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Der Israelit · 1884-06-12 · Heft 47 (12.6.1884) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 47 (12.6.1884)
Date
1884-06-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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777 in Berlin einführte, und daß durch sein Gutachten der Sohn den Fehler des Vaters wieder gesühnt hat.; Das Gutachten des in musikalischen Kreisen 'j hochberühmten 8. Naumbourg, Ministre officiant : du Temple consistoriale zu Paris, befindet sich in J seinem 1874 erschienenen „Rccueil de Chants“ Seite; XL und lautet im Auszuge: „Eine andere mißliche Neuerung (innovation „fäelieuse) ist die Einführung der Orgel in vielen „Synagogen. Ohne Zweifel ist die Orgel ein unvergleichliches Instrument, cs schließt eine ganze „musikalische Welt in sich; aber für unsere Tempel „ziehe ich den Chorgesang vor. Die Orgel kann „sich unseren Gebeten und unseren traditionellen „Weisen nicht anschließeu, ohne ihren Reiz zu „zerstören. Die sich immer gleichbleibcnde Har- „monie und das geschleifte Spiel, welche ihr „allein entsprechen, vereinigen sich nicht mit dem „freien Flug unserer Melodien. Viele Kirchen- „väter sind streng.gegen dieses Instrument gewesen, es fand nie Eingang in die päpstliche „Kapelle zu Nom und die Donicapitel von Sens „und Lyon hatten sie im Jähre 1789 noch nicht . „cingeführt*). Die Orgel wurde von diesen Dom- „capiteln erst später eingeführt, als Napoleon I. „den katholischen Eulins in Frankreich wiederher- „gestellt hatte. Die orthodoxe griechische Kirche im „Orient wie auch die russische' Kirche duldet gar „keine musikalische Begleitung für ihre Gesänge." „Gott, der den Menschen geschasten, hat ihm „auch das vollkommenste Instrument verliehen, „welches es überhaupt in der Natur gibt. Es ist „dies die menschliche Stimme, durch welche das „Geschöpf die Lobgesänge des Schöpfers verkünden „und singen soll." Die Abhandlung schließt nach einer eingehenden Anleitung für Chorgesang mit den Worten: „Die Orgel ist also vollständig unnütz in unserer Synagoge."' lieber Sulzer's Stellung zur Orgel, bin ich nicht genügend informirt. Sie war cs eigentlich, die unsere Discussion veranlaßt hatte. Die „Jllustrirtc Zeitung" brachte nämlich vor einigen Wochen zu Sulzers LOjährigcm Geburtstage (30. März) dessen Bildniß begleitet von einigen biographischen Notizen und verschiedenen Bemerkungen über den jüdischen Tempelgesang, von Hanslick, deren Nichtig feit mein Freund bestritt. Hanslick charakterisirt Schir Zion (Zionsgc sänge) unter Anderem durch folgende Bemerkung: „Die Gesänge sind, wie cs der Ritus vorschrcibt, durchaus vocal, ohne Instrumentalbegleitung und werden vom Cantor theils allein, theils gemein *) D'Ortiguc Dictionnaire de Plaiii Chaut. Art. Orguo. fam mit dem Chor vorgetragcn. Letzterer ist ein geschulter Sängerchor von Männern und Knaben. — — Einige Chöre hat Sulzer mit Orgelbeglcitnng versehen und damit thatsächlich gegen allzu orthodoxe Stimmen für das Recht der Orgel in der Synagoge plaidirt." Aus diesem Satz folgerte mein Freund — vor einer Bekehrung — Sulzers Sympathien für die Drgel. Ich sagte mir dagegen, ein Mann von der ünstlerischen Genialität Sulzers muß die Bedenken gegen die Verwendung der Orgel für den Gottesdienst besser als irgend ein Anderer kennen und theilen. Ich verwies auf die auch von. Hanslick constatirte Thatsache, daß in der Wiener Synagoge unter Sulzers Leitung nur ein Männer- und Knabenchor fnngirte, und daß ein Orgelblascbalg sicher nicht die Wirkung hervorgebracht hätte, von dem z. B. Lißt schreibt: „Ich habe ein einziges Mal Gelegenheit gehabt, eine Ahnung von Dem zu empfinden, was cme jüdische Kunst werden könnte, wenn die Israeliten alle Intensität des in ihnen lebenden Gefühls in Formen ' ihres eigenen Geistes kundgäben." Diese Aeußerung bezog sich, wie dort angegeben, ans Sulzer, den Lißt in der Synagoge, der er als Cantor Vorstand, eine seiner Compositiouen singen hörte. „Selten habe ich," bemerkt Lißt in seiner blumenreichen Sprache, „eine so überwältigende Erschütterung aller Saiten der Gottesvcrchrung und der menschlichen Empfindung erlebt, als an diesem Abend, wo beim Schein der den Plafond gleich Sternen übersäcnden Kerzen ein seltsamer Chor anhob von dumpfen, gutturalen Stimmen; als wäre jede Brust eine Kerkerzelle, aus deren Tiefen sie sich emporrangen, um dem Gott der Bundcslade in Elend und Gefangenschaft zu lobsingen; ihn im festen Glauben anzurufcn, voll der Gewißheit einstiger Erlösung aus endlos langer Sclaverei, einstigen Entrinnens ans diesem verhaßten (?) Lande, einstiger Wiederkehr in ihr Königreich vor den Blicken der entsetzten Nationen mit einem Triumphe voll unvergleichlicher Pracht. Beim Aussprcchen dieser hebräischen Worte glaubte mau dunkle Blumen sich von ihren Stempeln erheben und ihre klingenden Kelchblätter in die Lüste verstreuen zu sehen; diese rauhen Töne, schimmernden Diphtonge und knitternden Endungen durchschwcbten den Raum und streiften wie mit leckenden Fenerzungcn den Raum . . . Man glaubte die Psalmen wie die Geister des Feuers, über sich schweben zu sehen, die dem Fuße des Höchsten als dienende Stufe sich neigen. - Dünn entrollten majestätische, siegfrohlockcnde Klänge, das Schauspiel der ganzen ° Kraft des Gottes Abcl's und Noah's, Jsaak's und Jakob's und cs war-nnmöglich, nicht mit allen Sym-

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