Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1884)
- Date
- 1884-06-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449450--20286-2509892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Mohel 1× ep/1006163
OCR text
779 Courier. Jedenfalls hatte cs Behrendt auf' den „rituellen Mord" abgesehen. Behrendt ist eine mittelgroße, gedrungene Gestalt, mit röthlichem Gesicht, aus dem ein Paar stechende Augen unheimlich hervorlcnchten. Gin mißtrauisches, schielendes Ausflackern des Blicks, wenn sich der Mann unbeachtet glaubt, verbessert natürlich keineswegs den Eindruck, den man erhält. In dem gebrochenen, scharf accentuirtcn Deutsch der dortigen polnischen Bewohner versicherte er vor der Verhaftung bereits, daß er eine Injnrienklage gegen Diejenigen eingereicht habedie sich nach dem Morde bei ihm erkundigten. Heute sind selbst solche Kombinationen und Judicien um so charakteristischer, als B. keine Jnjurienklage erhoben hatte. Zeitungsnachrichten und Eorrefpondeuzen. Deutschland, Frankfurt a. M., den 9. Juni. Ein unabsehbarer Trauerzug bewegte sich heute dem israelitischen Friedhofe zu. Schon der bloße Anblick der nach vielen Hunderten zählenden trauernden Menge mußte den Gedanken erwecken, daß die sterblichen Ueberreste einer allgemein geachteten und beliebten Persönlichkeit der letzten Ruhestätte zugetragen werden. Herr Wolfgang Niederhofheim v,lh Sohn des in den weitesten Kreisen rühmlichst bekannten Rabbi Benjamin Niederhofheim j, ist im noch nicht vollendeten vierzigsten Lebensjahre dem Kreise seiner Familie und seinen vielen Freunden durch den Tod entripen worden. Es \cax herzerschütternd, als der greise Vater an der Bahre des geliebten Sohnes die Klage um den Verlust des Lieblings seines Herzens erhob. „Mein Sohn, mein Sohn," jamnlerte der Vater, „Du warst der Besten einer, alle Welt liebte und ehrte Dich! Und Du hast es in so hohem Maße verdient. Dein Leben war mit edlen Thaten ausgcsüllt; Du erbarmtest Dich der Waisenkinder und ließest sie mit Sorgfalt erziehen. Du bemühtest Dich um die Ausstattung armer Bräute, und nahezu 900 Kinder hast Du durch die Beschneidung eingeführt in den Bund unseres Vaters Abraham. Und Du mußtest sterben in noch jugendlichem Manucsalter! Doch fern sei es von . mir, mit Gott zu rechten! Gerecht ist der Ewige in allen Seinen Wegen und liebevoll in allem, was Erthut!" Während der würdige Greis sprach, erhob sich ein allgemeines Jammern und Wehklagen; fein Auge blieb thränenleer. Wir wollen den Worten des schmerzerfüllten Vaters nur noch Weniges hinznsügen. Der Heimgegangene war nicht allein ein vorzüglicher Mohel, sondern er widmete sich auch diesem wichtigen Berufe init der größten Hingebung und Opferfreudigkeit. Wenn in einem entlegenen Dorfe eine Beschneidung vorzunehmen war, so brachte er oftmals drei Tage, wenn Sabbat und Feiertage nebeneinander waren, dort zu, manchmal sogar der gewöhnten Kost entbehrend, wenn die Schechitahveryältnisse nicht so ganz zuverlässig wären. Daß er dieser heiligen Pflicht mit der größten Uneigennntzigkeit nachkam, bedarf wohl kaum der Erwähnung.— Möge der allgütige Gott der trauernden Wittwe, den verwaisten Kindern, den schwergeprüften Eltern, den schmerzerfüllten Geschwistern des Heimgegangenen, Trost senden in ihrem schweren Leid. Du aber, uns so früh entrissener Freund, mögest eingehen in die Wohnung der Seligen; die Herrlichkeit Gottes möge Dich aufnehmen! ■— .n"yWn Oesterr.-Ungar. Monarchie. . Wien, 2. Juni. Gestern ist in Baden bei Wien einer der verdienstvollsten und bekanntesten Vertreter der österreichischen Industrie, Herr Adolph Pollak Ritter v. Radin, Chef der Firma A. M. Pollak, in Folge eines Schlagansalles im 68. Lebensjahre plötzlich gestorben. Er hatte das Verdienst, die Zündwaaren-Fabrikation in Oesterreich auf eine so hohe Stufe der Vervollkommung gehoben zu haben, daß seine Erzeugnisse auf dem Weltmärkte die Concurrenz mit allen ausländischen Produkten siegreich behaupteten und bis in die entferntesten überseeischen Länder exportirt wurden. Er hat das österreichische Zündhölzchen zu einem Artikel des Welthandels gemacht, und durch die Etiketten seiner Zündhölzchcnschachtcln ist sein Name in Nord- und Südamerika, wie in Australien, China und Japan populär und wohlbekannt geworden. Einen nicht minder ehrenvollen Ruf erwarb er sich aber auch durch seine Humanitären Werke und Stiftungen, denen er große Summen seines Vermögens widmete. Pollak war im Jahre 1817 in Wscheraditz (Bezirk Horzowitz) in Böhmen geboren worden und wendete sich schon als junger Mann auf Grund sorgfältiger Vorstudien der technischen Industrie zu. Noch nicht 20 Jahre alt, gründete er im Jahre 1836 in Prag eine Zündwaarenfabrik, die einen so günstigen Aufschwung nahm, daß er schon im ersten Deccnninm ihres Bestandes nach dem Orient exportiren konnte. Er errichtete ferner 1816 eine Niederlage seiner Fabrikate in London, 1847 eine solche iu Newyork und begann 1849 seine Zündwaaren bis nach Californien zu sen-