Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1884)
- Date
- 1884-06-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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kehrte nach dem Bahnkörper zurück. Dieser war unterdeß freigemacht worden, und ein Zug stand bereit, um die Passagiere des Courrierzugs weiter zu befördern, und so trat Liffauer die unterbrochene Reise wieder an. Auf der nächsten Station war wiederum ein längerer Aufenthalt. Hier konnte August seinen Koffer erhalten und seine beschmutzten und zerrissenen Kleider mit andern vertauschen. Unterdeß hatte der Telegraph die Kunde von dem stattgehabten Unfall durch die ganze Welt getragen. Zugleich mit dem Extrablatte, welches die Unglücksbotschast begleitete, erhielt Solinger einen Brief seines Stiefsohnes, der ihn vermuthen ließ, daß August sich in jenem Zuge befunden habe. Er beschloß, sofort nach der Unglücksstätte zu fahren. Er eilte aus dem Geschäfte nach Hause. Seine Frau -trat ihm entgegen. „Um des Himmelswillen"> rief Friederike, „wie siehst Du aus! Es ist doch nichts passirt?" „Gar nichts", antwortete Solinger, „was Dich beunruhigen könnte. Ich muß nur in Geschäftsangelegcnheiten sofort verreisen." ' „„Hast Du keinen Brief von August?"" „Doch. Hier ist er. Er zeigt uns seine baldige Ankunft an." In diesem Augenblicke ertönte der schrille Ruf eines Zeitungsknaben: „Allerneuste Depesche! Großes Eisenbahnunglück!" „O Gott", schrie Friederike, „August war in dem verunglückten Züge, und Du willst nach der Unglücksstätte fahren! Ich bitte, ich beschwöre Dich, verhehle mir nichts!" „Es ist so." „„Daß Gott erbarm! Ich fahre mit Dir!"" „Es ist keine Zeit zu verlieren; ich muß sofort nach dem Bahnhofe laufen!" „„So laufe ich mit Dir!"" Unb sie lief, wie sie war, ohne Hut und Mantel zur Thüre hinaus und durch den Vorgarten auf die Straße. Solinger folgte ihr. Eine Droschke fuhr vorüber; Solinger rief sie an; sie war leer. .. „So, Friederike, jetzt haben wir eine Viertel Stunde länger Zeit," sagte Solinger. „Kehr' in's Haus zurück und ziehe Dich an." Friederike that also; aber sie zitterte so sehr, daß sie, nachdem sie die Pantoffel abgeworfen, die Schuhe nicht anziehen konnte. Das Dienstmädchen kam ihr zu Hilfe. Dann nahm sie rasch Hut und Mantel und flog auf die Straße, wo die Droschke hielt. Solinger hob sie hinein, und fort ging es, dem Bahnhof zu. Die beiden Leute sprachen kein Wort. Angst und Besorgniß erfüllten die Herzen und lähmten die Zungen. Als Solinger am Bahnhof die Billette löste, sagte ihm der Eaffierer, daß der abaehendeZug eine halbe Stunde Verspätung habe. Es müsse erst ein Zug abgewartet werden, der von der Unglücksstätte komme. Die beiden Gatten'gingen auf dem Perron hin und her. „Vielleicht", sagte Solinger, „bringt uns der ankommende Zug Nachricht vom August." „Vielleicht", antwortete Friederike. „Gebe der allgütige Gott, daß cs gute fein mögen!" Der ankommende Zug wurde gemeldet. Die schrecklichsten Bilder traten vor das geistige Auge der besorgten Mutter. Wenn der Zug nun hielt, und man würde ihren Sohn als Leiche oder verstümmelt heraustragen! Sie fing an heftig zu weinen. Ihrem Beispiele folgten Andere, die mit ähnlichen Gefühlen der Ankunft theurer Verwandten entgegensahen. Da fuhr der Zug ein, und der Erste, der heraussprang, war August Liffauer. Mit lautem Aufschrei stürzte ihm Friederike entgegen, und in den Armen lagen sichMutter und Sohn, beide lautweinend. Auch Solinger mußte die Thränen trocknen, die ihm die Wangen hinunterliefen. „Gelobt sei Gott," sagte er, „der Dich beschützt unb gerettet hat. (Forts, folgt.) Räthsel. Du grüßest mich mit frohem Sinn, Wenn Nebel Dich nicht necken. Brauchst Du mich, sitzst Du froh bei mir, Gibt's einen kleinen Schrecken. Simon Servos. Anstosnng erfolgt in Nr. *19. Die Namen der richtig Lösenden werden, wenn uns solche bis längstens Dienstag Vormittag den 17. Juni zugegangen, in der folgenden Nummer veröffentlicht. Auflösung des Näthsels aus Nr. 44 u. 45: rY^sn „Gebet". Die Fortsetzung der Erzählung „Aus dem Leben eines orthodoxen Rabbiners" erschemt in der nächsten Nummer. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des Israelit" gr. Bleiche 4L. I. Gottsleben'L Bnchdrnckerei (MainzerAnzeiger).