Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1884)
- Date
- 1884-06-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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843 Tie Regierung, von Gerechtigkeit und Wohlwollen beseelt, gewährt Freiheit des Enltns und Gleichheit Aller vor dem Gesetz. Der .unwissende' Thcil der Bevölkerung gicbt noch mitunter den veralteten Vor- »rthcilen nach, aber es wird bald die Zeit kommen, wo sic sich nicht mehr, wie kürzlich noch in Sofia, hinreißcn lassen wird zu Unbegründeten Anschuldigungen gegen die Israeliten und zu bedauerlichen Verfahren gegen dieselben. Folgendes hat sich in Sosi.. zngctragcn. Am vorigen 8. April trat ein Jude Namens Mordcchai Säbbctai mit seinem vierjährigen Söhnchcn in einen Schuhladen, nur dort einige Einkäufe zu machen. Als er fortging nahm er anstatt seines Kindes ein kleines bnlgarilches Mädchen mit, .das sich gerade dort befand und in demselben Alter als sein Söhncheu stand. Er wurde seinen Irrthum sehr! a!d gewahr und kehrte schleunigst zurück, um das kleine Mädchen ihrer Mutter znrückznsühren. Diese hatte im ersten Augenblick nicht den mindesten .Hintergedanken, aber einige Stunden später, als der Vater von dem Vorfall erfuhr und von seinen Freunden anfgchetzt wurde, begab sich derselbe auf die Polizei, uni Mordcchai zu verklagen und ihn zu beschuldigen, das; er-sein Kind habe entführen wolle», um cs limznbringen und dessen Blut zu den ungesäuerten Brodcn zu verwenden. Der Polizeibcamte, welcher sogleich das Irrthümliche dieser Anklage crlannte, versuchte es, dem Klager dies klar zu machen, aber ans das Andringcn des Vaters und seiner Freunde, musste der Beamte die Sache zu Protoeoll nehmen und den Beschuldigten sestsetzcn lassen. Die'Zeitungen Sofia» bemächtigten sich augenblicklich dieser Angelegenheit und ihre Artikel brachten grostc Aufregung in dev Stadt hervor. Die jüdische Gemeinde, welche die beklagenswerthen Folgen, welche derartige Verlänmdnngcn oft in der Türkei hervorgebracht. befürchteten, beschloß sogleich sich an die Behörde zu wenden und Hülfe zu erbitten gegen die Ruhestörer. Die Behörden erfüllten diese Bitte aus 'das Wohlwollendste; der Polizcipräfcct lies; Wächter vor den jüdischen Häusern ansstellen; der Kriegkulinistcr des Nachts die Stadt abvatronlliren. Seinerseits berief der Metropolitan von Sofia die Geistlichkeit zusammeu und empfahl ihnen in den Dsterpredigten ihre Pfarrkinder zur Ruhe, zur Ordnung und zur Toleranz anzuhaltcn. Die Zeitungsdircctoren ihrerseits beeilten sich, ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß sie jene Anklage publicirt, und forderten ihre Vcfcr ans, einer so absurden Verleumdung keinen Glauben zu schenken. Dank den energischen Maßnahmen der Behörden und der vorzüglichen Haltung der Geistlichkeit und der Presse hat das Osterfest keine bedeutende Störung erlitten. Nichtsdestoweniger sind in die Synagoge, in die Schule und in rillige israelitischen Häuser Sosia's Steine geschleudert worden. Unglücklicherweise zeigte sich die Landbcwohnerschast weniger ruhig als diejenige von Sofia. In Tzaribrod. einer kleinen Stadt des Fürstcnthnms, begaben sich zwei Bulgaren in das Haus eines ihrer isracl. Freunde, Ifaac Sckarya Levy; sie theilten ihm mit, das; seine Glaubensgenossen in Sofia drei christliche junge Mädchen gemordet hätten, und das; sie. ohne die Dazwischenkunft der Polizei auch noch eine vierte umgebracht haben würden. Sie fügten hinzu, das; sie selbst nun gekommen feien, um - ihn dafür mit dem Tode zu bestrafen. Angesichts des Dolches, welchen der eine Bulgare gegen ihren 'Vater erhob, brach die kleineachtjährige Tochter des Levy in Thräncn ans. Das Jammern des Kindes rührte die Angreifer, welche das Versprechen abgaben, dem Levy nichts zu thnn unter der Bedingung, das; er sich verpflichtete, binnen vier Wochen Tzaribrod zu verlassen, andernfalls sie seine Maaren plündern und ihn sowie alle Israeliten der Stadt ümbringen würden. Levy versprach, sich dieser Bedingung zn fügen und eilte am nächsten Tage nach Sofia. In derselben Stadt wurden zwei den Israeliten gehörige Läden geplündert, und mußten die Opfer dieses Raubes nach Sofia flüchten. In Komfchtitza, einem Dorfe bei Tzaribrod, hat die bulgarische Bevölkerung den Inden gleichfalls gedroht sie umzubringcn, um sie wegen des von ihren Glaubensgenossen in der Hauptstadt verübten Mordes zn bestrafen. Die Israeliten von Komfchtitza mussten fluchten, um sich dieser Gefahr zn entziehen. In diesem Augenblicke ifl die Ruhe so ziemlich wieder hergestellt. E. n g l a n d. London.. Der Ehief-Rabbi, Herr Dr. N. Adler hat an den Präsidenten der United Synngogue, Sir Rathaniel v. Rothschild ein Schreiben gerichtet, in welchem er anordnct, daß am 7. Ehcschwan, Sonntag den 26. Oktober, an welchem Tage Sir Moses Montcsiore sein 106. Lebensjahr vollendet, in allen Synagogen des britischen Reiches ein besonderer Dankgottesdienst stattsindcn soll. London. Bei seiner Darlegung über die! Schulen Englands im Unterhanse sprach sich der Unterrichtsmiuistcr, Herr Mondella, folgendermaßen , über die hiesige jüdische Freischule ans: Die Londoner Inden haben die größte Schule im vereinigten Königreiche, wenn nicht in ganz Europa. Dieselbe ist von 6300 Schülern besucht und der durchschnittliche Schulbesuch derselben erreicht den hohen Procentsatz von 950/o. Viele dieser Kinder sind fremden