Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1884)
- Date
- 1884-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449406-2449449--20259-2509864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/ 761 der braucht nur folgendes leichte Nechenexempel nachzurechnen. 41, sage Ein und vierzig Nabbinen haben ihre „verehrten Amtsdrüder" zu einer Versammlung der Rabbiner Deutschlands nach Berlin eingeladcn. Bei 41' Wirthen darf man doch, schlecht gerechnet, 42 Gaste voraussetzen. Die 41 Entrepreneure haben es aber nur aus 27.gcbracht, die dieser Einladung Folge geleistet baden, da Summa Summarum nur 68 Herren sich eingefunden hatten. Also in ehr Wirthe als Gaste, mehr Sch och tim als Hühner! Was es nun mit dem Titel „Versammlung der Rabbiner Deutschlands" auf sich hat, kann man an einem anderen Nechenexempel feststellen. — Auf dem am nDs o"r,n hier abgehaltencn Gemeindetag des DcuLsch-Jsraclitischen-Gemeinde-Bnndes gab der. Vorsitzende auf Grund der Bundes-Statistik die Zahl der Nabbinen Deutschlands auf 250—300 an. Demnach sind 68 Nabbinen gerade ein Viertel dieser Zahl. Drei Viertel der deutschen Rabbiner find also zu Hause geblieben, und das eine Viertel, das nach Berlin gepilgert ist, nennt sich! „Versammlung der Rabbiner Deutschlands" und. scheint wirklich keine Ahnung von der Lächerlichkeit zu habe», welche es sich damit angegehestet hat. Nach dem Beispiele jenes Schamesch, der zur Schul' klopfte, und sich daun wieder schlafen legte, in übrigens ein Theil von den Vcrufern der Versammlung selbst nicht erschiene!!. So glänzten z. B. die Herren Dr. Formsicchcr-Offcnbach, Löwenmcyer- Frankfurt a. d.O., Herxhcimer-Lcrnburg,'Nosenthal Beuchen durch ihre Abwesenheit. Letzterer der einzige Schüler Dr. Hildesheimers unter den 41, hatte seine Unterschrift vorher zurückgezogen. Von den sog. Hildesheimcrianern war kein einziger da. Dr.Orgel- Goldschmidt-Weilburg, der durch die jüngste Erklärung Dr. Hildesheimers nicht mehr dazu gehört, glänzte, in des Wortes wörtlicher Bedeutung, durch seine Anwesenheit. Der rechte Flügel der deutschen Rabbiner war also gar nicht vertreten, und auch der linke Flügel fehlte fast ganz. Selbst der Vater der deutschen Nabbincrversammlungc» Dr. Philippson hielt sich ferne. Von den alten Taufpathcn des Rcformjudenthums war nur Dr. Adler-Cassel vertreten, der aber nicht mehr als Rabbiner fungirt. Das Gros der Versammlung bildeten Breslauer und da nur ein z-ien nicht wird, so gingen die paar anderen so vollständig unter den Breslauern auf, daß man den ganzen Charakter der Versammlung als ein Beudez-vous „der Breslauer unter sich" am kürzesten bezeichnen kann — daß bei dieser Gelegenheit die Breslauer Herren vor aller Welt konstatirt ha> ben, wie selbst sie unter sich, mit ihren Meinungen auseinandergeben, obwohl alle religiösen Differenzpunkte ausgeschlosien waren, ist auch eine von den Errungenschaften, welche die Besucher der Versammlung mit nach Hanse nahmen. Die Versammlung nahm am Mittwoch Morgen um 10 Uhr, im Saale der Nepräscntanten der jüdischen Gemeinde, in der neuen Synagoge, Oranienburgcrstraße, ihren Anfang, nachdem Dienstag Abend um 7 Uhr -ine Vorvcrsammlung stattgefundcn hatte. Die Gallerien waren geschlossen, auch wurden Karten nur in beschränkter Zahl und auf den Namen des Inhabers lautend ausgcgeben. Diese Beschränkung der Ocffentlichkeit ist auch ein Zeichen der Weisheit dieser modernen Weisen, mit der sie alles Folgende , würdig einleiteten. Die hiesigen antisemitischen Blätter haben sich dieses Umstandes in der That bereits bemächtigt. Aber auch anständige journalistische Kreise haben mit ihrer Verstimmung darüber nicht zurückgchalten. Ein Vertreter der National-Zeitung, der abgcwiesen wurde, sagte beim Weggehen: Die--■ (des Korrespondenten Höflichkeit unterdrückt die zwei drastischen Ausdrücke) scheut sich, einen Korrespondenten emzulassen, aus Furcht, daß man etwas ihnen Mißfälliges berichtet!" Für das „Berliner TagblaU" - berichtet ein Parteigenosse, was man außer der Schönfärberei der Berichte, auch dem Fr. ansieht, das davor steht und über den Verfasser keinen Zweifel läßt. Namens der hiesigen jüdischen Gemeinde wurde die Versammlung durch eine Ansprache des Geheimen Nath Herz begrüßt und durch eine Rede des Ehrenpräsidenten Rabbiner Dr. Joill-Breslau eröffnet. Dr. ttugertekdcr fungirte als erster und Dr. Bamberger-Königsberg, welcher die Diskussion leitete, als zweiter Vice-Präsident. , -- Zum Punkt 1 der Tagesordnung ist seitens der Einberufer der Entwurf einer öffentlichen Erklärung, die interkonfessionelle Stellung des Judenthums betreffend, den Mitgliedern des Kongresses unterbreitet worden, welcher folgenden Wortlaut hat: „Das Gebot der Nächstenliebe, welches im 3. Buch Moses Kap. 19 V. 18 mit den Worten: ..Und du sollst lieben deinen Nächsten, wie dich" selbst, ich bin der Ewige!" verkündet wird, bezieht sich nicht allein auf den Stammes- oder Glaubensgenossen, sondern ist, ebenso wie das daselbst Kap. 24 V. 22 verkündete Gebot der Gerechtigkeit: „Ein Recht sei euch, der Fremde iß mk der Eingeborene, denn ich bin der Ewige, euer Gott!" als ein uncingeschränkles, alle Menschen umfassendes Gebot anzusehen. — Jeder, fcer sein Menschthum darin bekundet, daß er Gerechtigkeit übt, Liebe hethätigt und in Demuth wandelt vor Gott, gilt dem Judenthum,, auch, wenn er in einem anderen Bckcnntniß geboren ist, als theilhaftig der ewigen Seligkeit, nach