Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1884)
- Date
- 1884-06-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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785 gottesdienste versammelte sich jung und alt, sowie auch alle geladenen christlichen Honorationen der hiesigen Stadt und des Bezirkes vor dem innen wie außen herrlich geschmückten Gotteshause, von wo um 9 Uhr die Gemeindealtesten mit Tharorollen unter dem Baldachin und dem anschließenden Zuge zur Wohnung der Spender sich begaben. Der Gemeindevorstand, der im Gemeindesaale sich versammelte, schloß sich im Vorübergehen mit dem Rabbiner an der Spitze diesem Zuge an. In der Wohnung angelangt recitirte der Kantor mit herrlicher Stimme Psalm 132, worauf der Rabbiner, H. Dr. A. Diamant, eine weihevolle Ansprache an die Spender richtete. Bezugnehmend auf düs Stufenlied: irr L2 DTix roter D’jn .121 jb dd nn entrollte er ein herrliches Bild der brüderlichen Eintracht, des freundschaftlichen Zusammenlebens und Wirkens. Das edle Brüderpaar Moses und Aaron vor die Seele führend, zeigte-er, wie Moses die Salbung zum Hohenpriester an seinem Bruder Ahron vollzog, ohne Neid und ohne das geringste. Verlangen, auch dieses hohe Ehrenamt mit dem seinigen zu vereinigen und wie ferner Aaron der ältere, sich dem jüngern Moses in der Führung des jüdischen Volkes unterordnete, ein herrliches Muster brüderlicher Eintracht! sollte uns aber dieses Ideal unerreichbar scheinen, so führt uns der Dichter ein anderes Bild zur Nachahmung vor die Seele. Der Berg Hermon thront weit im Norden des Reiches, seine Spitze reicht gen Himmel und ist stets von Wolken umgeben, bescheiden hebt sich der Zion im Süden empor, nichts destoweniger erinnert sich der Riese im Norden seines jüngern Bruders im Süden, um ihm auch den Thau des himmlischen Segens zuzusenden, und er thut dieses um so eher und lieber, weil ja nach Zion die Sehnsucht aller Gläubigen gerichtet ist, der Stätte, wo die Herrlichkeit Gottes thronen soll. Wenn nun der heilige Sänger uns dieses Zusammenwohnen besonders hervorhebt durch das eigenthümliche nrp m, so will er damit anzeigen, es genügt nicht, wenn man sich nur zu geschäftlichen Unternehmungen verbindet, sondern man möge auch verbunden sein, in Sachen der Wohlthätigkeit, Milde und Barmherzigkeit. Mit der Aufforderung zur gemeinsamen Vereinigung, welche in der Jetztzeit besonders noth thut, schloß er mit der Bitte, Zion's, der Lcbensquelle Israels nie und nimmer zu vergessen. Sodann setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Der Chor intonirte das H2V1 ww. Vor dem Tempel angelangt, ergriff Hr. Gemeinderath Herzog das Wort, um in inhaltsreicher Rede im Namen der Gemeinde den Dank für dieses herrliche Geschenk auszusprechcn. Beim Betreten des Gotteshauses wurde wiv no gesungen, beim Oeffnen der Bundeslade Q'iznv ikbt, sodann übernahm der Hr. Rabbiner die neue Thorarolle und ertheilte den Spendern den Segen, hierauf wurde als Schlußgebet Psalm 150 gesungen, worauf der Rabbiner die Kanzel bestieg, um die eigentliche Festrede zu halten. Anknüpfend an die Talmudstelle in Menachoth pwn p nffo npbn, suchte er nachzuweisen, wie alle große jüdischen Lehrer späterer Jahrhunderte bestrebt waren, die wissenschaftlichen Erfahrungen ihrer Zeit den Wahrheiten der heiligen Schrift unterzuordnen. Besonders ist dieses vortrefflich ro»pj; 'i gelungen, von dem uns erzählt wird, als er in das Paradies (dtid) der Wissenschaft einzog oit>KQ «Bi oftBO djdj. Dieser kräftige Geist, dieser onn ipiy, war durchaus unberührt geblieben, von den Influenzen der damaligen philosophischen Lehren; die philosophische Spekulation hatte seinen Boden nicht zu unterwühlen, seinen Standpunkt nicht zu verrücken vermocht. Darum nrr', diese Charakterfestigkeit ist es auch, welche uns' der Talmud Menachoth 30 so schön glorificirt iu vi.ivb ntpo rojueo, beim Rabbi Akiba war es, der die Buchstaben der Thora. mit den Kronen der Wiffenschaft schmückte, das freundschaftliche und geschwisterliche Verhältniß zwischen Religion und Wiffenschaft herznstellen bestrebt war und auch herstellte. Durch diese. Excursion wäre nun der Sinn, der Anfangs angeführten Talmudstelle folgender: Wenn Jemand eine Gesetzesrolle am Markte kauft, das will sagen, wenn Jemand seine religiöse Ueberzeugung nur als Ucberlieferung von seinen Eltern hat, der hat nur das Verdienst momentaner Frömmigkeit; so lange er im Kreise weilt, wo noch religiöserSinn und religiöse Begeisterung herrscht, so lange kleidet er sich in den Mantel der Heiligkeit; kaum aber hat er auch diesen Kreis verlassen, so wirft er auch diesen Heiligenschein ab, und reißt wie lirr die edlen Pflanzungen der Religion, die er vonlseiner Jugend gehegt und gepflegt, mit rauher Hand aus seinem Herzen; wer aber eine Gcsetzesrolle selb st schreibenläßt, d. h. wer die Wahrheiten der Religion durch eigenes Forschen und Denken sich angeeignct, der hat das Verdienst, als hätte er selbst am Sinai begeistert ausgerusen y22Ui htpp. Mit der Aufforderung in diesem Sinne zu handeln, besonders Religion und Wissenschaft in den Herzen unser Kinder, der künftigen Generation, zu verpflanzen, die Worte der Thora ihnen klar zu machen, schloß dieser eben so geistvolle, wie logisch durchdachter Vortrag, der auch nicht verfehlte, einen tiefen Eindruck bei den dicht gedrängten Zuhörern zu hinterlaffen. Mit der Vorlesung ans der neuen Thora, wobei es an zahlreichen Spenden für die hiesigen Ortsarmen nicht fehlte, und mit dem Verrichten des Mussaphgcbctes, schloß die eben so erhebende, wie von echt jüdischem Geiste durchdrungene Feier. Nachmittags beim Banquette im Hause der Spender fehlte es nicht an höchst witzigen und gelungenen Toasten. Möge dieses schöne Beispiel auch