Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1884)
- Date
- 1884-06-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449449--20265-2509870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXV. Jahrgang. Beilage za Ur. 46 -cs Israelit. Leitender Artikel. Der „rituelle" Word in SKurz. (Zn historischer Dcleuchtuug.). ' '." IL Volk bei Sturz sagen, dem die geistige Mittelmäßigkeit in den matten Augen, in dem stumpfen Gesichtsausdruck anzuschen ist, ganz zu schweigen von der Branntweinmelancholie, welche die untere Volksklasscn leicht zu solchen aufregenden Beschuldigungen gelangen läßt. Die Methode der antscmitischen Negiffeure, wie sie vielleicht auf dem letzten Dresdener Kongreß der ^Mnnee-intbnMonale antiMve neuerlich vereinbart worden ist, jedes Vergehen, bei dein nur irgendwie ein Jude mit hineingezogen werden kann, gegen die Gesammtjudenheit auszubeuten, ist klar neuerdings wieder in den Hetzereien der westpreußischen Zeitungen anläßlich des Skurzcr Mordes hervorgetreten. Ist es doch noch nicht so lange her, daß Herr Henrici, die Stellung der Synagoge unter Polizeiaufsicht verlangte. Kein Wunder, daß kaum, als die Wundermär vom Skurzer Mord nach Berlin gelangte, die antisemitischen Zeitungen sich der noch in den ersten Stadien der Voruntersuchung schwebenden Angelegenheit für ihre Zwecke bemächtigten. „Ist es schon Wahnsinn, — Hat cs doch Methode." Neustettin, schließlich die glänzende Freisprechung der Juden mit solennen ExcE«l M feiern genöthkgt, hat doch der antisemitischen Agitation, die für die letzten Ostern kein Balta mchr ermöglichen konnte, theilweisc gute Dienste geleistet; Nenftettm bietet jetzt nur noch .Kleinigkeiten, wie die vom Staatsanwalt gegen den Kaufmann Flater eingelegte Berufung beweist und bald wird erwiesen sein, daß doch der Jude nicht die Steine geworfen hat, — da mußte Sturz heran. Jetzt schweigen die Herrn aud) von Sturz, das sich als sehr — anrüchig herausstcllt und brüten wahrscheinlich schon eine neue „Affaire" ans. Doch unterschätzen wir selbst bei solchen Ersindungen, deren ganze Jammerbarkeit für den intelligenten Menschen auf den ersten Blick ersichtlich ist wie z. B. die Geschichte von dem jüdischen Referendar, der Herrn v. Putlitz aus der Welt geschafft haben sollte, die agitatorische Wirkung auf die Massen nicht. Darin sind unsere Verthcidiger zu anständig, möchte man nicht gerne sagen, also zu sehr Ideologen, daß sie den finstern Geist, dem noch die Volksbildung kaum genaht ist, als unmächtig unterschätzen. Wenn selbst Rohlings Blutbeschuldlgungs-Werklein gekauft, gelesen und geglaubt werden, was soll man dann etwa von dem unwissenden Land- Moses Mendelssohn sagt in seiner 1782 erschienenen Vorrede zuManasseh ben Israel „Rettung der Juden": „Selbst die Auskärung unserer besseren Tage erstreckt sich noch lange soweit nicht, daß die gröbsten Anklagen ohne Wirkung sein sollten. Es ist nicht lange her, daß die Judenschaft in Pos en beschuldigt wurde, sie hätten ein Christenkind zum Gebrauche der Osterfeier ermordet. Zwei fromme Rabbiner wurden als Häupter der Gemeinde vor Gericht gezogen, eingekerkert, nach der dortigen Halsgerichtsordnnng gemartert. Barmherziger Gott! und die Männer waren so unschuldig an der Ermordung des Kindes, wenn ja eine Mordthat begangen worden, woran noch sehr zu zweifeln ist, — so schuldlos, als ich und meine Leser es sind. Ich habe so manche einsichtsvolle und sonst nicht unbillig denkende Christen aus Polen und andern katholischen Ländern gesprochen, die sich noch immer von diesem Vornrthcile wieder meine Mitbrüder nicht völlig los machen konnten. Sie berufen sich immer auf die gesetzmäßige Form, nach welcher Prozesse dieser Art so oft geführt worden sind, auf die Unbescholtenheit der Richter, die sie geführt haben n. s. w. . . . . M. Mendelssohn deutet hier etwas an, was selbst in neuerer Zeit die Köpfe billig denkender Männer verwirrt. Selbst wohlmeinende Israeliten in einflußreicher Stellung haben sich für verpflichtet erachtet, anläßlich der ersten gerichtlichen Verurtheilnng die angeklagten Juden für die Brandstiftung der Synagoge schuldig zu erachten. Eine kaum glaubliche Verirrung, die wir jedoch, als Augenzeuge des Prozesses, bestätigen können. Ist es nun nicht ebenso evident, wenn'wir nicht auch noch privatim über dielen wichtigen Umstand oricntirt worden wären, daß der Untersuchungsrichter in Pr. Stargard keuie unbefangene Person gewesen sein kann, da er fünf Monate lang (mit der antisemitischen Zeitung des Ortes einer Meinung) die richtigen Spuren nur nicht sah, das wollen wir ihm nicht so übel nehmen — sondern auch den Verdacht gegen die unschuldigen