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Der Israelit · 1884-06-09 · Heft 46 (9.6.1884) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 46 (9.6.1884)
Date
1884-06-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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765 herrscht, wie viele bittere Thränen vergoffen werden und wie viele Ruse der Verzweiflung zum Himmel dringen; man kann sich dies bei einiger Phantasie leicht vorstcllen und Derjenige, dessen Herz hierbei nicht eine Regung des Mitleids empfindet, darf kaum Anspruch erheben, zur gebildeten, civilisirten Menschenclasse gerechnet zu werden. Und doch ist das Gesetz von Jenen ausgegangen, die vor Allem berufen sind, das Volk auf den Weg der Civilisation zu führen, die Kammern haben es mit Freuden begrüßt und nahezu das ganze Land hat den Volksvertretern, die das Gesetz votirten, zugejubelt. Der Bettler darf in den Straßen den Vorübergehenden die Hand entgcgenstreckcn und um ein Almosen flehen, das ist gestattet — oder die Arbeit ist verboten. Daß man den eigentlichen Grund des Verbotes verschweigt, zeigt wenigstens, daß gewissen Personen noch ein Reftchen von Schamgefühl innewohnt, weil sie sich scheuen, vor Europa zu bekennen, daß sie als stille Würger systematisch an der Ausrottung einer Religionsgemeinschaft arbeiten. — Barbarisch nennen wir das Zeitalter, in welchem die Ketzer verbrannt wurden, ist es vielleicht weniger grausam, Menschen dem langsamen Hungertod zu überliefern? , Feuilleton. Aus dem Leben eines orthodoxen Aabbiners. Skizze von Dr. Sta . . . (Fortsetzung.) 5. Capltel. Noch nicht ganz erloschen. Sprachlos vor Staunen und Entsetzen starrte der Amtsrichter Stein dem Männchen nach, das ihm mit fliegendem Athem, mit unheimlich blitzenden Augen die Worte zugeflüstert. Was meinte Nebb Schmelke mit seinen letzten Worten? Der Nochum hat sich blos taufen lassen, nicht aber das Herz seines Vaters gebroch-- --? Sollte Nebb Schmelke seinen Hut an ven Knopf dieses Grabsteines befestigt haben? — Und er glaubte darin einen Fingerzeig des Himmels entdeckt zu haben! —-Er lachte laut und hohnvoll auf und fuhr mit der Hand über die Stirn, sie glühte und an den Schläfen pochte es gewaltig. — In seinem Aussehen war plötzlich eine Veränderung vorgegangen. Die Fjebergluth, die vorhin noch sein Gesicht bedeckte, war einer geisterhaften Blässe gewichen. Seine Augen rollten in dunklem, wildem Glanze. Seine Stimme klang bald heiser, bald unheimlich hohl, als er laut aufschrie: „Sollte es wirklich keine Sühne für meine große Schuld geben, soll Deine Strafe so hart sein, allmächtiger Gott!" Plötzlich wich die Starrheit aus feinen Zügen und die Aufregung, die ihn so jäh ergriffen, schien sich durch die Beschäftigung mit milderen Gedanken zu legen; der Schein freudiger Gcmüthsbewcgung glitt über fein Gesicht und glättete jede Furche auf der Stirn und um den Mund. „Nein, nein!" — rief er mit lauter Stimme aus — „Wenn ich an Allem zweifle, an dem Strom Deiner ewig fluthenden Güte und Liebe, Du Höchster, will ich nicht zweifeln! Du bist gütig und gnadenvoll, Du zeigst den Sündern den Weg der Buße. Du selbst ebnest ihnen den Pfad zu Deiner Vaterliebe! Mögen ihre Thaten noch so grauenvoll und schreckenerregend sein; mögen sie noch sosehr Deinen ewigen Gesetzen zuwider gehandelt haben, Du bist reich an Huld und Gnade! ' — Er hatte seinen Kräften zn viel zugemuthet, solcher Aufregung war er nicht gewachsen! Er empfand einen stechenden Schmerz in der Brust, ihm wurde esschwindelich vor den Augen und mit lautem Aufschrei brach er zusammen. Wenn die Aufregung und Nervenerschütterung des Menschen den höchsten Punkt erreicht; wenn Freude oder Kummer, Jubel oder Schmerz das Gemüth mächtig bewegt haben, so ist eine wohlthätige Ohnmacht das beste Mittel - um ihn von einer erdrückenden Last zu befreien und die Wallung seines Blutes in den gewöhnlichen Gang zu bringen. Zuerst war es ein dumpfes Gefühl, welches des Amtsrichters Sinne gefangen nahm. Kalte Schweißtropfen perlten an seiner bleichen Stirn und ein Fieberfrost schüttelte seinen ganzen Körper. Seine Brust rang keuchend nach Athem und er spürte, das Nahen des Todes mit allen seinen Grauen und Schrecken. Dann aber wich dieser Druck seines Geistes einem wohlthätigen Schlafe und ein holder Traum zauberte das liebliche Lächeln eines unschuldigen Kindes um seine Lippen. Jeder schmerzliche Zug schwand ans seinem Gesichte und der Purpurschimmer einer Hellen Freude erglänzte auf seinen Wangen. Er athmete leicht und sanft. Der Engel des Traumes hat liebevoll seine Arme um ihn geschlungen und schwang seinen Zauberstab vor seinen Augen. Da sah, er sich weit von diesem Platze entrückt. Ein lieblicher, milder Hauch webte ihm Kühlung zu, er öffnete seine Augenlider — ah! welche Pracht und Herrlichkeit offenbarte sich da seinem Blicke! — Die glänzende Sonne überfluthet mit ihrem Strahlenmeer eine mit wundervollem, frischen Grün geschmückte Wiese. Der Graswuchs ist so üppig, so vollsaftig, daß der Amtsrichter mit großem Behagen

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