur Rechfertigung dienen. Frankfurt, 1. April 1827. Börne. Lieber Freund! Jetzt da ich das Gemälde in meinen Händen habe, lache ich Sic ans. Sie haben cs um eine Million weniger fünf Carolin zn wohlfeil hingcgcbcn. Eine halbe Million rechne ich für den Stoff des Bildes, eine halbe für die Arbeit daran. Aber Sie brauchen sich darum nicht zn schämen. So bescheiden war ich auch in meiner Jugend, aber das verliert sich, und man lernt endlich sich schätzen und überschätzen, wie Sie an mir sehen. Vielleicht fiitb Sie begnadigter als. Andere.und lernen cs nie. Horchen Sie meiner Weisheit! Reichthum ist ein Fels, Arinuth eine Sandbank des Lebens. Vor der letzter» kann uns eigene Kraft bewahren, vor dem andern nur Gottes Gnade. Er schütze Sic. Es ist ein Fluch im Gclde. Danken Sie mir, daß ich Ihnen so mäßig geflucht. Ihr Freund Börne. Posen. Wieder hat die hiesige Gemeinde einen Verlust erlitten, der schmerzlich empfunden wird. Am 13. d. verschied plötzlich Herr Nathan Hamburger., In ihm verlieren wir einen echten n-nr/ber immer, wo cs galt, die Interessen des wahren Judenthums zu verfechten, mit thätig eingriff, ohne viel Rühmens davon zu . machen. Er war Vorsteher mehrerer wohlthatigen Anstalten und wußte sich durch seinen schlichten biederen Charakter die Achtung seiner Amtsgenoffen und durch die Milde seines Wesens die Liebe der Armen zu erwerben. Rührend war cs zu scheu, wie sich ein blinder Greis, ein Pflegling der Latz'schen Kranker-anstalt, deren Vorsteher Herr H. mehrere Jahrzehnte hindurch war, führen ließ, um dem Heimgegangenen die letzte Ehre zn erweisen. Herr H. war Mitbegründer des Lokal-EomitLs der Alliance am hiesigen Orte und immer eifrig bemüht, im Publikum Jntcreffe für diesen Verein zu erregen. Richtig und treffend hob unser verehrter Gemeinde- Rabbiner, Herr Dr. Feilchcnfeld, in der Leichenrede hervor, „der Mann hatte keine Bescheidenheit, hatte keine Wohlthätigkeit, er war bescheiden, er war wohlthätig." Solche Männer können immer zum Muster dienen. Einfach und anspruchslos für sich und sein Haus, aber energisch und warmen Herzens für unsere heilige Religion und das wahre Menschen- Ihum. — eh.— Oest.-Ungar. Monarchie. Pretzburg, 22. Juni. Der im l. Bez. der Stadt Prcßburg znm Abgeordneten gewählte Minister für Eutins und Unterricht, August v. Tröfort, hat heute vor seinen Wählern eine bcmertenswerthe Pro- .grammrede gehalten. Den Antisemitismus berührend sagte er folgendes: „Ich werde auch von den Juden und.den confcssionellen Verhältnissen sprechen. , Das Jndenthum ist eine der bedeutendsten welthistorischen Erscheinungen, lieber die West zerstreut übte cs, der Eivilisation der Völker entsprechend, ans dieselben eine verschiedenartige Wirkung ans. Vom Grundbesitz und vielen andern Bcrufsgattnngcn ausgeschlossen, waren die Juden gcnöthigt, . sich ausschließlich mit Handel und Geldgeschäften zu bcschäf-. tigcn. Als dann der moderne Staat aus Grund der Gleichberechtigung organisirt wurde, verstand cs sich von selbst, daß man die Juden mit denselben Rechten bekleiden müsse, welche die christlichen Landes- . bürger - besaßen. Ob die sogenannte Emancipatiou der Juden dem Lande und dem Judenthnme selbst zum Nutzen gereichte? Ich zweifle nicht, daß dem so ist, allein Verhältnisse, welche Jahrhunderte hindurch be» standen, verändern sich nicht mit einem. Schlage in Folge legislatorischer Maßnahmen. Ein Gesetz ist rasch anders gemacht, jedoch die Menschen mit ihren Neigungen und Gewohnheiten gestalten sich nur langsam um. Allein der Proccß der Annäherung und Assimilation ist in Fluß gcrathcn und er wäre rasch, fortgeschritten, wenn der' Antisemitismus nicht dazwischen gekomnicn wäre. Dieser ist eine geistige Krankheit, welche nur böse Folgen hat und haben kann, denn der Antisemitismus ist keine Bewegung gegen eine Rare oder Eorrfesswn gerichtet — diese, dient nur zum Vorwände — das Ziel des Antisemi' tismus ist cigemlich die Revolution und der Socialismus oder vielmehr Kommunismus — das Land in steter Aufregung zu erhalten und die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung zu untergraben. Hiezu ist nichts mehr geeignet als der Antisemitismus, welcher das Vermögen mib Eigcnthnm bedroht. Ein solcher Angriff beginnt aber bei dem Dorf-Branntwein-- schcnker Herschko oder Jczig, um sich bis zum Fürsten Eszterhazy oder dem Primas von Ungarn sortzu- / pflanzen. Was ist zu thun, um den Antisemitismus aufhören zu machen? Die Legislative kann in dieser Beziehung wenig thvn, die Exekutivgewalt aber Alles, indem sie, wo es nöthig ist, die Inden gegen die Ausschreitung des Volkes vertheidigt, Aufreizungen und Reden gegen Besitz und Eigenthnm nicht duldet, und indem andererseits unter den ungebildeten Juden jene Kultur verbreitet wird, die das wirsamstc Gegenmittel gegen den Antisemitisnms ist. Am weiften können jedoch gegen den Antisemitismus die gebildeteren und vermögenderen Klassen