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Der Israelit · 1884-06-09 · Heft 46 (9.6.1884) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 46 (9.6.1884)
Date
1884-06-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Berlin, 6. Juni. DerUnterrichtsminister hat in einem Erlasse vom v. April d. I. erklärt, daß jüdische Schüler in Volksschulen gegen den Willen der Eltern oder deren Stellvertreter an den Sabbaten und jüdischen Feiertagen zum Schulbesuche nicht angehaltcn werden dürfen, und in dieser Beziehung eine anders urtheilende Bezirksregierung berichtigt. „Da die Schulverwaltung die Bestimmung getroffen hat, daß den Anträgen jüdischer Eltern auf Befreiung ihrer Söhne vom Sonnabend-Unterrichte an höhern Lehranstalten entsprochen werde, und dabei keinen Unterschied macht, ob die in Frage kommenden Schüler noch dem schulpflichtigen Atter angehören oder nicht, so fehlt es an einem ausreichenden Grunde, die Anträge jüdischer Eltern der Volksschüler weniger Berücksichtigung in dieser Beziehung finden zu lassen. Selbstverständlich kann die Schule keinerlei Verantwortung für die aus derartigen Schulversäumnisien für die betreffenden Schulkinder entstehenden Folgen übernehmen." Die Kreisschulinspektoren werden ermächtigt, die jüdischen Kinder auf den Antrag ihrer Ettern beziehungsweise der Stellvertreter derselben nicht nur an den hohen Feiertagen, sondern auch an den Samstagen behufs Thcilnahme an dem Synagogen-Gottesdienste von dem Schulbesuche zu befreien. Auch bemerkt der Minister, daß diejenigcu jüdischen Kinder, welche an den Feiertagen oder Samstagen die Schule besuchen, während des Unterrichts zu schriftlichen Arbeiten gegen den Willen der Ettern nicht angehalten werden dürfen. Berlin, 6. Juni. Gestern und ehegestcrn tagte hier die projectirte Rabbinversammlung. Außer den 41 Herren, welche die Einladungen versandt hatten, waren noch 28 erschienen, im Ganzen also 69. Es wird hier allgemein als eine Taktlosigkeit bezeichnet, daß die Herren unter dem Ausschlüsse der Oeffentlichkeit verhandelten. Dem „Berliner Tageblatt" vom heutigen Datum wird darüber geschrieben-: „Zn der „Staatsbürger Zeitung" und im „Deutschen Tageblatt" finden" wir unter der Ueberschrisl „Jüdische Intoleranz" eine Klage darüber, daß einem christlichen Berichterstatter der Eintrit zu derNabbinertonseren; versagt worden sei. Dir fiirden diese Klage der betrefsendeir Blätter durchaus gercchtsertigt und schließen uns derselben aus vollstem Herzen an. 4tur ist die Zurückweisung nicht allein dem belrcssenden „christlichen Berichterstatter", sondern überhaupt jeglichem Berichterstatter zu Theil geworden. Das Unrecht bleibt aber dcßhatb genau dasselbe." Die Versammlung bestand zum Theil aus Rabbinen, welche der so genannten Neformrichtung angehören, zum Theil aus ehemaligen Schülern des Breslauer Seminars und andern gleichgestimmten Seelen. Das Präsidium wurde Herrn Dr. Joel aus Breslau übertragen, deffenEröffnungsrede die großen Thaten der Versammelten in überschwenglichen Ausdrücken feierte. HerrDr.M a ib aum aus Berlin, welcher unlängst in einer von ihm herausgegebenen Schrift die göttliche Offenbarung, die Existenz unsers großen Lehrers Moscheh re, in das Reich der Fabel verwies, legte der Versammlung, eine Erklärung vor, die auf Antrag des Herrn Dr. Landau aus Dresden ohne Debatte angenommen wurde.*) Damit j war der erste Punkt der Tagesordnung erledigt. - — In der zweiten Sitzung wurde der zweite Punkt der Tagesordnung: „Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung des Religionsunterrichts" verhandelt. Es wurde von dem „Sinken des religiösen Lebens, der Verminderung der Anhänglichkeit an die Religion, dem Schwinden der ehemals so allgemeinen Opferfreudigkeit - und Widerstandsfähigkeit gegenüber Anfeindung und Beschränkungen von außen gesprochen; zu der Erkenntniß hat -sich jedoch die Versammlung nicht emporgeschmungen, daß die gerügten Uebelstände vielfach in der theils indifferenten, theils irreligiösen, theils antireligiösen Richtung der in Berlin versammelten Rabbiner ihre Ursachen haben. Wenn Rabbiner in Wort und Schrift die Göttlichkeit der Thora bekämpfen, wenn Andere in ihren Synagogen das Anlegen von Taliß und Tcphillin verbieten, wenn wieder Andere bei Leichenbegängnissen Diejenigen als fromme, gottesfürchtige Juden - bezeichnen, die im Leben öffentlich den Sabbat entweihet und andere spezifische Gesetze der jüdischen Religion übertreten haben, wenn im Religionsunterrichte der Jugend weisgemacht wird, daß die sogenannten Cermonialgesctze im Judenthume von untergeordneter Bedeutung seien, wenn in den Preßorganen dieser 4 Herren die gesetzestreuen Israeliten mit Hohn und Spott, mit Lüge und Verlänmdung überschüttet werden — was sollte da aus der Gemeinde werden, deren religiöse Angelegenheiten in den Händen solcher Rabbiner ruhen? Wer wird da nicht in ein altes jüdisches Sprichwort erinnert, das in drastischer Weise die Folgen derartiger rabbinischer Wirksamkeit für die Gemeinden charakerisirt? Aufrichtige Frömmigkeit und mustergiltiges religiöses Leben von Seiten der Rabbiner — das sind die Hauptmittel zur Hebung undFörderung der Religiösitäl innerhalb derGemeinden. — Als dritter Punkt wurde die Gründung eines Verbandes der Rabbiner Deutschlands beschlossen. — Die israelitische Gemeinde zu Berlin gab gestern Abend den 69 Herren ein Festmahl im Saale der Gesellschaft der Freunde: — Frankfurt a. M , 5. Juni. Die Familie des vor einigen Tagen in Brüssel verstorbenen und •) Der Wortlaut der Erklärung liegt mir noch nicht vor; er entspricht ungefähr der in der Einladung bekanntgegebenen und bereits in diesen Blättem erwähnten; ich werde den Wortlaut in meiner nächsten Korrespondenz mittheilen. -

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