Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 43 (29.5.1884)
- Date
- 1884-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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717 Daher können wir in der Kirche uns nicht mit; Musik cinlaffen, die geht einen, andern Weg, zum : Wenigsten dürfen wir sie nickt allein gehen und uns; von ihr führen lagen. Anstatt das Präludium einige; Minuten lang, während der heiligen Stunde anzu-; hören, oftmalen die Phantasie, die Neminiscenz, den! Einsall eines Organisten, der die ganze Woche | den Kindern des Orts Clavierstnnden giebt oder ein viel häufigerer Fall, der von Montag Morgen bis Sonnabend Mittag Schule hält, singen wir lieber einen Gesangvers mehr. Wir singen. Das Singen halten wir, unangesehen das Musikalische darin, welches wir blos aufnehmen, weil sonst kein Gesang statisinden könnte, — das Singen halten wir für einen gemeinschaftlichen und gleichzeitigen Ansdruck der laut werden wollenden andächtigen Seele, was denn allerdings die andächtige Seele höher hebt und auch wohl eine die es nicht ist, andächtig machen kann. Aber auf das Singen wirkt die Orgel schädlich. Einmal, wie vorhin, sie befördert die Singunfertigkeit. Thäte sie das absolut? Ja, sie mindert die Sorgfalt, sich mit der Melodie bekannt zu machen und sie einzuüben, denn, heißt es, für den richtigen Gesang sorgt ja die Orgel, der folgen wir, auf die verlassen wir uns. Ferner, sie schwächt das Wohlgefallen am Singen, indem man zumal bei einer starken Orgel in mäßiger Versammlung immer die Orgel und nicht die Menschenstimme hört, und bei einer kleinen Orgel die meistens schreienden schneidenden Orgelstimmen zwischen den Zeilen hören muß. Nach diesen, es tritt bei einer Orgel nur gar zu leicht ein, daß Organist und Gemeinde mit einander zerfallen und alsdann die Gemeinde von der Orgel herab in einer und andern Weise geschulregelt wird, die alsdann entweder sich nicht fügen will, oder schüchtern wird und kaum hörbar oder gar nicht singt, jedenfalls aber wird durch die Orgel das Ohr auf sie gezogen zu einer Aufmerksamkeit, die im Gotteshause nicht stattfinden sollte, wenn es auch nur die Aufmerksamkeit ist, daß man auspassen muß, wann der Organist dann langsamer, dann schneller, dann sehr schnell die folgende Zeile wieder anschlägt, nach seinen Verstand und Nichtverstand. Das nenne ich die Schädlichkeit der Orgel, ihre absolute wesentliche Schädlichkeit. Wenn wir nun noch hinzuzählen, von welcher Beschaffenheit so oft das Instrument ist, wie nichtig in mancher Kirche und wie verstimmt zuweilen, wie ungeschickt mancher Organist, wie taktlos und wie frivol, dies hinzugezählt, so meine ich könnten wir wohl lieber die Entfernung als die Beibehaltung der Orgeln wünschen. Des Letztern, der Frivolität oder wenigstens der Taktlosigkeit eine Probe, die mir Jemand von Lande zugeschickt hat. Sie betrifft besonders die Zwischenspiele. Diesen ist ein passender Text untergelegt und eine ähnliche Menschenstimme. Der Mitthciler versichert, die Zwischenspiele oft so gehört zu haben, als wenn sie diesen Text hätten, ich gebe seine eigenen Worte: Die Zwischenspiele vieler Organisten machen auf mich einen solchen Eindruck, als wenn ich dcclamiren hörte: Weicht und quält mich nicht ihr Sorgen, — 's ist mir alles eins, 's ist mir alles eins, — Mein Versorger lebt und wacht, — ob ich Geld Hab oder keins, — Meinem Herrn ist nichts verborgen, — Wenn ich Geld Hab bin ich lustig. Ein anderes: Wir liegen hier zu deinen Füßen, — Vivallcrallcra, — O G. von großer Güt und Treu. — Ja, ja, ja, ja, ja. ja, ja, ja, — Und fühlen jeder im Gewissen, — schwippen, schwappen, schwippen, schwappen, schwippen, schwappen voll! — Wie reif zur Strafe jeder sei. — Hurrah, hurrah, hurrah. Ein anders: Was soll ich ängstlich klagen, — Bruder; was wachste vorn Gesicht? — Und ohne Hoffnung zagen? — Laß die Grillen fahren! — Der Höchste sorgt für mich! — G. verläßt keen deutschen uich. Ein. andres: Ich bin ein Pilger in der Zeit. — Nudel Pudel, Rudel Pudel, Nudel Pudel. Putt! — Die Mittheilung ist noch größer, — Was sagen Sie dazu? Hätte nicht mancher von Ihnen auch so Zwischenspielen hören? Allein Sie sagen, abusus non tollit usum, da müsse man Zusehen, daß nicht also gespielt würde. Unser dritter Punkt. Es giebt kein Mittel, welches hinlänglich ist, um die Schädlichkeit der Orgel abzühalten! Wiefern die Schädlichkeit in der Orgel selbst, abstrakte, liegt, kann ja nicht einmal von einem adu8us und also von keinem Abhaltungsmittel die Rede sein. Aber wir wollen im Conkreten sprechen. Wenn die Orgel ein alter verfallener Rumpelkästen ist, darauf sich nun einmal nichts Würdiges machen läßt, können Sie eine neue Orgel oder eine kostbare Reparatur veranstalten? oder wenn sie zu klein ist? Ferner, wenn Sie einen ungeschickten Organisten haben, der Ihnen sagt wie cs einmal so ungefähr in der allgemeinen Kirchenzeitung hieß: Herr Prediger, Ihnen gehört die Kanzel und mir die Orgel, ein jeder bekümmere sich um seins? Angenommen, daß Sie ohne musikalische Kenntnisse sind, angenommen, was damit verbunden zu sein pflegt, daß Sie keine Opernstücke, und nicht die Drehorgclstücke einmal kennen, die Zauberflöte, den Don-Inan, den Freischützen nicht, was sollen Sic machen wider Ihren Organisten? mit welchen Beweismitteln wider ihn austreten vor seiner und Ihrer Behörde? Hiermit wollen wir unsere Verhandlungen über die Orgel schließen. Ich beschcide mich, daß ich in manchem Stück einer irrigen Meinung sein könne,