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Der Israelit · 1884-06-09 · Heft 46 (9.6.1884) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 46 (9.6.1884)
Date
1884-06-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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sich auf den wohlriechenden Teppich streckte und reckte. Unweit von ihm schlängelt sich in zierlichen Windungen ein Bach, dessen Rauschen und Plätschern seinem Ohr so wohl that. Er sprang auf. Da erblickte er einen wundervollen Garten mit duftigen, schattigen Alleen, Blumenbeeten mit bunter Farbenpracht, Rasenplätze mit saftigem Grün, Fontaine mit Hellem Wasserstrahl. Ein süßer Vogelgesang aus den Wipfeln der Bäume grüßte seinen Eingang in den Garten. Ihn ergiff ein so süßer heiliger Schauer, wie er ihn noch niemals empfunden. Aber überrascht blieb er stehen. Mitten in dem Garten stand sein Vater mit königlichem Gewände geschmückt, ein überirdischer Glanz strahlet auf seinem Gesichte. . „Vater!" — schrie er laut und freudig auf — „Kannst Du meine That verzeihend" „„Komm an meine Brust"" — sagte der Vater liebevoll.— „„An meine Brust, Du irregeleiteter Sohn!"". Er umschlang seinen Vater und drückte heiße glühende Küsse auf seine Hand, aber dieselbe wurde ihm jäh entzogen. —, Mit schwachem Schrei schlug er seine Augen auf und schloß sie gleich wieder. Dann öffnete er sie und sprang wie electerisirt empor. — Es war ein Traum! — , lieber ihn war eine junge Dame gebeugt, welche ihn mit den großen, wundervollen, braunglänzenden Augen mitleidsvoll betrachtete. Es war ein Antlitz von ungewöhnlicher Schönheit, das aus dem leicht um das Haupt geworfenen Schleier hervorblickte. Die junge Dame mochte wohl erst neunzehn Jahre zählen. Der Ausdruck ihrer Gesichtszüge zeigten jene Weichheit und Zartheit der Linien, die dem Gesicht die Lieblichkeit und anheimelnde Harmonie geben. Die großen braunen Augen, die sich unter den langen Wimpern aufschlugen, sie blickten zwar jetzt ernst und mitleidsvoll, aber sie können auch schalkhaft und neckisch anfleuchten. In ihren von zartem Roth angehauchten Wangen sind die Spuren von reizenden anmuthigen Grübchen, die bei jedem Lächeln um den schön geformten Mund und um die rosigen Lippen sich noch tiefer graben. Die dicke Haarflechte, welche sich unter dem Schleier hervorstahl, ist von jenem wundervoll, leuchtenden Goldbraun, welches vom Sonnenglanze umflossen einen unwiderstehlichen Reiz ausübt. Voller Bestürzung und mit großer Spannung starrte der Amtsrichter Stein in das Gesicht der jungen Dame, die ihm wie ein höheres Wesen jvorkam, da er nicht genau wußte, ob er schon wache oder noch träume. In dem Gesichte der jungen Dame zeigte sich ebenfalls eine leichte Ueberraschung und eine flammende Rothe überfluthete mit purpurnem Hauch ihre Wangen. „Herr Amtsrichter Steinl" — sagte' sie mit kaum vernehmbarer Stimme. Ihre Worte wurden zwar sehr leise gesprochen, der Amtsrichter schien sie jedoch gehört zu haben, denn seine Augen flammten fragend auf; aber er vermochte keinen Laut hervorzubringen. Das Mädchen verstand die Vorgänge seines Innern zu deuten. Sie machte eine freundliche, doch kühle Verbeugung und dann sagte sie mit ihrer sanften, wohlklingenden Stimme: „Ich wollte das Grab meines vor zwei Wochen verstorbenen Onkels besuchen, bevor ich die Rückreise zu meinen Eltern antrete. Wer kann nun meine Bestürzung schildern, als ich einen Mann, in tiefer Ohninacht mit dem Kopfe auf den Grabstein gelehnt erblickte. Im ersten Augenblick dachte ich nicht anders, als daß ein Unglück passirt sei und schüttelte Sie nach Leibeskräften, damit Sie zu sich kämen, aber vergebens! Schon wollte ich die Hilfe des Todtengräbers in Anspruch nehmen, da ergriffen Sie meine Hand und — --- — —-!" Eine jähe Rothe erglühte abermals auf ihrem Gesichte. „Fühlen Sie sich jetzt wohler?" — frag sie nach einigen Augenblicken, als er noch immer ganz sprachlos dastand und sie mit eigenthümlichen Blicken ansah. „O so wohl, mein Fräulein, wie noch niemals zuvor!" — rief er mit freudig bewegter Stimme aus und Helle Freude leuchtete aus seinen Augen. Das Mädchen schaute bestürzt und fragend zu ihm empor. „Ich wollte das Grab meines Vaters besuchen!" — versetzte er, den freudigen Ton in seiner Stimme, welcher das Mädchen erschreckte, dämpfend. — „Da wurde es mir plötzlich so unwohl, daß ich ohnmächtig zusaunnenbrach. O, ich danke Ihnen aus dem' Grunde meines Herzens für Ihre freundliche Theilnahme und werde diese niemals vergessen!" (Fortsetzung folgt.) Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deS .Israelis gr. Bleiche 45. I. GottSleden'S Buchdruckerei (MainzrrAnzeiger).

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